Missbrauchsskandal in Belgrad Junge Schauspielerinnen klagen an

In der Fußgängerzone von Belgrad: Hier ist auch die renommierte Schauspielschule, auf die nun ein dunkler Missbrauchsschatten fällt. Foto: imago
In der Fußgängerzone von Belgrad: Hier ist auch die renommierte Schauspielschule, auf die nun ein dunkler Missbrauchsschatten fällt. Foto: imago

Ein Missbrauchsskandal an der berühmtesten Belgrader Schauspielschule erschüttert nicht nur Serbien. Auf dem ganzen Balkan melden sich nun Schauspielerinnen zu Wort. Jahrelang haben sie geschwiegen – und sich geschämt.

Korrespondenten: Thomas Roser (tro)

Belgrad - Ihr Dozent an der Belgrader Schauspielschule war für die serbische Schauspielerin Milena Radulovic jahrelang ein Vorbild, eine Vaterfigur. M. A. sei zwar sehr streng, aber ihre Klasse wie eine „zweite Familie“ für sie gewesen, sagte die heute 26-Jährige der Zeitung „Blic“: „Ich war 17 Jahre alt und sechs Jahre an der Schule von M. A., als er mich vergewaltigte. Das geschah nicht nur einmal. Es wiederholte sich.“

Die Verhaftung des heute 68-jährigen Schuleigentümers am Wochenende und die erschütternden Berichte seiner Opfer haben nicht nur in Serbien ein mediales Erdbeben ausgelöst. Als verspätetes Balkan-Metoo hat der Missbrauchsskandal grenzüberschreitend viele Schauspielerinnen dazu veranlasst zu erklären, dass sie von Dozenten oder Regisseuren missbraucht worden seien.

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„Die Geschichte, die eine Lawine losgetreten und Serbien gestärkt hat“, titelt die Zeitung „Danas“. Radulovic und vier weitere Kolleginnen, die ihren früheren Dozenten gemeinsam bei der Polizei anzeigten, hätten für „eine Revolution in unserer Gewaltkultur“ gesorgt, sagt die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic.

Die Schule galt als Sprungbrett für junge Talente

Die Privatschule in der Belgrader Fußgängerzone galt für Schauspieltalente seit Jahrzehnten als Sprungbrett. Alljährlich versuchen Hunderte von Eltern, für ihre Kinder einen der wenigen Plätze zu ergattern. Nur sieben, acht Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren wurden von M. A. pro Jahr ausgewählt. M. A. achtete selbst auf saubere Fingernägel seiner Schützlinge und ließ sie mit einem „Vater unser“ den Unterricht beginnen: Insgesamt 3000 Kinder hatten in den vergangenen 35 Jahren den Unterricht und die Workshops des früheren Regisseurs und Schauspielers besucht.

Doch sobald seine Schützlinge älter wurden, sollten seine Einzelbesprechungen im Zimmer neben dem Unterrichtsaal für junge Frauen zu traumatischen Erfahrungen werden. „Ich sagte mir, M. ist für mich wie ein Vater, es ist nicht möglich, dass das geschieht“, so die heute 24-jährige Schauspielerin Iva Ilincic: „Ich schämte mich, weil er mich missbrauchte, nahm seine Schande auf mich. Ich war klein und begriff nicht, dass ich nicht Komplizin, sondern Opfer eines außerordentlich intelligenten Mannes war.“

Der Skandal hat Corona von den Titelseiten verdrängt

Anfangs habe sie Ohnmacht und Schwäche und danach vor allem „eine unglaubliche Scham“ verspürt, so die heute in Russland lebende und arbeitende Milena Radulovic. Wie andere Leidensgenossinnen versuchte sie ihr Trauma zunächst mit Psychotherapie aufzuarbeiten. Erst nach einigen Jahren habe sie die Kraft gespürt, den Kontakt und das Gespräch mit anderen Opfern von M. A. zu suchen.

Der Skandal hat in Serbien selbst Corona von den Titelseiten verdrängt. Inzwischen habe sich weitere Zeugen und Opfer des in Untersuchungshaft einsitzenden M. A. bei der Polizei gemeldet: Laut Presseberichten steht er unter dem Verdacht, seit 2008 sechs seiner Schützlinge vergewaltigt und fünf weitere sexuell belästigt zu haben.

In Bosnien hat der Skandal vier Schauspielerinnen dazu veranlasst,die Facebook-Selbsthilfegruppe „Nisam trazila – Ich habe nicht darum gefragt“ zu gründen. Die Plattform solle ein „sicherer Ort“ für Frauen sein, um ihre Missbrauchserfahrungen bei der Arbeit oder in der Ausbildung öffentlich zu machen.




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