Metzgerei in Stuttgart Eine Institution im Westen: Der Schneider macht immer noch Wurst

Albert und Wolfgang Schneider vor der Metzgerei im Westen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Albert Schneider ist fast so alt wie sein Unternehmen. 90 Jahre alt wird der Mann, der dafür gesorgt hat, dass die Metzgerei Schneider anders als viele Konkurrenten eine Zukunft hat.

Natürlich trifft man sich im Laden. Dort, wo der Metzger Schneider seit 76 Jahren residiert, wo er zum Stadtbild gehört – und wo Albert Schneider aufgewachsen ist. Im Eckhaus an der Gutenbergstraße. Generationen von Stuttgartern standen dort am Tresen, haben ihre Rouladen, Saiten und Rostbraten gekauft oder als Kind ein Rädle Lyoner bekommen.

 

Vater und Sohn sind da. Albert (89) und Wolfgang (66) Schneider stehen im Verkaufsraum und zeigen, was sie so zu bieten haben, wohin sich die Metzgerei seit 1934 entwickelt hat. Und fast jedes dieser 92 Jahre hat Albert Schneider mitbekommen. Gelebt haben sie hier. Einige Stockwerke über dem Laden. Wir sitzen in der Wohnung auf einer Eckbank, längst schon wohnen sie hier nicht mehr, wird sie genutzt zum Päuschen machen.

Das erste Geschäft an der Forststraße Foto: Schneider

Tief verwurzelt sind sie hier, tief im Westen. Metzgermeister Karl Schneider hat das Geschäft 1934 in der Forststraße 90 gegründet. Während er Soldat war, hat seine Frau Emilie den Laden am Laufen gehalten. Als eine Fliegerbombe das Geschäft zerstört, ziehen sie um, in eine Metzgerei in der Ludwigstraße, wo die Männer für Groß-Deutschland kämpften und starben. Albert erinnert sich noch gut an diese Jahre. An das Rennen in den nächsten Bunker oder Keller. An die Trümmerstadt, den Einmarsch zunächst der Franzosen, dann der Amerikaner. An das Ziegelsteine schleppen und aufräumen. An die nasse und kalte Außenwand, an der er schlafen musste, weil man nicht heizen konnte. An die Lungenentzündungen als Bub, die er mit knapper Not überlebte. Und an die Hilfe am Olgäle, an das er heute noch spendet. So wie an seinem 90. Geburtstag, dem 7. März.

Mit 13 lernte er Metzger. Eigentlich wollte er Koch und Konditor werden. Die Eltern bekunden ihm, dass er Metzger werden müsse. Wie so viele seiner Generation bekam er an Schulbildung das allernötigste, musste schnell erwachsen werden. Doch bei der Arbeit und auf der Straße lernte er, was einem die Lehrer an der Volksschule nicht vermitteln konnten. Mutig sein, Chancen erkennen und nutzen, gemeinsam mit dem ihm offenbar angeborenen Dickkopf machte er den Metzger Schneider zu einer Marke, die bis heute überlebt hat. „In meiner Jugend gab es noch 400 Metzger in Stuttgart, jetzt sind es noch fünf selbstständige.

Er hat gekocht – und wurde verspottet

Sehr früh wurde in der Gutenbergstraße nicht nur gemetzgert, sondern gekocht. Rundherum wurde aufgebaut und geschafft, die Versicherungen zogen ein in die umliegenden Büros. Kantinen hatten die wenigsten. Da half der Schneider. Und lieferte Essen. Den Spott seiner Kollegen gab es gratis dazu. Als er im Großmarkt in sein Auto steigen wollte, hatte jemand „Suppenkaspar“ drauf gekritzelt.

Gut, der Prophet gilt im Schlachthaus halt nix. 1952 hatten sie schon Maultaschen verkauft, nach dem Rezept von seiner Mutter. Bis heute machen sie das. Als erste überhaupt boten sie ihre Maultaschen vakuumverpackt an. Dass sein früherer Küchenchef 1973 zu Bürger ging, erzählt Schneider so en passant. Es ging voran. Für alle.

Emilie Schneider im Stammhaus Foto: Schneider

Beim Metzger-Herbstball hatte er Elfriede kennengelernt. 1959 heirateten sie, übernahmen das Geschäft 1963. Und bauten es aus. Eine Filiale gab es alsbald an der Ludwigstraße. An der Gutenbergstraße bauten sie eine Großküche, mit der Wurstküche zogen sie 1967 nach Bad Cannstatt. Täglich 1000 Mittagessen produzierten sie, einen Partyservice gab es, 300 Kilo Maultaschen machten sie täglich. Alle großen Kaufhäuser belieferten sie, bei der Einweihung des Karstadt-Haupthauses an der Mönckebergstraße in Hamburg gab es Schwäbisches vom Schneider.

Bis das Wachstum stockte. Die Kaufhäuser fusionierten. In den Supermärkten gab es Fleisch. Günstiges. „Ich musste mir überlegen, schmeiße ich noch gutes Geld dem schlechten hinterher“, erinnert sich Albert Schneider. Er verkaufte den Betrieb in Bad Cannstatt, konzentrierte sich Anfang der 80er Jahre auf das Stammgeschäft im Westen.

Albert und Elfriede Schneider bei der Hochzeitsreise Foto: Schneider

Das Sohn Wolfgang übernehmen sollte. Der tatsächlich auch Metzger gelernt hat. Schlachten am Fuße der Alb, Verkaufen beim Böhm. Doch gelernt ist halt gelernt. Und so wuchs der Schneider wieder. 15 Filialen nannten sie bald ihr eigen, zogen mit der Firmenzentrale, Zerlegung, Verwaltung und Direktverkauf nach Freiberg am Neckar. 1999 zog sich Albert Schneider aus dem täglichen Betrieb zurück, reiste mit seiner Frau, widmete sich dem Ehrenamt beim Karnevalsverein Zigeunerinsel.

Nach und nach haben sie ihre Filialen aufgegeben, nicht, weil das Geschäft schlecht gelaufen wäre. Im Westen haben sie natürlich mit dem Abgang der Versicherungen zu tun, wer nicht mehr dort schafft, isst keinen Mittagstisch und packt am Freitag nicht den Sonntagsbraten ein; aber das größte Problem ist tatsächlich, sie finden keine Fachverkäufer mehr. „Wer will noch samstags schaffen?“, fragt Wolfgang Schneider. Montags lassen sie extra zu, damit ihre Leute auch zwei Tage am Stück frei haben, trotzdem finden sie kaum jemanden. Jetzt haben sie über die Innung zwei Lehrlinge aus Indien geholt, zwei weitere werden folgen.

Was passiert mit den Bauern?

Zu schaffen macht ihnen auch die Lage der Bauern im Südwesten. Regional einkaufen, wollen sie. Ihre Lieferanten kennen. Doch zunehmend mehr Bauern hören auf. „Es lohnt sich einfach nicht mehr“, sagt Wolfgang Schneider, „unsere Betriebe können über den Preis nicht mit der Konkurrenz in Ost- und Norddeutschland konkurrieren, geschweige denn mit Südamerika.“ Das bereitet ihnen Sorge, denn an der Qualität können und wollen sie keine Abstriche machen. Nun hoffen sie, dass der Schlachthof Gärtringen bald wieder öffnet und so manchen Bauern dort dazu bewegt, weiterzumachen.

Sie glauben an die Zukunft. Mittlerweile sind die Enkel Kevin und Marc im Geschäft, Metzgermeister, Betriebswirte und Fleischsommeliers. Mit Fleisch einkaufen und verkaufen ist es schon lange nicht mehr getan. Das Hauptgeschäft findet schon lange nicht mehr an der Theke statt, sie beliefern zahlreiche Handelspartner, Wirte beim Volksfest, Großkunden tragen zum Umsatz zu 80 bis 90 Prozent bei.

Die Schneiders in ihrem Laden Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Den Laden wollen sie trotzdem behalten. Schon allein der Stammkunden wegen. Und dann kriegt man natürlich auch mit, was die Leute so essen wollen. Vegetarisches klar, haben sie auch, „aber wer ein gutes Stück Fleisch isst, braucht keinen hoch verarbeiteten Proteinriegel essen“, sagt Schneider junior. Rinderbäckchen sind wieder in. Und das Dry aged Steak, nun ja, das kennt der Albert Schneider noch von früher. Da reifte der Rostbraten an der Luft, da gab es nämlich noch keine Kühlung. Und schon damals galt, was Wolfgang Schneider als Grund für den Erfolg anführt: „Fleisch ist Vertrauenssache.“ Und ihnen vertrauen die Kunden bis heute.

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