Auf dem Verkauf der Immobilie im Waiblinger Ameisenbühl ruhen auch die Hoffnungen der Gläubiger der insolventen Metzgerei Kübler. Foto: Frank Rodenhausen
Das Aus der Waiblinger Traditionsmetzgerei Kübler nach 135 Jahren ist besiegelt. Allen Mitarbeitern ist gekündigt. Der Insolvenzverwalter sucht einen Käufer für die Immobilie.
Die Rolltore an dem Betonbau im Waiblinger Ameisenbühl sind geschlossen, das Licht ist aus. Dort, wo einst mehr als 100 Menschen täglich arbeiteten, ist nichts geblieben als Leere. Die Metzgerei Kübler, ein Unternehmen mit 135 Jahren Geschichte, ist nicht mehr. Am Amtsgericht Stuttgart ist vor gut zwei Wochen das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Das Urteil steht schon fest: Der Betrieb ist tot, die Rettung ausgeschlossen.
„Der Geschäftsbetrieb kann nicht mehr hochgefahren werden“, erklärt der Stuttgarter Rechtsanwalt Tibor Daniel Braun, der jetzt als ordentlicher Insolvenzverwalter über die Abwicklung wacht. Keine Produktion, keine Auslieferung, keine Hoffnung. Stattdessen: Verkauf, Verwertung.
Metzgerei Kübler: Alle 106 Mitarbeiter in Waiblingen gekündigt
Die letzten drei bis vier Angestellten arbeiten an einer nüchternen Aufgabe: Zeugnisse schreiben, Lebensläufe sortieren, die Personalakten der Kolleginnen und Kollegen schließen, die teils seit Jahrzehnten Teil der „Kübler-Familie“ waren. Alle 106 Mitarbeiter wurden bereits vor zwei Wochen gekündigt. Die meisten von ihnen haben Anspruch auf Insolvenzgeld für drei Monate – doch viele haben seit Januar keinen Cent mehr gesehen.
Was übrig ist? Leere Lager. Und laut Braun: kein Geld in der Kasse. „Es gibt nichts mehr, was produziert werden könnte.“ Alles, was sich noch versilbern lässt – Maschinen, Ausstattung, Markenrechte –, soll verkauft werden. Dann, vielleicht, findet sich ein Käufer für die Immobilie. Doch selbst der Verkauf des Gebäudes werde „bei Weitem nicht reichen, um alle Gläubiger zu befriedigen“, so Braun.
Der ehemalige Küblersche Imbiss startet demnächst mit neuem Besitzer und Lieferanten. Foto: Frank Rodenhausen
Immerhin: Der Küblersche Imbiss, in der Vergangenheit sehr beliebt bei Schülern des gegenüberliegenden Berufsschulzentrums, steht offenkundig kurz vor der Wiedereröffnung. Die Fassade des weiß-roten Häuschens ist mit „Wurstmeister“ beklebt. Lieferant wird allerdings mit Sicherheit nicht die Metzgerei Kübler sein.
Trauriges Ende eines Traditionsunternehmens
Deren Internetseite behauptet trotzig, was längst nicht mehr stimmt: „Ihr Garant für beste Fleisch-, Wurstwaren und Konserven-Produkte.“ Doch das letzte „Top-Angebot“ – Schweinebraten für 99 Cent pro 100 Gramm – stammt vom Januar. Der Geschäftsführer? Laut Impressum längst gestrichen. Philipp Kübler, einst Hoffnungsträger und Ideengeber, hat sich bereits Monate zuvor aus der operativen Verantwortung zurückgezogen. Gerüchte über eine angebliche Flucht nach Dubai kann der Insolvenzverwalter hingegen nicht bestätigen – ein Mitarbeiter seiner Kanzlei habe ihn erst kürzlich gesprochen.
Auch die Konzentration auf Halal-Produkte misslingt
Im Hof steht ein Zelt für den Resteverkauf. Foto: Frank Rodenhausen
Was war Kübler nicht alles: Symbol schwäbischer Handwerkskunst, gastronomischer Treffpunkt, Wurstversorger für halb Europa. Als „Großhandel für Jedermann“ gestartet, als Familienunternehmen gewachsen, als Vorzeige-Betrieb modernisiert. Millionen wurden in die Produktion in Waiblingen investiert. Sogar eine Bratstraße für Maultaschen und Gulasch wurde geplant – gefördert vom Land.
Doch was groß gedacht war, erwies sich als zu schwer für die Realität. Der Wandel im Konsumverhalten, der Druck durch Discounter, die wachsende Bedeutung fleischfreier Ernährung – all das nagte über Jahre an der Substanz des Betriebs. Kübler versuchte gegenzusteuern, setzte auf Halal-Produktion, auf Direktverkauf, auf Nachhaltigkeit. Der „Wurst Discounter“ verkaufte Lebensmittel mit kleinen Schönheitsfehlern an Menschen, die jeden Cent umdrehen müssen. Eine Idee mit Herz – aber ohne Deckungskraft.
Küblers Halal-Träume: Vom Aufbruch zur Insolvenz in Waiblingen
Noch im Februar klang Philipp Kübler kämpferisch. Halal, so verkündete er, sei der Markt der Zukunft. Europaweit sollten Supermärkte beliefert werden – mit Ware aus deutscher Produktion, tierschutzkonform und zertifiziert. Doch die Realität holte den Traum ein: Die angestrebte Kooperation mit einem großen Lebensmittelhändler platzte, Kunden sprangen ab, Aufträge blieben aus. Das Personal in Waiblingen, zuvor als „sicher“ bezeichnet, musste gehen. Stück für Stück brach das Kartenhaus zusammen.
Als dann auch noch Rückrufe die Runde machten – Schinkenwurst, Jagdwurst und Bauernpresssack in Dosen, nicht ausreichend gegart, potenziell verdorben – war klar: Das Vertrauen war dahin. Und Vertrauen ist im Lebensmittelhandwerk das einzige Kapital, das man nicht in Maschinen fassen kann.
Mitarbeiter der Metzgerei Kübler: Enttäuschung und Unsicherheit
Für viele Mitarbeiter, die zum Teil fünf Monate lang ohne Gehalt durchhielten, ist das Insolvenzverfahren nicht nur eine Enttäuschung – es ist ein Schlag ins Gesicht. Einige werden sich ihre Ansprüche vor Gericht erstreiten müssen. Ob dabei etwas herauskommt, ist fraglich.
Die Geschichte der Metzgerei Kübler ist mehr als ein Einzelfall. Sie steht exemplarisch für das leise Sterben vieler Traditionsbetriebe, die sich zwischen Globalisierung, Preisdruck und Konsumwandel aufrieben. Es ist das Ende eines Kapitels, das einst mit Handwerk und Hingabe begann – und nun im Schweigen endet.
Was bleibt, ist ein leeres Gebäude im Ameisenbühl. Eine Internetseite, auf der die Zeit stillsteht. Und Erinnerungen – an Lyoner für die Enkel, an Schlachtplatten für die Feiertage, an rot-weiß karierte Tischdecken in der „Eatery“. An Menschen, die mit Stolz für einen Namen gearbeitet haben, der nun aus den Regalen verschwindet.