Die Esslingerin Michaela Grauke alias Mia Gray war deutsches Playmate des Jahres 2010. Damals will sie auch als Sängerin bekannt werden. Ein Artikel aus unserer Reihe „Unsere besten Reportagen“.    

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Hinweis: Diese Reportage erschien erstmals am 19. Juni 2010. Wie geht es der Protagonistin heute? Wir haben nachgefragt.

 

Eigentlich sollte der Videodreh an der Adria stattfinden. „Wir hatten so eine typische Beachstory geplant“, sagt Oliver Burghart. Dummerweise hat es die ganze Zeit geregnet, und der Esslinger Agenturchef Burghart musste umdisponieren: Waschanlage statt Sandstrand. Es ist Sonntagmorgen an der weltgrößten Autoservicestation, die wie gottgegeben in der Heilix-Blechle-Metropole Stuttgart angesiedelt ist und Mr. Wash heißt. Die Hauptdarstellerin erscheint im knallroten Trainingsanzug mit goldenem Häschenaufdruck: Mia Gray ist kürzlich von den Lesern des „Playboy“ zum deutschen Playmate des Jahres gewählt worden. 88-61-86 lauten ihre Maße. Sie macht kein Geheimnis daraus, dass sie die erstgenannte Zahl Silikonimplantaten verdankt. „Meine Mutter ist eine Filipina“, sagt Mia Gray, „und Asiatinnen haben halt keine großen Busen."

Ihr Vater ist Berliner. Mia Gray würde heute noch unter ihrem bürgerlichen Namen Michaela Grauke als Kosmetikerin in Spandau leben, wenn sie nicht vor fünf Jahren bei einem Discobesuch von dem schwäbischen Agenturchef Burghart angesprochen worden wäre. „Ich veranstalte einen Bikini-Contest“, sagte der. „Hast du Bock mitzumachen?“

Kurz darauf war Mia Gray schwanger und folgte ihrem Schatzi, wie sie Burghart nun nennt, in die Weinberge nach EsslingenSulzgries. Das gemeinsame Töchterchen Chanel ist inzwischen drei Jahre alt. Häufig passt die Oma auf Chanel auf, denn Mama und Papa haben viel zu tun: Mia Gray zu Gast in der Villa von „Playboy“-Gründer Hugh Hefner, Mia Gray eröffnet den umgebauten Beate-Uhse-Shop in Stuttgart, Mia Gray beim „Großen TV Total Turmspringen“ mit Stefan Raab. „Playmate Mia (25) aus Esslingen: Angst vor Busen-Platzer", berichtet „Bild" vorab.

Wir erzeugen einen Sorg - dazu gehört PR-Arbeit und Vitamin B"

Jetzt singt sie auch. Mit ihrer Cousine Nicole Belke hat Mia Gray „Boys“ aufgenommen, einen Poptitel aus den Achtzigerjahren, mit dem damals die Italienerin Sabrina Salerno an die Spitze der Charts stürmte. Mia Gray und ihre Cousine nennen sich Candy Six und durften ihre „Boys“-Version kürzlich in der Oliver-Pocher-Show auf Sat 1 vorstellen.

  Am 2. Juli wird die Single veröffentlicht. Bis dahin muss ein aufsehenerregendes Musikvideo her. „Wir erzeugen einen künstlichen Sog“, sagt Burghart, „dazu gehören viel PR-Arbeit und Vitamin B.“
Dem 38-jährigen Marketingexperten kommt entgegen, dass manche Journalisten heutzutage nicht mehr allzu streng Fiktion und Realität trennen. Hauptsache, die Story kommt beim Fernsehpublikum an. Der bärtige Sakko-Jeans-Turnschuh-Mann, der für das RTL-Magazin „Punkt 12“ den Videodreh dokumentiert, benutzt eine gängige Zauberformel: „Jetzt tun wir mal so, als ob . . .“, sagt er und stellt dann Szenen, die ohne seinen ausgeprägten Sinn für Dramaturgie nie stattgefunden hätten.

Der Clip soll an Jessica Simpson und Paris Hilton erinnern 

„Jetzt tun wir mal so, als wenn ihr gerade ankommt.“ Also schleppen Mia Gray, ihr Lebenspartner und ihre Cousine Koffer an Zapfsäulen vorbei und beantworten nebenher die Fragen des RTL-Manns. Wie habt ihr euch auf den heutigen Tag vorbereitet? „Die Mädels haben extra eine Diät gemacht, damit sie so aussehen, wie sie aussehen sollen“, antwortet Oliver Burghart, „sogar eine kleine Fettabsaugung.“ Wie viel Sex wird es in dem Video geben? „Es wird schon sexy“, antwortet Mia Gray, „aber nicht zu krass.“ Als das Interview im Kasten ist, strecken sich alle lässig die Hände entgegen, und der RTL-Mann jubelt: „Das wird geil, das wird auf jeden Fall geil!“


Drinnen in der Halle, wo normalerweise Autos eingewachst werden, denkt derweil der Ludwigsburger Jungregisseur Milos Savic darüber nach, wie man ein geiles Musikvideo inszeniert. „Wir werden eine krasse Stimmung verbreiten“, sagt Savic. Der Clip soll an die amerikanischen Glamourgirls Jessica Simpson und Paris Hilton erinnern, die bekanntermaßen auch schon mal in einer Waschanlage geträllert haben.

Folgende Handlung ist laut dem Drehbuch vorgesehen: Die beiden Mädels kommen zu Mr. Wash gefahren, wo bereits zwei waschbrettbauchige Boys an einer Karre rumschrubben. Männlein und Weiblein kommen sich rasch näher, seifen sich gegenseitig ein, und es spritzt der Schaum. Zum Finale tanzen alle feucht und fröhlich durch die Waschstraße. Doch noch fehlt das passende Fahrzeug.

Pforzheimer Kennzeichen zu provinziell

Mit etwas Verspätung erscheint René Weller in seiner roten Corvette. Weller ist ein Boxer aus Pforzheim, der erst die Europameisterschaft gewann, dann wegen Drogenhandels im Knast landete und heute noch immer den benzinfressenden Achtzylinder-Schlitten besitzt, den er am 24. März 1988 erstmals zugelassen hat. „Das Teil läuft locker 270“, sagt Weller, der gerne etwas übertreibt. Eine Hilfskraft der Filmfirma Los Banditos schraubt geschwind das Nummernschild von der Corvette ab: Ein Pforzheimer Kennzeichen würde in einer für den globalen Markt vorgesehenen Produktion zu provinziell wirken.

Mia Gray bei ihrem Musikvideo-Shooting.  Foto: Gottfried Stoppel
 

Der Jungregisseur Savic ruft: „Können wir endlich anfangen?“ Nöö, denn die Mädels sind noch nicht so weit. In dem Aufenthaltsraum, wo sich wochentags das Mr.-Wash-Personal vom Dampfstrahlen und Handwachsen erholt, wühlt Mia Gray in einem Haufen aus knappgeschnittener Kleidung und hochhackigem Schuhwerk. Trotz der enormen Auswahl ist offenbar nicht das Gewünschte dabei. „Das Oberteil passt nicht“, jammert Mia Gray. Zu klein. Nächstes Outfit: „Ich seh scheiße aus!“ – „Du siehst überhaupt nicht scheiße aus“, beruhigt sie der Manager und Lebensgefährte Burghart. Vor dem Auftritt wird Mia Grays eurasische Samthaut mit einem Spray bestäubt, einer Art künstlichem Schweiß. Dadurch soll sie noch erotischer wirken.

Kamera läuft, Windmaschine auch. "Musik! Und bitte, Mia!", ruft der Jungregisseur Savic. Aus dem Ghettoblaster schallt das Playback: "Boys, boys, boys/I'm looking for a good time/Boys, boys, boys/Get ready for my love." Mia Gray bewegt die Lippen wie ein Fisch, dreht sich um, beugt sich in Wildkatzenposition vor, wackelt mit dem Hintern, signalisiert nonverbal: Ich bin ein fleischgewordener Männertraum!

Burghart hat mehrere Models im Stall 

Umbaupause, Zeit für eine kurze Unterhaltung mit der 1,64 Meter kleinen und 47 Kilogramm leichten Exotenschönheit. Kein Problem damit, als Lustobjekt begafft zu werden? „Was die Kerle zuhause machen, ist mir egal, ich seh die ja nicht“, entgegnet Mia Gray. Sich unbekleidet für das Männermagazin "Playboy" vor der Kamera rumzuräkeln sei doch etwas, wovon jedes Mädchen träume. Pornos finde sie dagegen pfui, schließlich habe sie eine Tochter und sei verlobt. Der Modeljob mache ihr riesig Spaß, weil sie schon irre viele Promis getroffen habe. Tommy Lee zum Beispiel, den Ex von Pamela Anderson. Außerdem Jack Nicholson, Marc Terenzi und Sido. Ihre unverhüllten Kurven habe sie schon für den guten Zweck eingesetzt, gegen das schändliche Treiben mit Zirkustieren und gegen das Tragen von Pelzen. Sie würde sich auch gerne gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern engagieren, doch auf ihre Briefe habe die Esslinger Fachberatungsstelle "Wildwasser" leider nicht reagiert.
 

So plaudert Mia Gray und nippt nebenher an einem koffeinhaltigen Getränk namens Ständer, das ihr ein Sponsor in die Hand gedrückt hat. Auf dem Zweieinhalbtonnen Dienstgeländewagen steht: „Ständer – die Arroganz des guten Geschmacks.“

 

Der RTL-Mann bittet derweil Oliver Burghart so zu tun, als rege er sich mordsmäßig darüber auf, dass die bestellte Stretchlimousine nicht zur Verfügung steht, weil eine Achse gebrochen sei. Wie geheißen, staucht der Agenturchef vor laufender Kamera den Aufnahmeleiter zusammen: "Ist mir egal, was passiert ist, ich will die beschissene Limousine am Set haben!" Anschließend lachen sich Burghart und der Aufnahmeleiter schief. Der RTL-Mann lobt: "Das war perfekt, echt super!" Kommt am Bildschirm voll authentisch rüber.

Was die Kerle zuhause machen, ist mir egal. Ich seh die ja nicht" 

Bis weit nach Mitternacht wird Schaum geschlagen, herumgespritzt und mit den Hüften gewackelt. Wenn der Clip zusammengeschnitten ist, will Oliver Burghart versuchen, ihn bei den Musiksendern MTV und Viva unterzubringen. Wenn's nicht klappt, ist das auch nicht tragisch", sagt er. "Hauptsache, wir hatten unseren Spaß." Burghart hat ja noch genügend andere Models in seinem Stall, darunter neun Männer. Sein erfolgreichster Dressman heißt Nico Schwanz und ist gelernter Friseur. Schwanz wurde 2003 zum "Mr. Model of the World"gewählt und ließ sich im vergangenen Jahr im RTL-Dschungelcamp zu einer Million Fliegen in einen Glaskasten sperren. Zurzeit singt er mittwochs im "Bierkönig" auf Mallorca. Mehr kann man kaum erreichen.

Was ist seither geschehen? 

Nach dem Videodreh in der Stuttgarter Autoservicestation haben Mia Gray und ihre Cousine Nicole Belke als Popduo Candy Six mehrere Fernsehauftritte, unter anderem in der Musikshow The Dome und bei Big Brother, beides populäre RTL-II-Sendungen. Es folgt eine deutschlandweite Club-Tour. Kurz darauf gibt das Duo die Trennung bekannt, „aus privaten Gründen“, wie es verlauten lässt. Mia Gray führt das Musikprojekt zunächst mit wechselnden Gastmusikern weiter. Doch schließlich gibt sie ihre Karriere als Sängerin auf und konzentriert sich wieder aufs Modeln.

Mehr oder weniger bekleidet posiert sie unter anderem für die Spielbank Stuttgart, die portugiesische Ausgabe des „Playboy“ und den Ulmer Ölherstellers Liqui Moly. Nicht alles läuft für Mia Gray wie geschmiert, auf ihrem Berufsweg sammelt sie manch bittere Erfahrung. Auf einer Party in Berlin werden ihr heimlich K.-o.-Tropfen in einen Wodka-Red-Bull geschüttet: „Plötzlich wurde mir schlagartig übel, ich konnte weder gehen noch stehen.“ Und eine „Sexy-Strip-Show“ wirbt mit einem freizügigen Mia-Gray-Foto – ohne ihr Einverständnis.

Auch privat wechseln Licht und Schatten: Im Dezember 2011 heiratet sie in Las Vegas ihren langjährigen Lebenspartner Oliver Burghart. „Eine Traumhochzeit wie im Märchen“, schwärmt die „Bild“-Zeitung. Nur drei Jahre später trennt sie sich von Burghart, dem Vater ihrer Tochter, und legt ihren Künstlernamen ab: Mia Gray heißt nun Mia Grauke. Im September 2014 präsentiert sie sich bei der Stuttgarter Trachten-Nacht mit ihrer neuen Liebe, dem Sänger Oliver Kobs. Mittlerweile ist es still geworden um Mia Grauke. Seit Jahren zeigt sie sich nicht mehr auf roten Teppichen und liefert auch keinen Stoff mehr für knallige Boulevard-Schlagzeilen. Auf ihrer Mailbox hinterlassen wir die Frage, wie es ihr heute gehe. Kurz darauf ruft Oliver Kobs zurück. Seine Verlobte Mia, erklärt er freundlich, wolle sich momentan nicht öffentlich äußern.