Michael Ballack im Interview „Ich bin ein glücklicher Mensch“

Michael Ballack hat sich vom Fußball verabschiedet. Foto: dpa
Michael Ballack hat sich vom Fußball verabschiedet. Foto: dpa

Michael Ballack ist mit sich im Reinen, nachdem er seinen Rücktritt vom Profifußball verkündet hat. Auch das unschöne Ende im Nationalteam hat der 36-Jährige abgehakt. „Ich bin ein glücklicher Mensch“, sagt er im StZ-Interview.

Sport: Marko Schumacher (schu)
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StuttgartMichael Ballack hat seinen persönlichen Schlussstrich gezogen. Im StZ-Gespräch lässt der 36-Jährige keinen Zweifel daran, dass das Karriere­ende zur richtigen Zeit gekommen ist.
Herr Ballack, wie fühlt es sich an, ein freier Mann zu sein?
Ich muss mich erst einmal daran gewöhnen. Es gibt jetzt gewisse Freiheiten, die ich bisher nicht kannte. Ich war ja von klein auf in einen festen Ablauf eingespannt, hatte tägliche Verpflichtungen. Jetzt kann ich mich viel freier bewegen und genieße das sehr.

Was ist das Schöne daran?
Ich empfinde es gerade als sehr angenehm, wirklich runterzukommen, weniger in der Öffentlichkeit zu sein, die mich über viele, viele Jahre hinweg begleitet hat. Es tut gut, nicht mehr ganz so im Fokus zu stehen. Ich will erst einmal Abstand gewinnen.

Fehlt nicht auch etwas, wenn man fast 20 Jahre Profisportler war und plötzlich alles vorbei ist?
Der Sport war meine Leidenschaft und mein Lebensmittelpunkt. Wenn man dann plötzlich aufhört, dann schreit der Körper danach, sich sportlich zu betätigen. Das sollte man ihm dann auch geben. Ich laufe daher viel und spiele auch noch hin und wieder Fußball.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, einen Schlussstrich unter Ihre Karriere zu ziehen?
Das ging leichter als gedacht.

Warum haben Sie dann nach der vergangenen Saison so lange gezögert?
Ich habe mir ganz bewusst viel Zeit gelassen, weil man einen solchen Schritt auf keinen Fall zu früh machen möchte. Es ist eine tolle Zeit als aktiver Fußballer, man will so lange spielen, wie es geht. Für mich aber war jetzt die Zeit reif. Ich wollte nicht erst aufhören, wenn ich gar nicht mehr laufen kann. Ich fühle mich gut, meine Knie und Gelenke sind intakt. Dafür bin ich sehr glücklich und dankbar.

Dann hätten Sie doch noch weiterspielen können.
Zwei Gründe waren am Ende ausschlaggebend: Zum einen bin ich 36, habe also ein Alter erreicht, in dem es nicht leichter wird. Und zum anderen habe ich vor allem gemerkt, dass ich die Motivation etwas verloren habe. Das hatte ich schon im letzten halben Jahr in Leverkusen gespürt. Gerade im höheren Alter muss man Spaß am Fußball haben, man muss wissen, wofür man sich quält. Sonst hat es keinen Sinn mehr.

Vielleicht wäre der Spaß ja in den USA oder Australien zurückgekommen. Wäre es nicht reizvoll gewesen, sich noch einmal auf etwas ganz anderes einzulassen?
Die Folge eines solchen Abenteuers wäre gewesen, dass ich sehr weit entfernt von meinen drei Söhnen wäre. Das war es mir nicht wert. Mit ihnen kann ich die Zeit jetzt viel intensiver verbringen.

Sie haben viele Höhen und einige Tiefen durchlebt. Sind Sie am Ende dieser Karriere völlig mit sich im Reinen?
Warum sollte ich nicht? Ich bin mehr als zufrieden mit dem, was ich als Fußballer erreicht habe. Das hätte ich mir zu Beginn nicht träumen lassen. Ich bin ein glücklicher Mensch.

Nagt es manchmal trotzdem an Ihnen, immer ganz kurz vor dem großen internationalen Titel abgefangen worden zu sein?
Es sind natürlich bittere Momente, wenn man bei der WM ein Halbfinale verliert. Oder nehmen Sie das Champions-League-Endspiel mit dem FC Chelsea: da stehst du so kurz davor – und scheiterst im Elfmeterschießen. Schlimmer geht es nicht. Aber: das ist Sport. Ich konnte mit diesen Ent­täuschungen immer sehr gut umgehen.

Wie funktioniert das?
Das hängt vom Typ ab . Ich bin vom Naturell her glücklicherweise ein Mensch, der nach vorne schaut.

Wie schwierig war es für Sie zu akzeptieren, dass Sie in der Nationalmannschaft nicht mehr gewollt waren?
Das war nicht einfach. Ich habe mich vor der WM 2010 schwer verletzt – und habe danach nie mehr die Chance bekommen, weiter dabei zu sein. Das war etwas, was ich mit mir ausmachen musste und ausgemacht habe. Das will ich nicht noch einmal neu aufwärmen.

Der DFB-Manager hat nun noch einmal bekräftigt, dass Sie kein Abschiedsspiel bekommen werden. Bedauern Sie das?
Auch dazu ist alles gesagt. Ich wüsste nicht, was ich noch hinzufügen könnte. Es war für mich am Ende eine lehrreiche Zeit zu sehen, dass es ganz schnell vorbei sein kann, auch wenn man viele Jahre für den DFB gespielt und schöne Zeiten miterlebt hatte.

Wie sehr trübt das unschöne Ende die Erinnerung an 98 Länderspiele und fünf Teilnahmen an großen Turnieren?
Es sind die Erinnerungen an die schönen Zeiten, die überwiegen. Ich habe viele tolle Spiele erlebt, viele Tore geschossen. Es war für mich immer etwas ganz Besonderes, für mein Land auflaufen zu dürfen. Da steht die ganze Nation hinter einem, da jubeln dir auch die Leute zu, die dir im Ligaalltag nichts gönnen. Welt- und Europameisterschaften waren für mich daher immer das Allergrößte.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Nationalmannschaft seit Ihrem Abschied?
Wir haben überragende junge Spieler. Das ist eine Generation, wie wir sie lange nicht hatten. Die Mannschaft ist überdurchschnittlich gut aufgestellt, was die fußballerische Qualität betrifft. Jetzt müssen wir schauen, dass wir diese neue Klasse mit den alten Tugenden verbinden, die uns immer ausgezeichnet haben. Das ist Sache des Trainers, eine Mannschaft aufzustellen, die erfolgreich ist. Die Voraussetzungen sind so gut wie selten zuvor.

Klappt es in Brasilien mit dem Titel?
Die Mannschaft hat das Potenzial. Aber viele Spieler sind noch sehr jung. Und so gut sie fußballerisch auch sein mögen: in gewissen Momenten brauchen sie die Führung von erfahrenen Spielern. Leute wie Marco Reus oder Mario Götze sind überragende Fußballer. Aber auch sie müssen erst noch Erfahrungen sammeln und gewisse Dinge durchlaufen. Wenn sie Spieler an ihrer Seite haben, an denen sie sich auch einmal anlehnen, zu denen sie aufschauen können, dann hilft das, den nächsten Schritt zu machen.

Solche erfahrenen Leitwölfe vom alten Schlag gibt es in der Nationalmannschaft aber kaum mehr.
Deshalb ist auch ein Mann wie Miroslav Klose so wichtig. Ich habe es selbst gemerkt, egal in welcher Mannschaft ich war: du brauchst unterschiedliche Generationen im Team. Der junge Spieler profitiert vom alten und umgekehrt. Es müssen sich noch mehr Typen herauskristallisieren, die in den entscheidenden Momenten Verantwortung übernehmen.

Sehen Sie solche Typen?
Grundsätzlich will jeder Profifußballer Verantwortung übernehmen. Worum es daher geht, ist, wie ich Verantwortung übernehme; es geht um eine gewisse Exzentrik und darum, auf meine Mitspieler einzuwirken. In der Vergangenheit gab es mehr dieser Spieler, die ganz bewusst und offensichtlich diese Rolle verkörpert haben. Jetzt wird mit Führung anders umgegangen.

Woran liegt das?
Die Spieler der heutigen Generation sind anders, es sind andere Persönlichkeiten als früher. Ganz entscheidend aber ist, wie man das vorgelebt bekommt, wie man eingestellt wird – kurzum: wie die Führung des Trainers aussieht.

Uli Hoeneß hat gesagt, Joachim Löw müsse härter werden. Trauen Sie es dem Bundestrainer zu, einen Titel zu holen?
Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Da müssen Sie den DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach fragen. Der bestimmt, wer Bundestrainer ist – und folglich scheint er es Joachim Löw zuzutrauen.

Wie groß ist Ihre Lust, irgendwann Trainer zu werden?
In absehbarer Zeit werde ich eine Trainerausbildung beginnen und dann schauen, ob das etwas für mich ist. Natürlich habe ich auch weiterhin Träume – das ist ja auch das, was einen am Leben hält.




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