Michael Blankenhorn gibt Betrieb auf – oder doch nicht? Holzgerlinger „Bahnhofsmetzger“ muss schließen

Michael Blankenhorn und seine Schwester Sonja Wahl stehen am letzten Verkaufstag noch einmal gemeinsam hinter dem Tresen. Foto: privat

Fast 92 Jahre Handwerkstradition gehen zu Ende: Die Metzgerei Blankenhorn stellt wegen Personalnot den Betrieb ein. Eine kleine Hoffnung bleibt jedoch.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Ein letztes Mal zieht sich der Vorhang des Verkaufsraums zu, danach ist es dunkel hinter der Schaufensterscheibe der Metzgerei Blankenhorn in der Bahnhofstraße. „Da kommt mer schiear zum Heila“, sagt Michael Blankenhorn, als er das Video auf seinem Handy abspielt. Der Clip ist kaum länger als eine Sekunde, aber in der kurzen Aufnahme steckt doch so viel mehr: Es ist die Geschichte eines Familienbetriebs, die nun nach fast 92 Jahren und vier Generationen Handwerkstradition zu Ende geht – oder vielleicht doch nicht? Ganz sicher ist Michael Blankenhorn sich noch nicht.

 

Die Aufnahme ist am 10. Januar entstanden. Das war der letzte Verkaufstag beim „Bahnhofsmetzger“, wie der Betrieb bei den Holzgerlingern des Standorts wegen hieß. An diesem Tag standen Michael Blankenhorn und seine Schwester Sonja Wahl noch einmal gemeinsam hinter der Theke und verkauften 215 Kilo Aufschnitt, Maultaschen und andere Wurst- und Fleischwaren. Seitdem sind die Auslagen bis auf ein paar übrige Konservendosen leer, an der Hakenstange über den weißen Kacheln hängen nur noch Wurstattrappen aus Plastik. An der Wand und über den Tresen gibt es noch ein paar historische Fotos, darunter von Gotthilf und Luise Schmid, Michael Blankenhorns Großeltern, die den Betrieb in der Bahnhofstraße am 1. Mai 1933 eröffnet haben.

Täglich von früh bis spät arbeiten – das geht an die Gesundheit

Heute ist Michael Blankenhorn 62 Jahre alt. Bis zum vergangenen Sommer hatte er noch mit seiner Schwester Sonja die Metzgerei geführt. Die ist mittlerweile 70 Jahre alt und in Rente. Für den „Bahnhofsmetzger“ wurde es danach einfach zu viel. „Jede’ Tag von sechse morgens bis manchmal obends um zehne schaffe“, erzählt er von seinem Arbeitsalltag. Auf Dauer gehe einem das an die Gesundheit.

Letzten Sommer habe er sich „halber he’“ gefühlt, weswegen er schließlich den Beschluss fasste, die Metzgerei nicht mehr weiter zu führen und seine Selbstständigkeit aufzugeben. Stattdessen arbeite er mittlerweile auf Mini-Job-Basis bei einem ehemaligen Mitarbeiter, der sich in Schönaich selbstständig gemacht habe. „Da ben i im Verkauf“, berichtet er. Schließlich brauche er für sich ja auch eine Krankenversicherung.

Die anhaltende Personalnot habe seine Situation auch nicht besser gemacht. „Er hat sehr viel Arbeit und Energie in den Betrieb gesteckt, aber das konnte er nicht mehr alleine stemmen“, sagt sein Sohn Benjamin. Auch der 36-Jährige hat die Fleischerschürze gänzlich an den Nagel gehängt. Zuvor hatte er jahrelang im Familienbetrieb mitgearbeitet und dort unter anderem das Verkaufsmobil betrieben. Mit dem fahrbaren Metzgerladen machte er in einem eng getakteten Terminplan an fünf Tagen in der Woche Station in Pfrondorf, Dettenhausen, Weil im Schönbuch, Neuweiler, Breitenstein, Waldenbuch, Steinenbronn, Altdorf und Hildrizhausen.

„Der Wagen war sehr erfolgreich“, sagt Benjamin Blankenhorn. Seiner Meinung nach, hätte sein Vater die Metzgerei schon früher aufgeben und stattdessen einfach beim Wochenmarkt in Holzgerlingen mit dem Verkaufsmobil vorfahren können. „Da hätte er denselben Umsatz gemacht“, ist der frühere Juniorchef überzeugt.

Benjamin Blankenhorn hat sich schon vor einigen Jahren beruflich umorientiert. Zuletzt leitete er die Fleischabteilung bei Feinkost Böhm in Stuttgart. Mittlerweile ist er als Einkäufer für einen Bio-Lebensmittelgroßhändler tätig. „Geregelte Arbeitszeiten, Montag bis Freitag von 8 bis 16.30 Uhr – das ist einfach etwas anderes“, beschreibt er den Hauptunterschied zu vorher. Dennoch sei es natürlich sehr schade, dass das von seinem Urgroßvater gegründete Familienunternehmen den Betrieb eingestellt hat.

Michael Blankenhorn steht im leeren Verkaufsraum. Familienfotos erzählen die über 90-jährige Geschichte des Betriebs. Foto: Langner

Das sieht offenbar auch die Kundschaft so. Ein Facebook-Post über die bevorstehende Geschäftsaufgabe auf der lokalen Community-Seite „Holzgerlingen für alle“ stieß auf große Resonanz. Der Aufruf in den Sozialen Medien, doch wieder vermehrt dort einzukaufen, kam jedoch zu spät. Hätte es überhaupt etwas genützt? „Vielleicht scho’“, sagt Michael Blankenhorn. Der schrumpfende Kundenstamm und der gnadenlose Preiskampf mit Discountern und Supermärkten hätten ihm das Leben zusätzlich zum anhaltenden Personalmangel schwer gemacht.

Michael Blankenhorn könnte sich eine „Garagenmetzgerei“ vorstellen

Jetzt steht er in seinem leeren Verkaufsraum und schaut auf die Handybilder vom letzten Verkaufstag. Die Fotos von fröhlichen Menschen mit erhobenen Sektgläsern wollen nicht so recht zum Anlass passen. „Es hat scho’ Spaß g’macht, so isch’s net“, blickt Blankenhorn auf sein Berufsleben zurück und räuspert sich, weil ihm die Stimme wegzubrechen droht. Der Abschied tut ihm weh.

Aber vielleicht ist er nicht für immer. Vielleicht, so überlegt sich der 62-Jährige, könnte er den Betrieb ja als „Garagenmetzgerei“ fortführen, mit reduzierten Öffnungszeiten und dem Verkaufsautomaten, der bereits seit einigen Jahren vor dem Laden steht. Seinen Kunden würde der „Bahnhofsmetzger“ damit wohl eine große Freude machen.

Mehr als 90 Jahre Handwerkstradition

Anfänge
 Das Ehepaar Gotthilf und Luise Schmid eröffnet 1933 eine Metzgerei in der Holzgerlinger Bahnhofstraße. Ihre Kinder Else und Heinz arbeiten im Betrieb mit. Tochter Else heiratet 1955 Hugo Blankenhorn, der neun Jahre zuvor als Geselle in die Metzgerei kam. 1958 eröffnen sie eine eigene Metzgerei in Weil im Schönbuch. Nach dem frühen Krebstod von Heinz Schmid im Jahr 1960 übernimmt das Ehepaar Blankenhorn die Metzgerei in der Bahnhofstraße.

Bahnhofsmetzger
 1976 steigt ihr damals 14-jähriger Sohn Michael Blankenhorn in den Betrieb ein. Michaels Sohn Benjamin entscheidet sich ebenfalls für den Beruf. 2005 beginnt er seine Fleischerausbildung, 2012 macht er die Meisterprüfung und arbeitet danach noch mehrere Jahre im Betrieb mit. Unter anderem ist er mit dem 2010 angeschafften Verkaufsmobil auf der Schönbuchlichtung unterwegs. Zuletzt führen Michael Blankenhorn und seine Schwester Sonja Wahl den Betrieb. Als diese im Sommer mit 70 Jahren 2024 in Rente geht, ist die Arbeit für Michael Blankenhorn nicht mehr zu stemmen: Am 10. Januar hat der „Bahnhofsmetzger“ seinen letzten Verkaufstag.

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