In seiner Jugend ist Michael Fuchs der Enge von Radolfzell entflohen. Mittlerweile hat er sich um den Narrenschopf in Bad Dürrheim verdient gemacht. Ein Porträt.
Bad Dürrheim - Er hat den Duft der großen, weiten Welt genossen und kennt sich in den angesagten Metropolen aus. Seine Heimatstadt Radolfzell schrumpfte mit jedem seiner Lebensjahre zu einer piefigen Kleinstadt am Bodensee, in der ihm die Decke auf den Kopf fiel. Hätte jemand vor 20 oder 25 Jahren dem Weitreisenden Michael Fuchs vorausgesagt, er werde wieder in seine Vaterstadt zurückkehren, dort sesshaft sein und eine Familie gründen, der „Kulturschaffende“ Fuchs hätte ihn mit schallendem Hohngelächter überschüttet.
Doch mittlerweile ist der 51-Jährige nicht nur fester Bestandteil einer der ältesten Narrenzünfte des Landes, sondern auch vermutlich der kommende Mann an der Spitze der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte, der 69 Vereine mit insgesamt knapp 70 000 Mitgliedern angehören – wenn es dort zum Generationswechsel kommt.
Freizeitkapitän auf dem Bodensee
Seine Zukunft, das war Michael Fuchs recht früh klar, sah er nicht als Freizeitkapitän auf dem Bodensee. Der hoch gewachsene, dunkelhaarige Schlaks wollte Künstler werden. Während die Schulkameraden Webeleinensteks, Marlschlag und andere Schifferknoten übten, las er Künstlerbiografien. Die klassische Moderne war sein Spielfeld, im Tor stand der Surrealist Salvador Dalí, in der Sturmreihe Andy Warhol und Roy Lichtenstein. Ausgetobt und engagiert hatte er sich als Jugendlicher im örtlichen Kulturzentrum (KZ), das in einer der ehemaligen Kasernen der französischen Armee, vormals von der SS vereinnahmt, untergebracht war. „Das KZ hat damals im ganzen Oberland einen Namen gehabt“, sagt Fuchs schwärmerisch über diese Zeit.
Es folgte eine Schriftsetzerlehre beim „Südkurier“ in Konstanz, der Besuch der freien Kunstschule in Stuttgart, Arbeit als Grafiker beim Magazin „Stuttgart live“. In den Semesterferien ging es nach Paris. „Da habe ich gemerkt, dass es zu Stuttgart noch eine Steigerung gibt.“ Seine neuen Freunde drängten ihn bald, unbedingt nach New York zu ziehen, was Fuchs auch tat und wo er vom ersten Tag an wusste: „Da bleibe ich.“ Mit seinen großen, dunklen Augen, die gegenwärtig hinter einer rechteckigen Brille à la mode hervorblicken, schaute er in die wild-verrückte-aufregende Künstlerszene der 1980er Jahre im Big Apple.
Er malte, konnte vom Verkauf seiner Bilder leben und wohnte eine Zeit lang in Madrid, ehe er in Berlin ein Atelier bezog. „Das war vor dem Mauerfall, und ich hatte viele Kontakte zu Künstlern aus dem Ostteil der Stadt“, sagt Fuchs rückblickend.
Die Realitäten der DDR nicht wahrgenommen
Bis dahin lebte Michael Fuchs das Leben eines Bohemiens und jungen Wilden, der sich um gesellschaftliche Zwänge und die politische Wirklichkeit wenig scherte. Er war zu Modenschauen eingeladen, stellte in der Galerie unter den Linden aus – und hat die Realitäten der DDR gar nicht wahrgenommen. Ein Künstler eben. „Ich war völlig naiv und unbefangen“, erinnert er sich.
Dass er mit dieser Haltung auch Freunde von dort in Schwierigkeiten brachte – und er aus heutiger Sicht einen ständigen Schatten der Stasi an den Fersen hatte – dämmerte ihm erst nach und nach und spätestens, als er einem Bekannten einen Brief schrieb. Den überreichten die Spitzel der Staatssicherheit dem Empfänger an der Wohnungstür geöffnet mit den Worten „hier haben Sie eine Nachricht aus New York“. Da ging ihm ein Licht auf.
In Hamburg hängen geblieben
Hamburg war schließlich die Stadt, in der Michael Fuchs am längsten hängen blieb. Bis vor wenigen Jahren – da war er bereits in Radolfzell vor Anker gegangen – jettete er wöchentlich von Zürich aus hin und her. Zunächst verdingte er sich als Art Director beim „Spiegel“, dann glaubte er empirische Kulturwissenschaften an der dortigen Universität studieren zu müssen. Und da schlug das Schicksal zu. Ihm, dem gebürtigem Alemannen aus den Kernlanden der historischen Fasnacht mit der Aura der Weltläufigkeit, wurde die Aufgabe gestellt, einen Vortrag über die oberschwäbische Fasnet zu halten. „Da hat’s mich gepackt“, erinnert sich Fuchs. Bis dahin hatte der Maler und Grafiker Herausforderungen in exotischen Ländern gesucht, plötzlich merkte er, dass das alles vor seinen Füßen liegt, in Radolfzell, in der uralten, mythischen und manchmal gruseligen Fasnacht – und nicht in der Ferne.
„Diese Erkenntnis hat mein Leben verändert“, resümiert Fuchs. Seitdem ist der Kulturschaffende von der Waterkant mit südlichen Wurzeln zu einem überzeugten Fasnachter geworden und hat in wenigen Jahren offenbar all das nachgeholt, was er Jahrzehnte versäumte. In der Radolfzeller Narrenzunft gilt er als Antreiber, auch wenn es manchen Alten dabei etwas unheimlich zumute ist, weil Fuchs vielen Neuerungen aufgeschlossen gegenübersteht. Die Vereinigung der schwäbisch-alemannischen Narrenzünfte, das ist sozusagen der Lordsiegelbewahrer der traditionellen Fasnet, traut ihm einiges zu. Als Volkskundler übernimmt er im „Narrenboten“, dem Fasnachtsjournal aller Zünfte, den Part des Bildungs- und Kunstministers und widmete einen umfänglichen Essay dem Maler Otto Dix, der von 1933 bis zu seinem Tod 1969 auf der Höri lebte, und dessen zahlreichen Bildern über die alemannische Fasnacht und ihre Masken.
Spättle, Plätzle, Fleckle, die Hansele und den Schlegele Beck
Fuchs verdient seinen Lebensunterhalt mit einer Agentur für Gestaltung und Grafik in Radolfzell, wo er Kunden aus dem In- und Ausland betreut. Sein vorläufiges Meisterstück hat er jüngst mit der Neugestaltung des Narrenschopfs in Bad Dürrheim abgeliefert. Der Narrenschopf ist das Museum der Vereinigung, wo sie in drei Rundbauten ihre Schätze aufbewahrt und öffentlich ausstellt, exemplarisch die Narrenkostüme aller Zünfte.
Fuchs hat die Spättle, Plätzle, Fleckle, die Hansele und den Schlegele Beck zu Themen gebündelt, er hat sie in dem einen Schopf im Kreis zu einem großen Umzug aufgestellt, er erzählt in der anderen Rotunde über die Vergangenheit und im dritten Gebäude mit einem schneckenförmigen Innenraum über einzelne Häser.
Akustikduschen beschallen den Besucher in dem Augenblick, in dem er nahe genug an das jeweilige Ausstellungsstück herantritt. Noch herrscht in dem in die Jahre gekommenen Präsidium der Obernarren die Meinung vor, „der Michael ist für die Kultur da und wir fürs Feiern“. Wenn sie da mal recht behalten.