Michael Kashi im Stuttgarter Hölderlin-Gymnasium Kein Platz für Hass und Verbitterung

Von Elke Rutschmann 

Michael Kashi hat Zehntklässler des Stuttgarter Hölderlin-Gymnasiums auf eine spannende, aber auch bedrückende Reise mitgenommen.

Michael Kashi hat in Stuttgart längst eine Heimat gefunden. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Michael Kashi hat in Stuttgart längst eine Heimat gefunden. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

S-Nord -

Michael Kashi hatte bei seinem Besuch 1969 in Deutschland eigentlich nicht vor zu bleiben. Der Israeli wollte seine Verwandten suchen, aber auch raus aus einer Welt aus Krieg und Terror, den sein Land immer wieder heimgesucht hat. „Die unbeschwerte Freiheit habe ich sehr genossen, und es war schon ungewohnt, dass man nicht ständig seinen Pass zeigen musste“, sagte Kashi in einem Schülergespräch am Hölderlin-Gymnasium im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen. Kashi ist Mitglied des Vorstands der Israelischen Religionsgemeinschaft Württembergs und nahm die Zehntklässler mit auf eine spannende, aber auch bedrückende Reise durch die Familiengeschichte.

Das jüdische Leben war ausgelöscht

Sie war die vieler Juden geprägt von Vertreibung und Angst. Seine Mutter flüchtete in den 1920er Jahren aus Spanien in den Nahen Osten, der Vater aus Persien. 1945 heirateten die beiden, zwei Jahre später kam Michael Kashi auf die Welt. Im Mai 1948 wurde der Staat Israel gegründet. In Europa war das jüdische Leben ausgelöscht, Hundertausende kamen nach Israel. „Die einen erzählten, was sie im Holocaust erlebt hatten, die anderen blieben stumm“, sagt Kashi. Das ganze Leid sei an den Kindern nicht spurlos vorüber gegangen. Dennoch ist Michael Kashi mit seinen beiden Schwerstern in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem für Hass und Verbitterung kein Platz war.

Seine Kindheit war dennoch geprägt von Kriegen zwischen Israel und den Nachbarländern. 1966 ging er als Fallschirmspringer zur Armee, kämpfte im Sechs-Tage-Krieg. „Da habe ich gespürt, dass es im Krieg nur Verlierer gibt.“ Sein Sohn lebt mit seinen Kindern inzwischen in Jerusalem.

Für Kashi ist Stuttgart ein Stück Heimat geworden, und er hat maßgeblich die Jüdische Gemeinde mitaufgebaut. „Die ersten Jahre kamen mir eher trostlos vor“, erzählte er den Schülern. Die Situation änderte sich als viele jüdische Einwanderer aus den Ländern der ehemaligen UdSSR nach Stuttgart kamen. Rund 1500 Mitglieder hat die Gemeinde in Stuttgart heute, 3000 sind es in Württemberg. Kashi vermittelt als Vorstand in der Gemeinde IRGW zwischen Muslimen, Christen und Juden, unterstützt aber auch die Mitglieder, die vom Kindergarten, über den Seniorenclub bis hin zum eignen Sportverein organisiert sind. „Seine Geschichte hat mich berührt, und ich habe Respekt davor, dass er in Stuttgart geblieben ist“, sagt die 15-jährige Ann-Sophie Meurer.

Spontane Sympathiebekundungen

Die Vorträge an Schulen sind für Michael Kashi wichtig, damit die Jugendlichen die Chance haben, ihre jüdischen Mitbürger besser kennenzulernen. Aber nicht jeder in Stuttgart bekenne sich zum jüdischen Glauben. „Der Judenhass war nie ganz weg“, sagt der 72-Jährige und erzählt auf Nachfrage der Schüler von Vandalismus auf Friedhöfen und aktuellen Hassbriefen, aber auch von spontanen Sympathiebekundungen der Stuttgarter vor der Synagoge nach dem Anschlag in Halle. „Das macht mir Mut, dass es irgendwann besser wird“, sagt Kashi.

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