Göppingen/Kirchheim - Primoz Prost drückt mit beiden Armen eine Stange hinter dem Nacken nach oben. Er absolviert an diesem Vormittag im Oktober einige Kraft- und Ausdauereinheiten im Nice Athletic Club in Göppingen. Dann wischt sich der Torwart des Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart den Schweiß von der Stirn und kommt gut gelaunt mit dem Handtuch über der Schulter an die Theke. Der Chef persönlich macht seinem früheren Teamkollegen einen Cappuccino. Michael Kraus, der Handball-Weltmeister von 2007, lächelt und sagt: „Bei uns gehen alle mit Spaß an ihre Grenzen.“ Das ist jetzt wieder vorbei. Für die Hobby-Sportler genauso wie für den Profi Prost, der ganz in der Nähe in Rechberghausen wohnt, heißt es im Studio: Leider geschlossen.
„Die Pandemie trifft uns alle sehr hart“, sagt Kraus. Bis zum Ausbruch boomte die Branche. 2019 machten mehr als 11,6 Millionen Menschen in deutschen Fitnessclubs Sport. Das Virus hat innerhalb weniger Monate alles verändert. Bis Ende des Jahres dürften die Mitgliederzahlen um über zehn Prozent gesunken sein, schätzen Experten.
Der 37-Jährige Michael Kraus hatte schon vor der Krise entschieden, sich selbstständig zu machen – und lag damit im Trend: Immer mehr aktuelle oder ehemalige Profisportler wollen in ihrem eigenen Studio oder als Personal Trainer ihr Wissen weitergeben. Auch Tobias Unger ist einer davon.
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Der ehemalige Spitzenleichtathlet und Hallen-Europameister hält mit 20,20 Sekunden immer noch den deutschen Rekord über 200 Meter. Nach seinem Karriereende 2013 und sieben Jahren als Athletik-Trainer beim VfB Stuttgart hat sich der 41-Jährige in diesem Jahr in Kirchheim/Teck mit einem Fitness- und Trainingszentrum selbstständig gemacht. Nach dem zweiten Lockdown versteht er die Welt nicht mehr: „Es trifft immer die Gleichen. Du gibst Tausende von Euro für Hygiene- und Lüftungsmaßnahmen aus – und als Dankeschön darfst du schließen.“
Kostenlose Online-Kurse
Wie im Gym von Kraus sind auch bei ihm Amateure und Profis – wie die Zweitliga-Basketballer der Kirchheim Knights oder die rumänische Weltklasse-Weitspringerin Alina Rotaru – gleichermaßen willkommen. Seine Kunden schätzen die Erfahrung des studierten Sportwissenschaftlers aus Theorie und Praxis. Aktuell bietet er kostenlose Onlinekurse an wie zum Beispiel Zirkel- oder Langhanteltraining. „Wir leihen unseren Mitgliedern das Equipment und bis zu 30 Teilnehmer können sich live zuschalten“, sagt Unger. Die Resonanz ist top. Noch hat er keine Angst um die Existenz.: „Als neues Studio haben wir es etwas leichter, woanders kann es sein, dass die Mitglieder die Geduld verlieren, wenn sie längere Zeit nicht vor Ort sein können.“
Neuer Lifestyle
Wie stark die Delle durch Corona ausfällt und wie schnell sie ausgeglichen werden kann, weiß Unger nicht. Er bleibt aber optimistisch und glaubt, dass nach Ende der Krise eine Fitnesswelle losbricht. „Es herrschte doch schon vorher ein neuer Lifestyle in der Gesellschaft“, findet er, „nicht mehr unbedingt das große Auto ist wichtig, sondern eine gute Fitness, gesunde Ernährung, gute Laufschuhe.“ Warum? „Weil die Menschen im Job viel sitzen, länger leben und dafür auch bereit sind, mehr zu investieren.“
Sportler können besser vermitteln
Das stellt auch David McCray fest. Der ehemalige Bundesliga-Basketballer von den MHP Riesen Ludwigsburg trainiert als Co-Trainer des Erstligateams und Chefcoach der U19 nicht nur Basketballer. Er hat zahlreiche Fitness-Lizenzen erworben und betreut als Athletik-Coach auch andere Profis und Freizeitsportler. Rentner, Jugendliche, Eltern – sein Klientel ist bunt gemischt. Außerhalb des Lockdown wird zu zweit trainiert – oder auch in der Gruppe. Egal in welcher Konstellation, es sei ein Riesenvorteil, wenn ein Leistungssportler sein Wissen weitergibt: „Wenn man von Kindesbeinen an mit jeder Faser seines Körpers für seinen Sport lebt und sich entsprechend ernährt, dann kann man den Leuten auch besser vermitteln, wie enorm wichtig es ist, sich zu bewegen“, ist sich der 33-Jährige sicher.
Individuelle Betreuung als Trumpf
Natürlich lässt sich außerhalb von Corona-Zeiten auch in einem Verein wunderbar Sport treiben. Doch die Lebenswelten der Menschen werden immer flexibler. „Wenn wir normal geöffnet haben, können die Leute aktiv sein, wenn es ihnen zeitlich passt und sie Lust dazu haben“, sagt Unger. Dass Flexibilität auch alleine in Parks und Wäldern möglich ist, steht außer Frage. Doch Unger hält es für wichtig, gezielt auf die Bedürfnisse der Sportlers einzugehen – auch an der frischen Luft: „Die Menschen möchten den direkten Kontakt zum Trainer. Deshalb können auf Dauer auch Online-Kurse keinen Studiobesuch ersetzen.“
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Nach dieser Philosophie verfährt im übrigen auch Ungers früherer Nationalmannschaftskollege Marius Broening. Der Olympiateilnehmer von 2004 und 2008 arbeitet als Personal Trainer in München. „Show und Schnick-Schnack gibt es bei uns ehemaligen Leistungssportlern nicht“, sagt Unger, dafür vielleicht mal bei einem Getränk an der Bar die eine oder andere spannende Geschichte aus der aktiven Laufbahn.
Kraus trainiert selbst in seinem Gym
Davon kann auch Michael Kraus viele erzählen. Doch wann immer es möglich ist, hält sich der 37-Jährige in seinem Gym fit, um gewappnet zu sein, falls er doch noch einmal zum Handball greift. Eigentlich wollte er selbst ab November als Fitness-Trainer in seinem Studio tätig werden und seine Erfahrungen weitergeben. Only thing that works ist work“, sagt er. „Das einzige, was funktioniert, ist Arbeit.“ Wenn man denn gelassen wird. Wer wüsste das besser, als ehemalige Spitzensportler.
Wir haben Fotos von ehemaligen Leistungssportlern, die ihr Wissen im Fitnessbereich weitergeben. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie!