InterviewMichael „Mimi“ Kraus vom TVB Stuttgart „Ich kann mir vorstellen, bis 40 zu spielen“

Von Jürgen Frey und  

Michael „Mimi“ Kraus ist in aller Munde, nachdem er für den TVB Stuttgart in den letzten drei Spielen 38 Tore erzielt hat. Im Interview äußert sich der 35-Jährige über seine WM-Chancen, seine Erfahrungen in den sozialen Netzwerken und er verrät, warum seine Frau die Familie allein ernähren könnte.

Michael Kraus ist derzeit in Topform – und ein Kandidat fürs Nationalteam. Foto: Baumann 12 Bilder
Michael Kraus ist derzeit in Topform – und ein Kandidat fürs Nationalteam. Foto: Baumann

Stuttgart - Handball-Profi Michael „Mimi“ Kraus hebt sich durch seine offene Art von vielen Profisportlern ab. Im Interview spricht der 35-Jährige nicht nur über seine Zukunft beim Bundesligisten TVB Stuttgart, sondern auch über sein Familienleben.

Herr Kraus, wir sitzen in einem Traditionscafé in Göppingen. Wer ist denn in Ihrer Heimaststadt der größere Star: Sie oder doch Ihre Ehefrau Bella?

Mittlerweile muss man fast sagen, meine bessere Hälfte. Immer öfter kommt es vor, dass ich gefragt werde: Sie sind doch der Mann von der Bella Kraus, und dann sage ich: Genau, der bin ich! Ich habe ja auch nur 50 000 Follower auf Instagram und sie 130 000, und sogar 180 000 auf Youtube, was fast die interessantere Zahl ist. Wahnsinn, wie sich ihre Präsenz in den sozialen Medien entwickelt hat.

Wie kam es dazu?

Meine Frau kommt ja aus der Kosmetikbranche und hatte viele Anfragen von Freundinnen, ihnen Tipps zu geben, wie man sich schminkt oder ein Hochzeits-Make-up macht. Bis ich ihr mal gesagt habe: Merk dir für die Zukunft: Wenn du was gut kannst, mach es niemals umsonst. Das nahm sie sich zu Herzen.

Und inzwischen verdient sie mit ihren ­Videos mehr als der Handballprofi?

Über Zahlen spricht man nicht, aber ich glaube, Bella könnte uns alleine ernähren. Aber das ist nicht ihre Intention. Die Videos kommen sehr gut an. Ein Grund hierfür ist mit Sicherheit, dass sie immer auf die Fragen und Meinungen ihrer Fans eingeht.

Wie zum Beispiel?

Bellas Zielgruppe ist sehr breit. Ungewöhnlich breit. Zwischen zehn und 60 Jahren, würde ich sagen. Aber die meisten wollen etwa wissen, wie man im Tagesablauf mit zwei Kids und so einem Ehemann wie mir zurechtkommt (lacht).

Auf der anderen Seite ist es ja ein schmaler Grat, seine Kinder so offen in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Gab es da noch keine ­negativen Erfahrungen?

Wir haben deshalb lange diskutiert, ob wir es machen, und beim ersten Kind haben wir die Beiträge auch zensiert. Irgendwann haben wir aber entschieden, die Kinder gehören zu unserem Leben dazu. Wenn jemand wissen möchte, wie sie aussehen, erfährt er das auch so, wir laufen ja nicht mit einer Tüte über dem Kopf durch die Stadt.

Aber die Kritiker können Sie schon verstehen?

Absolut. Ich verstehe auch Leute, wenn sie sagen, unsere Kinder gehören nicht in die Öffentlichkeit. Aber wir sind die Eltern und haben die Entscheidung getroffen, dazu stehen wird.

Wäre so ein Post wie zuletzt von Lisa Müller beim FC Bayern bei Ihnen auch denkbar?

Nein, überhaupt nicht! Den Trainer würde Bella nie kritisieren. Überhaupt würde sie sich niemals anmaßen, sportlich-politische Dinge zu posten, um Reichweite zu generieren. Schuster, bleib bei deinen Leisten. Aber natürlich hat Thomas Müller recht, dass er seine Frau danach verteidigt.

Sie ist ja Wettkampfreiterin, kommt also aus dem Sport, das ist bei Ihrer Frau nicht der Fall?

Meine Frau war Voltigiererin und sogar deutsche Meisterin, deshalb ist sie pferdeaffin, so dass es da schon eine Parallele gibt, das ist ganz witzig.

Zieht es die Fan-Gemeinde Ihrer Frau inzwischen auch zum Handball?

Mittlerweile ist es schon so, dass viele sagen, ihr Ehemann ist Profisportler, so dass sie sich auch mit Handball beschäftigen, obwohl sie das sonst nicht anschauen würden, das finde ich toll. Es gibt tatsächlich Fans in der Halle, die sagen, über Bella sind wir auf dich aufmerksam geworden, jetzt wollten wir dich auch mal spielen sehen. So gesehen kann auch der TVB Stuttgart von Bella profitieren (lacht).

Sie befinden sich in Topform, in den vergangenen drei Spielen erzielten Sie 38 Tore. ­Welchen Anteil hat denn die Familie an dem Höhenflug des Mimi Kraus?

Ich glaube, einen ganz großen. Eine solche Basis wie aktuell hatte ich in dieser Weise zuvor nie. Bella gibt mir sehr viel Kraft, ­genau wie die Kinder, auch wenn die mal stressig sein können, das sollte man nicht abstreiten.

Wo liegt dann der Vorteil?

Ich ziehe daraus so viel Energie. Dieser Vorteil überwiegt ganz klar. Ich nehme mir meine Auszeiten und gehe eben auch nicht mehr nach Mitternacht ins Bett, sondern um zehn – dann hat man, wenn man um vier aufsteht, trotzdem sechs Stunden Schlaf. Dieser Prozess hat sich bewährt hat.

Wie konkret?

Es gibt mir total viel Kraft, auch weil mein Lebenswandel ein anderer geworden ist. Ich bin kaum noch unterwegs, das wirkt sich auf meinen Körper aus, auf meine Regeneration, auf meinen Fokus auf den Handball, alles ist eng miteinander verbunden. Ich habe aus Spaß schon gesagt: Es wäre wahrscheinlich gut gewesen, wenn ich Bella sechs Jahre früher kennengelernt hätte. Aber lieber spät als nie.

Das gilt ja auch für eine mögliche WM-Nominierung. Am Montag gab es Verwirrung, als es zunächst hieß, der Bundestrainer Christian Prokop habe Ihnen einen Korb gegeben, der diese Aussage später aber revidierte. Wie hoch schätzen Sie nun Ihre Chance ein, doch noch auf den WM-Zug aufzuspringen?

Schwer zu sagen. Ich kenne den Bundestrainer eben überhaupt nicht und maße mir auch nicht an, ihm irgendwelche Tipps zu geben oder Forderungen zu stellen.

Aber?

Ich habe sicher meine Meinung und glaube, dass ich helfen könnte – ohne arrogant zu klingen. Ich werde auf dem Feld ja auch immer gerne dargestellt als der Zocker . . .

. . . der Sie doch auch sind . . .

. . . sicher habe ich einen gewissen Grad an Zocker-Mentalität, aber ich leite das Spiel, meine Nebenleute profitieren davon. Klar liegt meine Stärke im Antritt und im Wurf, aber ich stecke auch in jedem taktischen Ablauf voll drin. Der Mittelmann führt eben oft die Anweisungen aus, da gehört eine gewisse Spielsteuerung dazu. Der Bundestrainer wird sich das alles bestimmt in Ruhe anschauen und dann eine Entscheidung treffen.

Und dann stünden Sie bereit?

Ich bin Handballer durch und durch und suche immer den Wettbewerb. Einen größeren Wettbewerb als die WM im eigenen Land gibt es nicht, das wäre ein Traum. Aber eines finde ich noch wichtig.

Bitte.

Die Nationalmannschaft ist nicht dafür da, sich Selbstvertrauen zu holen. Dafür haben wir vor so einem Turnier zu wenig Zeit.

Wenn’s mit der WM nicht klappt . . .  

. . . klappt’s mit Olympia in Tokio 2020.

Und so lange verlängern Sie beim TVB Stuttgart, mit dem es an diesem Donnerstag zu Ihrem Ex-Club nach Lemgo geht?

Das kann passieren, muss aber nicht.

Von was hängt es ab?

Ich finde schon, dass wir auf dem richtigen Weg sind, aber wir könnten locker drei Punkte mehr haben, das ärgert mich. Und wenn es heißt, wir wollen so früh wie möglich den Klassenerhalt schaffen, kann ich damit wenig anfangen. Das Wort Klassenerhalt würde ich beim TVB aus dem Wortschatz streichen.

Gab es schon Sondierungsgespräche?

Die Ansage ist, dass wir uns im Dezember mal zusammensetzen werden. Der Abstieg sollte kein Thema sein, die Planungssicherheit ist vorhanden, also gibt es keinen Grund, nicht in Gespräche zu gehen. Ich kann mir schon vorstellen – wie Mindens Dalibor Doder – bis 40 zu spielen.

In der Bundesliga?

Warum nicht. Heute leben wir in einem anderen Zeitalter, da ist mit 34 Jahren nicht Schluss, wenn man die Sportwissenschaft beherzigt, auf die Ernährung achtet und ­Alkohol auf ein Minimum reduziert.

Und mit drei Kindern mit Sack und Pack nochmals umziehen, wäre kein Hindernis?

Meine Frau ist offen für alles. Sogar das Ausland käme für sie infrage, bevor die ­Kinder in die Schule kommen.