Mit 34 erhält Michael Vogel die Diagnose Multiple Sklerose. Ein großer Schock sei das für ihn gewesen. Heute lebt der 46-Jährige seit vielen Jahren ohne Schübe.

Filderzeitung: Sandra Belschner (sbr)

Fast im Sekundentakt legt Michael Vogel seine Hände auf den Tisch, ändert seine Position, knetet die Handballen, reibt die Innenseiten unruhig aneinander, spielt mit seinen Fingern. Der 46-Jährige ist sichtlich nervös. Was hervorsticht: In seinem Gesicht ist davon nichts zu lesen. Fester, freundlicher Blick, besonnene Ausstrahlung. Wenn Michael Vogel lacht, was er fast immer tut, wenn er spricht, mehren sich die Fältchen, die sich um seine Augen legen. So als würden sie zeigen wollen: Das war schon immer so.

 

Dass der Filderstädter in diesem Moment ständig seine Hände in Bewegung hat, liegt nicht etwa daran, dass er verlegen oder unaufmerksam ist. Die vielen Veränderungen in seiner Gestik passieren – fast unbemerkt –, weil im Inneren seiner Hände hunderte kleine Ameisen durcheinanderlaufen. So fühlt es sich für den 46-Jährigen zumindest an. Denn Michael Vogel lebt seit 13 Jahren mit Multiple Sklerose, kurz: MS. Vor allem in Momenten, in denen der gelernte Bauzeichner angespannt oder gestresst ist, macht sich die Krankheit bemerkbar.

Mehr Frauen als Männer sind von Multiple Sklerose betroffen

Laut der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) leben hierzulande etwa 280 000 Menschen mit MS, Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Dass Michael Vogel unheilbar krank ist, erfuhr er mit 34, an einem Tag, der nicht hätte normaler sein können. „Meine Füße und meine Hände haben sich angefühlt, als wären sie eingeschlafen, taub und pelzig“, erzählt der Filderstädter. Doch weil er zu dieser Zeit im Job sehr eingespannt war, schob er die Symptome auf den Stress. Geht schon wieder weg, dachte sich Vogel, auch weil er es denken wollte.

Als das Gefühl nach zwei Tagen noch nicht verschwunden war, schickte ihn seine Frau zum Arzt – und dieser ihn direkt ins Krankenhaus. Es folgten eine Hirnwasserentnahme und mehrere Tests, dann stand fest: Den jungen Mann wird sein ganzes Leben lang eine unheilbare Krankheit begleiten. „Das war ein riesengroßer Schock“, sagt Vogel, „da ging erst einmal gar nichts mehr.“

Rollstuhl, Blindheit und hohe Pflegekosten – auch wenn die meisten schon mal von MS gehört haben, haben die wenigsten ein detailliertes Bild von der Krankheit, und wenn, dann ist sie düster, die Zukunft, die man den Betroffenen ausmalt. Auch in Michaels Kopf waberten die gängigsten Klischees umher – genaueres wollte er kurz nach seiner Diagnose nicht wissen. Er sei schon immer eher der Verdrängungstyp gewesen, sagt er, eher ein Mensch, der schon durch das alleinige Lesen über Symptome Krankheitsanzeichen spüren würde. Seine Frau sei für ihn die größte Stütze in dieser Zeit gewesen, sagt er. Während er in einem Tunnel verschwand, sammelte sie alle möglichen Informationen und sprach mit Ärzten.

Dieser „Lichtblick“ sei es auch gewesen, der ihm den nötigen Antrieb verschaffte, sich näher mit der Erkrankung zu beschäftigen. Schnell merkte er, nicht umsonst wird MS auch die Krankheit mit den 1000 Gesichtern genannt. Denn sie kann viele unterschiedliche Verläufe haben. Die teilweise Verdrängung sei für ihn heute dennoch der richtige Weg, mit der Krankheit umzugehen.

Stimmungsschwankungen als Schattenseiten

Mittlerweile, 13 Jahre nach der Diagnose, vergisst Vogel teilweise wochenlang, dass die Erkrankung des Zentralen Nervensystems ein Teil seines Lebens ist – seit vielen Jahren hat der Filderstädter keinen Schub mehr gehabt, seit drei Jahren lebt er ohne Medikamente, weil ihn das tägliche Spritzen zu sehr stresste. Für solche starken Präparate gehe es ihm fiel zu gut, sagt er. Der Logistiksachbearbeiter kann in Vollzeit arbeiten und seinen Hobbys – etwa Radfahren und Computerspielen – nachgehen. Was dem 46-Jährigen bei der Krankheit am meisten zu schaffen macht, sind die Stimmungsschwankungen, die er bis zu seiner Diagnose nicht von sich kannte. Wenn Vogel vom Davor erzählt, bleibt kein Zweifel: Bis er von der MS wusste, ist er als Frohnatur durchs Leben gegangen.

Auch heute bezeichnet er sich noch als Optimist, aber manchmal lege die MS einen Schalter in seinem Kopf um: „Plötzlich bekomme ich schlechte Laune und kann gar nicht sagen, warum.“ Erst vor ein paar Tagen ist Vogel mit seiner Frau zum Baumarkt gefahren. Ihre Frage, was sie denn am nächsten Tag zu Mittag essen sollten, reichte aus, dass die Stimmung kippte. „In diesen Momenten ist mir auf einmal alles zu viel“, sagt Vogel.

Auch für seine Frau , die seit 30 Jahren an seiner Seite ist, sei das am Anfang schwierig gewesen. Doch „mit viel Reden und Verständnis füreinander kann man alles schaffen“, ist sich Vogel sicher. Ruhe und Entspannung findet er zwischen seinen etwa dreißig Pflanzen, die in seinem neuen Garten in Zukunft mehr Platz finden sollen. Zu dieser Leidenschaft habe ihn erst die MS gebracht, erzählt er, und das Leuchten in seinen Augen verrät: Eine einschneidende Diagnose kann auch neue und schöne Wege offenlegen.

Die Antwort auf die Frage, was er Menschen raten würde, die erst kürzlich von ihrer MS erfahren haben, kommt die Antwort schnell: früher zu einem Treffen mit anderen Betroffenen gehen. „Das habe ich erst viel zu spät gemacht, weil ich dachte, die sitzen alle im Rollstuhl und sind schlecht drauf.“ Allerdings sei er von der Lebensenergie und dem „coolen Umgang der anderen mit der Krankheit“ regelrecht angesteckt worden.

Doch was geht in Vogel vor, wenn er daran denkt, dass er irgendwann vielleicht doch im Rollstuhl sitzen könnte? „Das würde mich aus der Bahn werfen“, sagt der leidenschaftliche Autofahrer. Deshalb fährt er weiter die Verdrängungsstrategie und plant eine Reise nach Schottland. Die ist nämlich Michael Vogels größter Traum.

Die Krankheit mit den 1000 Gesichtern – und Hilfe dafür

Multiple Sklerose
MS ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark umfasst und meist im frühen Erwachsenenalter beginnt. Die Krankheit lässt noch viele Fragen unbeantwortet und ist in Verlauf, Beschwerdebild und Therapieerfolg von Patient zu Patient so unterschiedlich, dass sich allgemeingültige Aussagen nur bedingt machen lassen. MS ist nicht ansteckend, nicht zwangsläufig tödlich, kein Muskelschwund und keine psychische Erkrankung.

Amsel
Die Aktion Multiple Sklerose Erkrankter (Amsel) ist der Landesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) in Baden-Württemberg. Die Amsel bietet unteranderem regelmäßige Treffen an, bei denen MS-Erkrankte Unterstützung finden.