Michael Wildenhain schreibt Stuttgart-Roman Letzte Zuflucht Bohnenviertel

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Der Berliner Autor Michael Wildenhain sucht für den Helden seines neuen Romans eine geeigneteUmgebung – und findet sie in der Landeshauptstadt. Über Schwabenstreiche, Zahnarztpraxen und die Lust am Geheimnisvollen.

Drei Monate war Michael Wildenhain Stipendiat des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Foto: Marijan Murat
Drei Monate war Michael Wildenhain Stipendiat des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Foto: Marijan Murat

Stuttgart - In Sergio Leones Gangster-Film „Es war einmal in Amerika“ gibt es eine Szene, in der sich zwei Freunde nach langer Zeit wieder treffen. Der eine, frisch aus der Haft entlassen, antwortet auf die Frage, was er die letzten Jahre getrieben habe: „Ich bin früh schlafen gegangen.“ Drei Monate war der Berliner Schriftsteller Michael Wildenhain nun als Stipendiat des Schriftstellerhauses in Stuttgart. Doch er ist nicht zum Schlafen hierher gekommen, sondern um für seinen neuen Roman zu recherchieren. Dessen Held, ein Lehrer, hat die Nase voll von dem überhitzten Treiben in den Lifestyle-Metropolen Berlin oder Hamburg. Er zieht sich zurück, in jeder Hinsicht, und Stuttgart soll dazu den inneren Emigrationshintergrund bilden – der geeignete Ort, um früh schlafen zu gehen. Na bravo.

Man könnte nun beleidigt beschließen, bei der ersten Kombination der Begriffe Kehrwoche und Pietismus den Gast aus Berlin darauf hinzuweisen, dass manche Gemeinplätze noch viel abgenutzter sind, als das, was sie angeblich charakterisieren. Man könnte irgendetwas von Hip-Hop murmeln, von Aufbruch oder Lebensqualität. Doch beim Blick aus dem beschaulichen Altstadtrest des Schriftstellerhauses in der zweiten Reihe des Automobilstadtinfernos Charlottenplatz, muss man einräumen, dass die Kulisse jene Mixtur aus nüchternem Wohlstand und Biedersinn ganz gut einlöst, die Wildenhain für seinen Helden vorzuschweben scheint.

Komische Karrieren

Der 1958 geborene Autor debütierte mit Erzählungen aus der Hausbesetzer-Szene, sein erster Roman führt in die autonomen Kreise der gerade frisch vereinigten Hauptstadt; der letzte „Das Singen der Sirenen“ wurde 2017 zur Freude seines Stuttgarter Verlags Klett-Cotta für den Deutschen Buchpreis nominiert, eine Geschichte, in der sich Antifa-Vergangenheit und Zukunftschimären, Zeitgeist und Mythologie in Lebens- und Liebesläufen verschränken. Wildenhains weit gespanntes Werk kartographiert die Mentalitäten, Haltungen und Metamorphosen seiner von der Spätphase der 68er Bewegung geprägten Generation. Künftig wird hier auch die Landeshauptstadt verzeichnet sein.

Klischees sollte man bei diesem Autor nicht befürchten müssen, der zudem viel zu heiter und gelassen von seinen Streifzügen durch die Gegend berichtet, um mit verletztem Lokalpatriotismus behelligt zu werden – auch wenn die Anlässe im Laufe des Gesprächs nicht weniger werden. Wildenhain, in dessen Erscheinungsbild sich ein jugendlicher Anklang an die bewegte Vergangenheit erhalten hat, gehört nicht zu jenen Kollegen, deren Karriere, wie er sich ausdrückt, einen komischen Verlauf genommen hat. Wie die des aus Pforzheim stammenden früheren linksradikalen Publizisten Jürgen Elsässer, der heute als Herausgeber des Monatsmagazins „Compact“ rechts außen nach Stimmen fischt. „Vieles was wir unternommen haben, hatte eine ungeheure Wucht, aber die resultierte auch aus einer unglaublichen Naivität“, sagt Wildenhain im Rückblick, „ich stehe dazu, zu meinen ersten Büchern, auch wenn ich heute manches anders sehe.“

Als Protestveteran unter S-21-Gegnern

In Stuttgart ist Wildenhain als Veteran deutscher Protestkultur – Gorleben, Startbahn West, Mutlangen – in einen Schwabenstreich der S-21-Gegner geraten. Im Unterschied zu seinen Erfahrungen mit antikapitalistischen Aktivitäten erstaunt ihn hier das Missverhältnis zwischen der Wucht des Vortrags und dem Gegenstand: „Ein Bahnhof wird gebaut, ein paar Milliarden werden vermutlich sinnlos in den Sand gesetzt, kann schon sein, nur warum erregt das gerade in Stuttgart so sehr die Gemüter?“

Schon einmal war der Vater zweier mittlerweile erwachsener Kinder als Stipendiat in Stuttgart, Anfang der neunziger Jahre auf der Solitude. Zum ersten Mal sind ihm da Leute begegnet, die mit Kinderwagen durch den Wald joggen. „Diese Stadt ist so arbeitsam, man steht früh auf, bleibt bis spät im Büro, jede freie Minute wird protestantisch ausgepresst.“ Verglichen mit dem sozial gespaltenen Hamburg und seiner sichtbaren Klassenstruktur, mit Berlin und seiner hohen Sockelarbeitslosigkeit erscheint Wildenhain Stuttgart als Hort des Wohlstands, der Stabilität. Aber wie hängt solche Saturiertheit mit dem Erfolg der Grünen zusammen? „Die Grünen sind eine im Kern konservative Partei, deshalb konnten sie vom Verschleiß der CDU profitieren und nicht etwa die SPD.“

Natürlich weiß er um die einstigen Hochburgen der Rebellion Tübingen, Heidelberg, Stuttgart, um die RAF-Geschichte im Land, um Niedlichs Buchhandlung und die starken Gewerkschaften der Autoindustrie. Dennoch glaubt Wildenhain bei seinen Lesereisen feststellen zu können, dass die 68er Einflüsse im Südwesten einerseits weniger durchgedrungen sind, gleichzeitig aber auch mehr als irgendwo sonst – und zwar in eben jener konservativen grünen Variante.

Mit dreckigen Turnschuhen über rote Teppiche

Bei seinen Recherchen hat er sich durch die Stadt treiben lassen. Wo könnte sein Protagonist, der sich als Nachhilfelehrer durchschlägt, wohnen? Wohin ist er umgezogen? In einem der Blöcke zwischen der Stitzenburg oder Hohenheimer Straße? Oder liegt sein Nachhilfeinstitut hier in der Kanalstraße, mit dem skurrilen Ausblick auf eine Zahnarztpraxis, die dank der Schriftstellerhaus-Stipendiaten vermutlich in die Weltliteratur einziehen wird? Schaut er, während er vor seinen mäßig interessierten, mit ihren Handys spielenden Schülern sitzt, den peinvollen Behandlungen gegenüber zu?

Als Wildenhain ankam, erzählte eine als Hexe verkleidete Stadtführerin vom Bohnenviertel. „Was für ein Aufwand, für diese drei Häuser“, lacht der Autor, „nach so etwas kann man nicht recherchieren, das fällt einem zu.“ Wieder durchzuckt ein Stich das lokalpatriotische Herz. Doch dann gerät er ins Schwärmen von zwei kostbaren Entdeckungen, zwei Schriftzüge an der Wand, sogenannte Tags, poetische Menetekel im Stadtgewinkel: „Mit dreckigen Turnschuhen über rote Teppiche“ ist auf einem zu lesen. Und wenige Meter weiter: „Das schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.“ Vielleicht wird man ihnen in dem neuem Roman wiederbegegnen, der Geschichte eines Hamburg- und Berlinmüden, der in Stuttgart Zuflucht findet. Damit kann man leben.