Krimikolumne

Michaela Kastel: So dunkel der Wald Das Grauen in den Bergen Österreichs

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In „So dunkel der Wald“ erzählt Michaela Kastel vom Schicksal einiger Kinder, die in die Fänge eines psychopathischen Kinderschänders geraten sind. Ein durchaus gelungenes Debüt, meint Lukas Jenkner in unserer Krimi-Kolumne Killer & Co.

Michaela Kastel ist eine Wiener Autorin. Foto: Marie Bleyer
Michaela Kastel ist eine Wiener Autorin. Foto: Marie Bleyer

Stuttgart - „So dunkel der Wald“ von Michaela Kastel ist einer jener Thriller, die kaum zu rezensieren sind, denn eine überraschende Wendung ziemlich am Anfang verbietet es geradezu, aus der Handlung etwas vorweg zu nehmen. So bleibt die Inhaltsangabe auf dem Schutzumschlag: Ronja und Jannik sind zwei junge Erwachsene, die als Kinder von einem skrupellosen Mann tief in einen Wald irgendwo im Niederösterreichischen verschleppt worden sind. Die vielen Jahre in brutaler und angsterfüllter Gefangenschaft haben die beiden scheinbar gebrochen, sie sind zu willenlosen Erfüllungsgehilfen ihres Entführers geworden.

Der, da wird nicht zu viel verraten, ist eine bösartige Mischung aus dem belgischen Kinderschänder und Mörder Marc Dutroux, der bis in die 90er Jahre hinein mehrere Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 19 Jahren entführt, missbraucht und zwei von ihnen ermordet hat, sowie dem Österreicher Josef Fritzl, der von 1984 bis 2008 seine eigene Tochter in einer unterirdischen Wohnung gefangen hielt und mit ihr sieben Kinder zeugte.

Die Situation gerät außer Kontrolle

Es ist also ziemlich starker Krimitobak, den die Wiener Autorin Michaela Kastel in ihrem Debütroman dem Leser zumutet. Und während dieser noch darüber nachgrübelt, ob er sich dem Grauen der ersten Kapitel noch länger aussetzen soll, kippt die Handlung. Denn eines Tages – auch das verrät der Schutzumschlag – gerät die Situation außer Kontrolle, die langersehnte Freiheit erscheint zum Greifen nah. Doch plötzlich erscheint Ronja und Jannik der lang gehegte Wunschtraum fremd und beängstigend.

Währenddessen läuft für den kleinen Kosmos voller Grauen tief im österreichischen Wald die Zeit ab. Denn die Polizistin Sarah Wiesinger, die in einer Serie von verschwundenen Kindern ermittelt, bekommt eine erste, winzige Spur zu fassen . . .

Die Maßstäbe der Moral grotesk verschoben

Was machen jahrelanger Psychoterror und Gewalt mit Menschen? Wenn jeder Tag einen neuen Überlebenskampf bedeutet, wenn Tod und Perversion zum alltäglichen Begleiter werden, in dem die Maßstäbe von Moral, Gerechtigkeit, Gut und Böse bis ins Groteske verschoben werden? Kann auf einem solchen vom Leichengift durchtränkten Boden etwa noch Liebe gedeihen? Es sind Fragen wie diese, mit denen sich Michaela Kastel in „So dunkel der Wald“ auseinandersetzt.

Die klaustrophobische Stimmung in der entlegenen Hütte fängt Kastel gut ein, auch wenn sie von der Suggestionskraft etwa eines Stephen King in „Shining“ weit entfernt ist. Eingebettet hat Kastel ihre spannende Geschichte in die österreichische Landschaft, in der die Wälder dunkel im Nebel versinken, die Wege einsam und die Berge unzugänglich sind. Dass dort mal ein Kind verloren geht, das scheint jedem, der einmal für ein paar Stunden durch diese trübe, melancholische Einsamkeit gewandert ist, gar nicht so unglaubhaft. Da kriecht die Angst gelegentlich über Stock und Stein die Beine hoch. Und wenn es erst dunkel wird . . .

Michaela Kastel: So dunkel der Wald. Thriller. Emons Verlag Köln 2018. 304 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 18 Euro.