Michaela-Stefanie Karle aus Aichwald Bei der Mutter das Weberhandwerk gelernt

Michaela-Stefanie Karle ist im Elternhaus mit der Weberei aufgewachsen. Im Jahr 1989 legte sie die Meisterprüfung ab. Foto: Marion Brucker

Michaela-Stefanie Karle aus Aichwald webt in zweiter Generation. Vor gut fünf Jahren beschloss sie, als Webermeisterin keine Auftragsarbeiten mehr zu fertigen, sondern nur noch das, was ihr Freude bereitet.

Aichwald - Michaela-Stefanie Karle ist in doppeltem Sinn zurückgekehrt – in das Haus, in dem sie geboren wurde, und zu den Wurzeln ihrer beruflichen Karriere. Die 62-Jährige sitzt vor einem Webstuhl in einem Nebengebäude ihres Elternhauses in Aichwald und zeigt auf den Eichenboden. „Hier standen die Wollkörbe. Darin habe ich gespielt“, sagt sie. Über ihr war damals das rhythmische Geräusch des Webstuhls zu hören, auf dem ihre Mutter Gobelins webte.

 

An der Wand hängt ein Muster davon, darunter steht ein von ihrem Mann gefertigtes Regal aus derben Bauholzdielen. Ein von Karle bewusst gewählter Kontrast zu den feinen gewebten Leinenservietten, Geschirrtüchern und Schals, die sie darin zuerst auf einer Messe in Stuttgart präsentiert hat. Karle möchte Gebrauchsgegenstände weben, für Menschen, die Wert auf ein schönes Zuhause legen. „Das I-Tüpfelchen dazu liefern.“ Ihr bevorzugtes Material ist Leinen. Aber auch Seide, Baumwolle, Kaschmir, Merino und Alpaka verarbeitet sie. Vorzugsweise kombiniert sie Fasern, die sich nur schwer miteinander verweben lassen.

Die Luft ist feucht, es riecht nach Leinen

Vor gut fünf Jahren beschloss sie, in ihrem Beruf als Webermeisterin keine Auftragsarbeiten mehr zu fertigen, sondern das, was ihr Freude macht. „Ich wollte schon immer gestalten“, sagt sie. Deshalb habe sie ursprünglich Innenarchitektur studieren wollen. Doch zuerst hat sie nach dem Abitur erst einmal Weberin bei ihrer Mutter gelernt, so wie eine ihrer beiden älteren Schwestern.

Karle geht aus dem Nebengebäude in den Keller ihres Elternhauses, wo links ein Schild hängt „Linum Manufaktur für feine Stoffe“. Die Luft ist feucht, es riecht nach Leinen. „Weber sind Kellerkinder“, sagt Karle. Es sei der ideale Ort zum Arbeiten, weil Webstühle laut und schwer sind und die Garne, vor allem Leinen, eine relativ hohe Luftfeuchtigkeit zum Verarbeiten benötigen. An der Wand hängt ihr Meisterbrief von 1989, am anderen Ende der ihrer Mutter Gertrud Widmaier von 1946. Karle geht zu ihrem Lieblingswebstuhl, einem Marquardsenwebstuhl aus den 1920er-Jahren. Es ist ihr schwerster und größter, auf dem sie bis zu 1,90 Meter breite Teile weben kann. Weiße Fäden hängen über den Holzstangen. Die Webermeisterin erklärt, wie sie ihn gerade einrichtet. Drei Tage wird sie dazu brauchen, bis das neue Muster darauf gewoben werden kann. Und sie hat auch schon beschlossen, welches es sein wird. Karle nimmt einen cremefarbenen Blazer vom Kleiderhaken an der Tür. Es ist ihr Meisterstück. Sie zeigt den dazugehörigen Zeichenentwurf. Wie Wellen, die sich am Strand nach der Flut im Sand abzeichnen wirkt das Muster. „Es hat meine Mutter noch abgenommen“, sagt sie und erzählt nachdenklich, dass diese plötzlich kurz vor ihrer Meisterprüfung verstorben sei. Sie wollte deshalb abbrechen, doch einer ihrer beiden älteren Brüder habe sie dazu ermutigt, nicht aufzugeben. Karle biss sich durch. Nicht nur bei der Meisterprüfung, sondern auch nach einer gescheiterten Ehe mit zwei Söhnen. Die Jahre in denen die Handweberei boomte, waren vorbei. Die Webermeisterin machte eine Zusatzausbildung als Heilpraktikerin, um Kinder und Erwachsene mit Einschränkungen zu unterrichten.

Ein Haushaltswarenhaus in Luzern wurde auf sie aufmerksam

Nachdem sie mit ihrem zweiten Mann das Elternhaus renoviert hatte und dort eingezogen war, machte sie einen Schnitt. „Jetzt webe ich nur noch, was ich will“, sagte sie zu ihren vier Kindern. Nur ein Muster pro Jahr sollte es fortan geben. Und diese kommen an. Seit ihr jüngster Sohn auf ihrem Instagramaccount 2019 bunte Servietten postete, die sie ihren Kindern mit Partnern als Weihnachtsgeschenk gewebt hatte, floriert ihr Geschäft. Eine Schweizer Töpferin entdeckte diese und lud Karle mit ihrem Handgewebten zu einer gemeinsamen Ausstellung ein. Dadurch wurde ein Haushaltswarenhaus in Luzern auf sie aufmerksam. Außerdem erhielt sie die Möglichkeit, auf der Blickfang in Stuttgart auszustellen. Das war seit 30 Jahren ihr Traum. Seitdem ist sie auch hier bekannter. Sie freut sich, wenn jemand sich fürs Weben interessiert. Auch eine Auszubildende einzustellen, könne sie sich vorstellen. Schließlich wolle sie, dass ihr Handwerk auch weiterhin fortbesteht.

Ein Weber benötigt Geduld, Konzentrationsfähigkeit und Kreativität

Ausbildung
 Der Ausbildungsberuf zur Weberin wie ihn einst Michaela-Stefanie Karle lernte, existiert in der bisherigen Form nicht mehr. Er ist seit August des Jahres 2011 vom neuen Beruf Textilgestalter im Handwerk der Fachrichtung Weben abgelöst worden.

Geduld
Karle sieht als Voraussetzung vor allem Geduld, Konzentrationsfähigkeit, Kreativität und die Fähigkeit, sich Dinge vorzustellen, die noch nicht fertig sind. Beispielsweise, wenn man Muster zeichnet. Sie werden von Hand oder am Computer erstellt. Weber wählen Garne und bereiten den Webstuhl vor. Sie bedienen mit den Füßen die Tritte, schießen die einzelnen Querfäden mit einem Webschiffchen durch und schlagen jede Fadenreihe an. Nach dem Weben wäscht Karle das fertige Stück und bügelt die Stoffe.

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