Lange wurde Michelle Hunziker als typische Blondine belächelt. Jetzt kann sie als Moderatorin neben Bohlen und Gottschalk beim neuen „Supertalent“ auftrumpfen.

Berlin - Auf ihre Reflexe ist Verlass. Sollte es daran noch einen Zweifel gegeben haben, dann hat sie ihn bei RTL beseitigt. Der Sender hat Michelle Hunziker als neue Jurorin des „Supertalents“ angeheuert. Wer im Tempodrom in Berlin die Aufzeichnungen der neuen Folgen der Castingshow miterlebte, wurde Zeuge eines denkwürdigen Moments: Hunziker sitzt zwischen den beiden Alphamännern der TV-Unterhaltung, Dieter Bohlen und Thomas Gottschalk – ein Hingucker, ein Puffer, ein Aushängeschild. Aber das reicht ihr nicht. Irgendwann kommt sie in einem süßen Nichts von Kleid hinter dem Tisch hervor und stellt sich einem Kraftsportler als lebendes Gewicht zur Verfügung.

Der Mann hat Arme dick wie Popeye und ein Gebiss aus Titan. Er hat damit Bierdosen aufgebissen. Jetzt beißt er auf das Ende eines Seils, das an einer Schaukel hängt. Auf dem Brett sitzt Michelle. Er wirbelt sie im Kreis herum. Da kann gar nichts schief gehen, denkt man, so federleicht, wie die 35-Jährige ist. In natura wirkt sie noch schmaler als im Fernsehen, mit ihren Modelmaßen 88-63-93. Doch dann rutscht Popeye das Seil zwischen den Zähnen weg. Es gibt einen Knall, Michelle Hunziker stürzt zu Boden, entsetzte Schreie im Publikum. Doch sie steht wieder auf und sagt: „Es ist alles okay“. Eine leichte Gehirnerschütterung und ein geprelltes Steißbein, das ist Bilanz dieser Sendung. Die Frage stellt sich: Warum tut sie sich das an?

In ihrer italienischen Wahlheimat ist „La Hunziker“ längst ein Superstar. Da moderiert sie mit einem Kollegen eine tägliche politische Satire-Show („Striscia la Notizia“) bei dem privaten Sender Canale 5. Da probiert sie sich als Musical-Sängerin, Schauspielerin und Komikerin aus. Und egal, was sie macht, sie bekommt dafür Applaus. Es sind vor allem Frauen, die sie bewundern. Sie besitzt die Größe, sich über sich selber lustig zu machen. Im Land der Machos erfordert das echten Mut.

„Drannebliebe, drannebliebe, drannebliebe“

Im vergangenen Jahr rockte sie die Bühne zum ersten Mal ganz alleine, mit einer dreistündigen Solo-Show: „Mi scappa da ridere“ – Ich kann nicht anders, ich muss einfach lachen, heißt das salopp übersetzt. „La Hunziker“ inszenierte ihre eigene Lebensgeschichte als Seifenoper. Immer hübsch selbstironisch. Und man erinnerte sich daran, wie alles begann. Ihre Karriere als Po-Model für einen Dessous-Hersteller. Die Ehe mit dem Sänger Eros Ramazzotti, die Scheidung und der öffentlich ausgetragene Kampf um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Aurora. Dann ihre Depressionen. Ihre Suche nach einem Halt, die sie in die Arme einer obskuren Glaubensgemeinschaft trieb.

Am Ende von alldem stand eine steile TV-Karriere. Sie beginnt 1999 im Schweizer Fernsehen. Eine Vorher-Nachher-Show, das ist ihr Sprungbrett. Sie heißt „Cinderella“, und wie gut ihre Reflexe schon damals funktionierten, davon zeugen drei Worte. „Drannebliebe, drannebliebe, drannebliebe“ vor jeder Werbepause. Der Spruch macht sie berühmt.

Bekommt sie eine eigene Show?

Im deutschen Fernsehen hat man diese Facetten ihrer Persönlichkeit noch nie erlebt. Hier galt sie als harmloses Betthupferl, als sie das ZDF 2009 als Co-Moderatorin für „Wetten, dass . . ?“ verpflichtete. Thomas Gottschalk sprach das offen aus. „Wenn es in Deutschland ein paar hunderttausend Männer gibt, die künftig schon deshalb ,Wetten, dass . . ?‘ anschalten, weil sie in Michelles Dekolleté sehen wollen, soll’s mir recht sein“, sagte er damals abfällig. Heute würde er sich das wohl nicht mehr trauen.

Michelle Hunziker hat das ZDF-Flaggschiff zwar nicht wieder auf Kurs gebracht. Sie hat die Bühne aber genutzt, um sich zu emanzipieren. Sie parlierte italienisch, französisch, englisch, holländisch und, ja, auch deutsch. Und wann immer der Moderator die Namen seiner Kandidaten vergaß oder sich im Ton vergriff, rettete sie die Situation mit ihrem Charme. Reflexartig.

Die Bewährungsprobe als Moderatorin steht noch bevor

Die Bewährungsprobe als ernst zu nehmende Moderatorin steht ihr hierzulande aber noch bevor. Vielleicht erklärt das, warum sie mit Gottschalk zu RTL gewechselt ist. Sie hat schon Erfahrung darin, den Daumen über Kandidaten von Castingshows zu heben oder zu senken. 2004 assistierte sie Bohlen zwei Staffeln lang als Co-Jurorin bei „Deutschland sucht den Superstar“. Ebenso großzügig, wie sie Trostpflaster an abgewatschte Kandidaten verteilte, bot sie der Kamera Einblicke in ihr Dekolleté. Mit der Rolle als hübscher Stichwortgeberin gibt sie sich in der neuen Staffel nicht mehr zufrieden. RTL gibt der Jury jetzt mehr Raum, das kommt ihr entgegen. Der Gewinner wird nicht mehr vom Publikum, sondern von den Juroren durchgewunken. Mit einem neuen Buzzer können sie ihre Favoriten auch direkt in die Liveshow wählen. Es regnet dann goldene Sterne. Bei den Aufzeichnungen im Tempodrom schöpfte Hunziker diese neuen Möglichkeiten aus. Wann immer ein Kandidat weiterkam, trippelte sie auf die Bühne, um ihm eine Medaille umzuhängen, Bussi rechts, Bussi links. Dafür gab es frenetischen Applaus vom Publikum.

Ob solche Auftritte als Sprungbrett für eine eigene Show reichen, ist fraglich. Selber hat die Tochter einer Holländerin und eines Schweizers diesen Anspruch noch gar nicht angemeldet. Sie sagt, deutsche Unterhaltung werde viel perfekter produziert als italienische, sie müsse sich jedes Mal wie ein Chamäleon anpassen an die verschiedenen Kulturen. „Doch genau das ist es, was mich so reizt.“ So lautet die offizielle Begründung. Die inoffizielle ist nüchterner. Der deutsche TV-Markt ist nicht nur größer als der italienische, er gilt auch als profitabler. Regelmäßige Abstecher zu RTL sind eine willkommene Gelegenheit für Hunziker, um ihren Marktwert in Deutschland anzukurbeln.

Doch das laut auszusprechen, davor hat sie wohl derselbe Schutzengel bewahrt, der sie schon im Tempodrom rettete. Eine Boulevardzeitung titelte nach ihrem Unfall, dieser Engel müsse wohl ein Supertalent sein.

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