Wohnen in Stuttgart und Region Trotz Bauboom ist der Wohnraum knapp

Im vergangenen Jahr ist die Zahl neu gebauter Wohnungen im Südwesten deutlich gestiegen, doch die hohen Kaufpreise und Mieten sind geblieben. Vier Beispiele, mit welchen Konzepten Kommunen der Wohnungsnot begegnen wollen.

Es wird wieder mehr gebaut in Baden-Württemberg, doch viele Menschen finden trotzdem keine Wohnung. Foto: dpa-Zentralbild
Es wird wieder mehr gebaut in Baden-Württemberg, doch viele Menschen finden trotzdem keine Wohnung. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Es gibt scheinbar gute Nachrichten aus dem Wohnungsbau in Baden-Württemberg: Im vergangenen Jahr wurden 25 Prozent mehr Wohnungen gebaut als 2015; und die Landesregierung hat zudem ihr Förderprogramm für Sozialwohnungen auf 250 Millionen Euro aufgestockt. Das sei eine „starke Antwort“ auf die Wohnungsnot, die vor allem einkommensschwache Personen trifft, sagt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut.

Auch Markus Müller, der Präsident der Landesarchitektenkammer, begrüßt den Aufwärtstrend. Allerdings sieht er zugleich große Versäumnisse bei den Kommunen. „Wir müssen beim Wohnungsbau deutlich zulegen“, sagt er. 2016 seien rund 43 000 Wohneinheiten im Land gebaut worden, der Bedarf sei aber doppelt so hoch. Gründe für die immense Nachfrage seien die starke Zuwanderung, die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts und der steigende Flächenbedarf pro Kopf.

„Der Wohnungsbau ist eine Aufgabe, die jahrelang unterschätzt worden ist“, betont Müller. Er ist davon überzeugt, dass die 2016 gegründete Wohnraum-Allianz Baden-Württemberg etliches anschieben kann. Das Bündnis bringt eine Vielzahl von Akteuren des Wohnungsmarkts an einen Tisch, damit sie gemeinsam ausreichenden und bezahlbaren Wohnraum schaffen können. Geplant ist etwa eine Wohnungsbedarfsprognose für das Land, die Überarbeitung von Förderprogrammen oder eine Novellierung der Landesbauordnung.

Sozialexperte: Das Land hat die Entwicklung verschlafen

Die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum hält Müller für eine selbstverständliche Daseinsvorsorge. Dabei dürfe es nicht darum gehen, stets maximale Renditen zu erzielen. „Es muss auch andere Kriterien geben als den höchsten Preis“, sagt Müller und sieht die Gemeinden in der Verantwortung, sich mehr Gedanken über qualifizierten Wohnungsbau für komplexe Nachbarschaften zu machen.

Das genannte Förderprogramm für Sozialwohnungen kann Martin Maier vom Diakonischen Werk Württemberg im Kern nur begrüßen, doch auch die auf 250 Millionen Euro erhöhte Summe sei bei Weitem nicht genug. „Wir bräuchten mindestens 500 Millionen Euro über mindestens vier Jahre hinweg – und selbst das wäre nur ein Anfang“, sagt Maier. Den Sozialexperten ärgert vor allem, dass Baden-Württemberg lange Zeit die Entwicklung verschlafen habe – zwischen 2007 und 2015 seien im Land 4120 Sozialwohnungen gebaut worden, in Bayern waren es dreimal so viele, in Nordrhein-Westfalen sogar 45 000. Kein Wunder, dass die Wohnungsnotfallhilfe der Städte „hoffnungslos verstopft“ sei.

Die hohen Mieten und der Mangel an Wohnraum ist längst nicht nur ein Problem der Großstädte; jede Kreisstadt habe mittlerweile damit zu kämpfen, sagt Maier. Und es gehe längst nicht mehr nur um Hartz-IV-Empfänger oder Flüchtlinge – alle Menschen mit geringerem Einkommen, wie Krankenschwestern oder Friseurinnen, können sich die Mieten kaum noch leisten. Das Land hat deshalb jetzt die Einkommensgrenzen für die soziale Mietraumförderung auf 65 000 Euro erhöht bei einer Familie mit vier Personen. Das war früher mal ein gutes Gehalt.

Ein Problem ist auch die Ausweisung von Flächen

Gudrun Heute-Bluhm, die Hauptgeschäftsführerin des Städtetags Baden-Württemberg, ist gespannt darauf, wie schnell und in welchem Umfang das Fördergeld für sozialen Wohnungsbau abgerufen wird. Falls die Summe nicht reiche, habe die Wirtschaftsministerin bereits einen Nachschlag in Aussicht gestellt. Als Pro­blem im Bereich Wohnungsbau sieht Heute-Bluhm die zügige Ausweisung von Flächen. In einigen Kommunen seien Akquisebemühungen versäumt worden oder der Artenschutz komme den Planern in die Quere. Debattiert werden müssten auch steuerliche Vergünstigungen wie bessere Abschreibungen für Bauherren oder eine stärkere Verdichtung in Wohngebieten. Das hieße weniger Einfamilienhäuser und dafür verstärkt drei- oder viergeschossiger Wohnungsbau.

Die Zahlen der fertig gestellten Wohnungen im Jahr 2016 liegen noch nicht vor – das Statistische Landesamt hat aber jetzt die Genehmigungszahlen veröffentlicht. Thomas Schwarz findet klare Worte: „Die Zahlen schießen durch die Decke“, sagt er. 45 177 Wohnungen wurden 2016 genehmigt, das sind ein Viertel mehr als 2015. Schaut man auf die Kreise, so war die Bautätigkeit in Mannheim mit 2306 genehmigten Wohnungen am größten, gefolgt vom Landkreis Karlsruhe (2213), Stuttgart (2017) und dem Landkreis Esslingen (1836). Gut die Hälfte der Wohnungen entsteht in Häusern mit drei oder mehr Einheiten; 26 Prozent sind Einfamilienhäuser.

Doch trotz des drastischen Anstiegs sind die Zahlen nicht mit früher zu vergleichen. Seit 1950 gab es nur 14 Jahre, in denen weniger als 40 000 Wohnungen im Land fertig gestellt worden sind; 13 dieser Jahre liegen im Zeitraum seit 2000.