Mieterverein fordert eine Interimsnutzung Was wird aus der ehemaligen John-Cranko-Schule?

Seit dem Umzug der Ballettschüler in den Neubau vor 15 Monaten steht die ehemalige John-Cranko-Schule leer. Foto: /Lichtgut/Leif Piechowski

Seit dem Umzug in den Neubau steht die Ballettschule leer. Das Land will dort Teile der Musikhochschule unterbringen. Der Mieterverein hadert mit dem Leerstand, fordert eine Interimsnutzung des Internats.

Stuttgart - Im September 2020 wurde nach fünfjähriger Bauzeit die Übergabe des von Land und Stadt Stuttgart finanzierten Neubaus der John-Cranko-Schule gefeiert. 40 Doppelzimmer stehen im Internat zur Verfügung. Nun stellt sich die Frage, warum der Altbau zwischen Urban- und Landhausstraße in Zeiten großer Wohnungsnot seit 15 Monaten leer steht. Der Mietervereinsvorsitzende Rolf Gaßmann schlägt vor, die Internatszimmer interimsweise zu nutzen. Der Landesbetrieb Vermögen und Bau hat andere Pläne, die auch mit dem gestoppten Abriss von Wohngebäuden mit günstigen Wohnungen in der Ulrichstraße zu tun haben. 

 

Warum steht die alte Cranko-Schule leer?

Laut dem Pressesprecher des Finanzministeriums, Sebastian Engelmann, wird dort vor allem die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst einziehen, die nicht nur in dem markanten Bau zwischen Urban- und Konrad-Adenauer-Straße (B14) untergebracht ist, sondern immer noch auch auf zwei Geschossen der Alten Musikhochschule am Urbansplatz. Dieses Gebäude wiederum, auch noch vom Staatstheater und dem Haus der Geschichte belegt ist, bedürfe „dringend einer Sanierung, die nicht im laufenden Betrieb durchgeführt werden“ könne. Die Nutzer sollten deshalb in der alten Cranko-Schule untergebracht werden. Die Ermittlung und Abstimmung des Flächenbedarfs für die künftige Nutzung sei im Gang, so Engelmann. Einen verlässlichen Zeitpunkt, wann der Umbau fertig sei und der Einzug erfolge, könne er aber nicht nennen. 

Ist eine Wohnzwischennutzung möglich?

„Nach ersten Voruntersuchungen“ wäre zumindest im Bereich des alten lnternats „grundsätzlich auch eine Mischnutzung aus Wohnappartements und gewerblicher Nutzung denkbar“, so Engelmann. „Ob wir dort zusätzlich noch Wohnraum schaffen können, hängt maßgeblich davon ab, wie viel Flächen die bisherigen Nutzer der alten Musikhochschule benötigen.“ Eine direkte Anschlussnutzung der Cranko-Schule nach dem Umzug sei „wegen des Zustandes der Gebäude nicht möglich“ gewesen. Die über die Jahre gewachsene bauliche Struktur sei auf die besonderen Bedürfnisse der Ballettschule ausgerichtet gewesen. Deshalb müssten die Räume erst hergerichtet werden.“

Der Mietervereinsvorsitzende Rolf Gaßmann sagt: „Jeder private Investor würde lange vor Fertigstellung eines Neubaus darüber entscheiden, was mit dem nicht mehr benötigten Altbau geschehen soll.“ Weil sorgfältig mit Steuergeldern umgegangen werden müsse, „sollte man dies auch von einer Landesvermögensverwaltung erwarten können“. Dass die Cranko-Schule aufgegeben würde, sei viele Jahre zuvor bekannt gewesen. Dass erst danach erste Voruntersuchungen über eine Nachnutzung stattfinden würden, zeige den „allzu sorglosen Umgang mit öffentlichem Eigentum durch den Landesbetrieb Vermögen und Bau“. 

Worauf spielt Gaßmann damit an?

Der Mietervereinsvorsitzende bezieht sich vor allem auf die Auseinandersetzung Ende vergangenen Jahres, als bekannt wurde, dass der Landesbetrieb mehrere Gebäude in der Ulrichstraße mit rund 30 kleinen, günstigen Wohnungen abreißen und durch einen Bürobau ersetzen wollte; und zwar für Abgeordnete und Mitarbeiter von Landeseinrichtungen, die wegen Sanierungen ihrer Gebäude vorübergehend eine Bleibe benötigen. Das Vorhaben war nach der Veröffentlichung in unserer Zeitung unverzüglich von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) gestoppt worden. Der große Bürobedarf wird nun zum Teil nach der Sanierung in der Alten Musikhochschule befriedigt. Dies sei aber unabhängig vom Machtwort Kretschmanns geplant gewesen.

Auch der Landesrechnungshof hatte Vermögen und Bau gerügt – wegen unnötigen Leerstands von rund 20 Prozent des Wohnungsbestands. Teils stünden Wohnungen seit mehr als zehn Jahren leer, was zu erheblichen Einnahmeausfällen führe. Das Finanzministerium hatte auf einen Sanierungsfahrplan verwiesen und ein effizienteres Verwaltungsmanagement zugesagt.  

Hat die Stadt kein Interesse an einem Erwerb der Cranko-Schule zu Wohnzwecken?

Bei der Stadt, die die Hälfte der Baukosten für die neue Cranko-Schule trägt, ist zwar bekannt, dass die alte Schule leer steht, mehr aber auch nicht. Ein Sprecher räumt ein: „Nach Rückfrage in der Verwaltung ist zu den Plänen zur weiteren Nutzung nichts bekannt.“ Das wundert den SPD-Fraktionsvorsitzenden Martin Körner nicht: „Nach wie vor ist die Stadt in der Wohnungspolitik erbärmlich aufgestellt. Es ist seit Jahren bekannt, dass die alte John-Cranko-Schule ersetzt wird. Da muss automatisch vonseiten der Stadt ein Interesse an der Nachnutzung der alten Landesimmobilie artikuliert und mit Nachdruck vorangetrieben werden. Dass das offensichtlich bis heute nicht geschehen ist, kommt einem wohnungspolitischen Offenbarungseid gleich.“ 

Wie positioniert sich die Hochschule?

Sie teilt dazu lediglich mit, aktuell zu den geplanten Nutzungen „keine Auskunft geben“ zu können. Dagegen bestätigt das zuständige Ministerium für Wissenschaft und Kunst ein „Bedarfsanmeldeverfahrens“ der Musikhochschule“, das beim Amt für Vermögen und Bau behandelt werde. Man unterstütze grundsätzlich begründete Bedarfsanmeldungen der Hochschule im Rahmen der Möglichkeiten. „Eine grundsätzliche Unterbringung der Hochschule in der alten John-Cranko-Schule“ werde aktuell geprüft. „Sobald die Ergebnisse vorliegen, können detailliertere Gespräche geführt werden.“

Ministeriumssprecher Roland Böhm verweist auf die hohe Nutzerzahl: mehr als 490 Lehrkräfte und Mitarbeitende sowie 800 Studierende. Die Musikhochschule sei vor allem im neueren Bau an der Urbanstraße „als Teil der Kulturmeile“ untergebracht, aber eben auch in der Alten Musikhochschule; zudem sei sie für das Wilhelma-Theater in Bad Cannstatt als Lehr- und Lerntheater zuständig. Geplant sei nun zudem, dass die Hochschule neben diesen Gebäuden „für einen längeren Zeitraum auch die Gebäude Willy-Brandt-Straße 8 und 10 bezieht“.

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