Aus dem Alltag der Stuttgarter Polizei Migrationshintergrund als Vorteil?

Sergej Leinweber kam mit acht Jahren aus Kasachstan nach Deutschland. Aygün Demircan ist in Hessen geboren. Foto: Lichtgut//Max Kovalenko

Warum zieht es junge Menschen mit Migrationshintergrund in den Polizeidienst. Zwei Stuttgarter Beamte erzählen, und welche Vorteile sie im Alltag durch ihre Herkunft sehen.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Wie bunt ist die Polizei? Immer wieder macht das Wort vom „Spiegelbild der Gesellschaft“ die Runde, wenn die Polizei über sich spricht. Das gelte auch für die Herkunft beziehungsweise den Migrationshintergrund der Beamtinnen und Beamten. Belastbare Zahlen liegen nicht vor, doch freiwillige Selbstauskünfte beim Einstieg in die Polizeihochschule zeigen: Der Anteil von jungen Leuten mit Migrationshintergrund steigt. 2018 gaben 27 Prozent an, dass ihre Familien Wurzeln im Ausland haben. 2009 waren es noch 17 Prozent. Wie denken diese Beamtinnen und Beamten über ihren Job und welche Rolle spielt in der täglichen Arbeit die Herkunft ihrer Familien? Eine Beamtin und ein Beamter erzählen.

 

Schon bei der ersten Beratung fühlt sie sich willkommen

Die erste Begegnung war positiv, erinnert sich Aygün Demircan: „Die Einstellungsberater haben sich gefreut und gleich gefragt, ob ich auch Türkisch kann“, sagt die 25-Jährige. Sie ist in Stuttgart-Ost im Revierdienst, und „gottfroh“, dass sie eine zweite Sprache fließend kann. Ihre Eltern sind aus der Türkei nach Deutschland gekommen, sie ist in Hessen geboren. Zu Hause durfte das türkische Fernsehprogramm nicht fehlen. Und das hat etwas damit zu tun, dass Aygün Demircan den Polizeiberuf ergreifen wollte. „Von 2007 bis 2015 habe ich eine Polizeiserie geschaut, die in Istanbul spielt. Wow, was für eine tolle Aufgabe, den Menschen so zu helfen, dachte ich da immer.“ Und nach einem Fehlversuch – ihr Deutsch war gut genug fürs Abi, nicht aber fürs Diktat im Einstellungstest des Bundeskriminalamts – klappte es auch, und sie begann ihre Laufbahn in Baden-Württemberg. Der Vater fand es nicht so toll: Die Tochter allein so weit weg von zu Hause, das gefiel ihm nicht – er wollte sie lieber bei sich haben. Aber sonst seien alle stolz auf sie.

Bei Sergej Leinweber war das anders. Hier war es die Familie, die ihn auf den Beruf brachte. Er war acht Jahre alt, als er mit seinen Eltern als Deutsche, die in Kasachstan leben, nach Deutschland kam. Einen großen Einfluss hatten dabei seine Verwandten in der alten Heimat: „Wir haben mehrere Polizisten in der Familie in Kasachstan, die haben mich überredet.“ Zum Glück, sagt der 39-Jährige heute, denn er liebt seinen Beruf. Er arbeitet nach mehreren Stationen in ländlichen Gegenden inzwischen auf der K-Wache im Kriminaldauerdienst.

Dass Leinweber fließend Russisch spricht, hat ihm während seiner Laufbahn immer wieder geholfen – und den Menschen, mit denen er als Polizist zu tun hatte, natürlich auch. Aktuell kann er mit seinen Sprachkenntnissen viel für Geflüchtete aus der Ukraine tun, erzählt er. Aber auch wenn er auf der K-Wache übersetzen kann, erlebt er immer positive Reaktionen, „egal ob Täter, Opfer oder Zeugen: Alles sind froh, wenn sie jemand versteht“, sagt Sergej Leinweber. Sehr gut erinnert er sich an eine Frau, die besonders dankbar war. Sie hatte einen Stalker, und er konnte dessen E-Mails lesen, die auf Russisch verfasst waren.

Im Alltag kann auch Demircan immer wieder helfen mit ihren Sprachkenntnissen. So ein Beispiel ist ein Einbruch in einen türkischen Laden. „Da kamen natürlich alle aus der Umgebung drumherum und wollten wissen, was da los ist“, erzählt die 25-Jährige. Wenn sie das dann in der Sprache des Herkunftslandes der Migranten erzählen kann, könne sie viel zur Beruhigung beitragen.

Die Kollegen bekommen einen Mini-Türkischkurs

Es kommen aber auch seltsame Anfragen. So habe es sich herumgesprochen, dass sie auf dem Revier arbeite. „Dann kommt jemand unten an die Pforte und fragt, ob die türkische Beamtin da sei. Mitunter stehe dann jemand vorm Revier, der Fragen zur Zulassung seines Motorrads habe. Im Alltag kommen ihr die Sprachkenntnisse zugute, wenn Tatverdächtige zum Beispiel meinen, sie könnten auf Türkisch noch schnell etwas absprechen. Auf dem Revier gibt sie sogar Mini-Sprachkurse: „Ich hab den Kollegen Wörter wie Messer, Drogen, Versteck und Waffe beigebracht, damit die Bescheid wissen“, erzählt Demircan. Auch ein paar Schimpfwörter hat sie weitergegeben. Interne Diskriminierungen haben beide nie erlebt, sagen Leinweber und Demircan.

Wie viele Beamte und Beamtinnen bei der Polizei einen Migrationshintergrund haben, lässt sich nicht genau feststellen, sagt der Pressesprecher Renato Gigliotti vom Innenministerium Baden-Württemberg. Anhaltspunkte geben jedoch Umfragen, die seit 2009 an der Polizeihochschule angeboten werden: Die Polizeibeamtinnen und –beamten in Ausbildung können angeben, ob sie einen Migrationshintergrund haben. „Diese Zahlen lassen keine zuverlässige Aussage über den tatsächlichen Anteil der Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten mit Migrationshintergrund bei der gesamten Polizei zu“, betont der Pressesprecher.

Jedoch deuteten die Umfragen auf einen leichten Anstieg der Migrationsquote hin. Im Jahr 2009 machten 17 Prozent der Auszubildenden ihr Kreuz bei „Migrationshintergrund“. 2013 waren es knapp 25 Prozent, und im Jahr 2018 dann 27,2 Prozent. Bei der Nachwuchsgewinnung sei das Ansprechen junger Menschen mit Migrationshintergrund seit Jahren schon ein „fester Bestandteil“. „Die weitere Öffnung der Polizei gegenüber Migrantinnen und Migranten ist auch ein erklärtes Ziel der Landesregierung. Im Sinne der Bürgernähe soll sich die Entwicklung zunehmender kultureller Vielfalt in unserer Gesellschaft auch in der Polizei abbilden“, sagt Gigliotti.

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