Migranten im Fokus Wer sind die Syrer in Deutschland?

Syrische Migranten feiern in Duisburg das Ende des Assad-Regimes. Foto: IMAGO/Jochen Tack

Jeder fünfte Flüchtling kommt aus Syrien. Was zeichnet sie aus? Wie gut sind sie in Deutschland integriert? Und wie viele kehren zurück?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Für syrische Flüchtlinge gebe es inzwischen „keinerlei Grund mehr für Asyl in Deutschland“, findet Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Er setzt darauf, dass ein Großteil der Syrer freiwillig in ihre Heimat zurückkehren wird. Jens Spahn, Chef der Unionsfraktion im Bundestag, hält dies sogar für eine „patriotische Pflicht“. Außenminister Johann Wadephul, Parteifreund der beiden, glaubt hingegen aufgrund seiner Eindrücke aus Syrien selbst, dass eine Rückkehr „zum jetzigen Zeitpunkt nur sehr eingeschränkt möglich“ wäre. Über wen reden sie eigentlich? Wer sind die Syrer in Deutschland?

 

Wie viele Syrer leben hier?

Wenn sämtliche Syrer, die nach Deutschland geflohen sind, in einer einzigen Stadt wohnen würden, dann müsste die größer als Frankfurt sein. Auch die Wohnungen in Frankfurt und Offenbach würden nicht ausreichen, um sie alle unterzubringen. Laut Ausländerzentralregister haben sich Ende September 948 000 syrische Staatsangehörige in Deutschland aufgehalten. Das sind drei Prozent weniger als Ende vergangenen Jahres. Einige sind in ihr Heimatland zurückgekehrt, andere haben inzwischen einen deutschen Pass.

Von Januar bis September sind nach Informationen des Statistischen Bundesamtes 21 800 syrische Staatsbürger aus der Bundesrepublik weggezogen, ein Drittel mehr als im Vorjahreszeitraum. Knapp 1500 beanspruchten in diesem Zusammenhang einen finanziellen Zuschuss aus staatlichen Förderprogrammen.

Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der Menschen, die aus Syrien in Deutschland eingereist sind, um 46,5 Prozent von 74 500 auf 40 000. Mehr als 21 000 haben dieses Jahr einen Asylantrag gestellt, so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf).

Die syrische Community in Deutschland umfasst mehr als 300 000 Menschen, deren Vorfahren aus Syrien stammen, die selbst aber hier geboren sind. Dazu zählen auch 14 000 Kinder syrischer Flüchtlinge. Unter den in Deutschland lebenden Menschen aus Syrien sind Männer in der Überzahl (60 Prozent). Der Altersdurchschnitt liegt bei 25 Jahren – also deutlich unter dem der einheimischen Bevölkerung. Knapp 218 000 syrische Kinder besuchen deutsche Schulen. Fast 100 000 Syrer leben aktuell in Baden-Württemberg.

Welchen Schutz genießen sie?

Unter den Syrern in Deutschland gelten 713 000 als „Schutzsuchende“. 920 299 ihrer Landsleute haben seit 2015 in der Bundesrepublik einen Asylantrag gestellt. Im laufenden Jahr wurde über 16 483 syrische Asylanträge entschieden. In einem einzigen Fall wurde die betreffende Person als asylberechtigt nach Artikel 16a des Grundgesetzes anerkannt. Mehr als 70 Prozent der Syrer haben nur eine befristete Aufenthaltserlaubnis, sieben Prozent eine unbefristete Niederlassungserlaubnis. 163 300 Syrer kamen über den Familiennachzug nach Deutschland. Nach Informationen des Bundesinnenministeriums von August 2025 halten sich 920 Syrer im Land auf, die ausreisepflichtig sind und auch keinen Duldungsstatus haben. Weitere 9780 seien ebenfalls ausreisepflichtig, würden aber vorübergehend geduldet.

Wie gut sind sie integriert?

Seit 2016 haben 244 000 Syrer einen deutschen Pass erworben, 85 Prozent von ihnen nach 2022. Unter den Ausländern, die in Deutschland einen Antrag auf Einbürgerung gestellt haben, liegen die Syrer mit Abstand auf Rang eins. In Baden-Württemberg wurden seit 2015 knapp 24 000 Syrer eingebürgert, so das Statistische Landesamt. 2015 waren es nur 196. Bis 2021 hat sich die Zahl verzehnfacht. Allein im letzten Jahr wurde 9106 der im Südwesten ansässigen Syrer ein deutscher Pass ausgestellt.

Knapp die Hälfte in Deutschland lebenden Syrer ist schon mindestens acht Jahre hier ansässig, nur etwa ein Prozent aber länger als 20 Jahre. Zum Vergleich: bei den türkischstämmigen Menschen trifft das auf zwei Drittel zu.

685 000 der in Deutschland lebenden Syrer befinden sich im erwerbsfähigen Alter. Laut einer Studie der Bundesagentur für Arbeit von Anfang 2025 waren 287 000 der syrischen Landsleute tatsächlich beschäftigt. Die Beschäftigungsquote ist seit 2016 von zwölf auf knapp 42 Prozent gestiegen. Für die ausländische Bevölkerung insgesamt liegt sie bei 56 Prozent, für Deutsche bei 77,5 Prozent. Ein Grund für die vergleichsweise geringe Beschäftigungsquote der Syrer ist der Umstand, dass syrische Frauen oft nicht arbeiten.

Den Angaben der Bundesagentur für Arbeit zufolge beziehen mehr als 500 000 syrische Staatsangehörige Sozialhilfe, darunter 353 000 Personen im erwerbsfähigen Alter. Die sogenannte SGB-II-Quote, die den Anteil der Sozialhilfeempfänger benennt, liegt für Syrer bei 54,9 Prozent. Nach Angaben des Fachinformationsdienstes „Sozialpolitik aktuell“ liegt diese Quote für Ausländer in Deutschland bei 19,1 Prozent, für Deutsche bei 4,7 Prozent.

Syrische Flüchtlinge zählen nicht zu den Migrantengruppen, die überdurchschnittlich häufig straffällig werden. Das zeigen Zahlen des Bundeskriminalamts von 2023. So waren damals 19,2 Prozent der tatverdächtigen Migranten Syrer. Der Anteil der Syrer an den Migranten liegt aber bei fast 22 Prozent.

Allerdings kommen nach Angaben der Bundesregierung im Bereich der Gewaltkriminalität statistisch 2608 männliche Tatverdächtige auf 100 000 Syrer. Die Vergleichszahl („Tatverdächtigenbelastungszahl“) für deutsche Männer liegt bei 272. Für syrische Frauen beträgt sie 336. Unter den zehn wichtigsten Herkunftsländern der Migranten in Deutschland werden demnach nur männliche Marokkaner noch häufiger straffällig (3388 von 100 000).

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