Las Palmas - Wenn Achim Kantzenbach aus dem Küchenfenster schaut, sieht er gegenüber auf den Balkonen des Hotel Waikiki immer noch Migranten. Mitte November waren sie hier in Playa del Inglés angekommen, etwa tausend junge Männer. Bis Ende Dezember sollten sie in Zeltlager im Norden Gran Canarias gebracht werden. Jetzt sitzen sie immer noch im Hotel oder spielen Fußball am Strand. Die Einheimischen beobachten sie argwöhnisch. Müssen die denn keine Masken tragen? Müssen die denn keinen Abstand voneinander halten?
Die Stimmung auf Gran Canaria ist schlecht. Seit Langem kommen schon keine Urlauber mehr oder fast keine. Stattdessen kommen die Migrantenboote. Im Januar landeten gut 2000 Afrikaner auf den Kanarischen Inseln. So viele kommen in gewöhnlichen Zeiten nicht in einem ganzen Jahr. Die Zahlen sind im Sommer vergangenen Jahres in die Höhe geschnellt. Von Januar bis einschließlich Juli empfingen die Kanarischen Inseln knapp 4000 Bootsmigranten, in den folgenden fünf Monaten gut 19 000. Im gesamten Vorjahr waren es 2687 gewesen – und das waren schon vergleichsweise viele. Die Behörden stehen vor einer großen Herausforderung – und sind ihr nicht so gut gewachsen, wie man das gerne hätte.
Manche auf Gran Canaria glauben, jetzt geht alles den Bach runter
„Neulich liefen zwei Spanier hinter mir, die laut über die Regierung schimpften“, erzählt Kantzenbach, ein deutscher Pensionär, der auf Gran Canaria lebt. Manchmal bekommt er Anrufe von Freunden aus Deutschland, die wissen wollen, wie es denn aussieht auf der Insel. „Ich selbst empfinde keine Spannung“, sagt er dann. „Aber das ist natürlich sehr subjektiv.“ Andere haben das Gefühl, dass gerade alles den Bach runtergeht. Keine Touristen, dafür klauende Marokkaner, so sehen das viele. Ein kleiner Supermarkt um die Ecke hat gerade einen Wachmann eingestellt, nachdem die Ladendiebstähle in den vergangenen Wochen zunahmen.
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Im Netz kursieren Geschichten von Migranten, die sich danebenbenehmen oder sich prügeln. Manchmal gibt es davon Videos, manchmal nur atemlos erzählte Geschichten. Eine Mutter berichtet, ihr Sohn sei von einem minderjährigen Migranten mit einem Messer bedroht worden. „Wir haben ihnen Obdach, Essen, Wohlfahrt gegeben, und so zahlen sie es uns heim.“ Ihr Bericht wird fleißig geteilt. „Es gibt natürlich auch Stimmungsmache“, sagt Pensionär Kantzenbach.
Die Inselbewohner wollen die Afrikaner aufs Festland schaffen
Die Inseln erlebten „einen wachsenden Fremdenhass“, schreibt die Tageszeitung „El País“. Die Fundación Cruz Blanca, die eines der Aufnahmelager auf Gran Canaria verwaltet, berichtet, dass in der vergangenen Woche insgesamt sieben der dort lebenden jungen Marokkaner von Einheimischen tätlich angegriffen worden seien. Die Leitende Staatsanwältin in der Inselhauptstadt Las Palmas hat Ermittlungen gegen Einheimische angeordnet, die Hetze gegen Ausländer verbreiten. Jeder Fall findet ein gewaltiges Echo, im Netz wie in den klassischen Medien, ob es um Kanarier geht, die gegen Migranten pöbeln, oder um Marokkaner, die im Hotelpool alle Coronaregeln missachten.
„Für Fremdenfeindlichkeit gibt es keine Entschuldigung“, meint Judith Sunderland von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch und fährt fort: „Es gibt eine Erklärung für die offenbar steigende Anti-Immigrations-Stimmung auf den Kanarischen Inseln: die Unfähigkeit der Regierung, die steigende Zahl der Ankünfte auf humane und rationale Weise in den Griff zu bekommen.“ So wie die Menschrechtsaktivistin wünschen sich die meisten Kanarier, dass die Bootsmigranten weg von den Inseln aufs spanische Festland gebracht werden mögen.
Doch genau das soll nicht geschehen: Aus Sicht der spanischen Regierung käme das einer Einladung zur irregulären Migration gleich. Nur wer mutmaßlich vor Krieg oder Verfolgung flieht, hat eine Chance auf Aufnahme; alle anderen sollen so schnell wie möglich nach Afrika zurückgebracht werden. So schnell ist das aber nicht möglich. Also füllen sich die Zeltlager, und die Hotels leeren sich nicht. Eine gute Lösung des Problems ist nicht in Sicht.