Migranten und ihre Berufsziele Ein Tunesier mit preußischen Tugenden

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Der junge Mounir Ben Abdallah verlässt seine Heimat Tunesien. Denn in Deutschland ist sein Wissen als Krankenpfleger gefragt.

Der junge Tunesier Mounir Ben Abdallah hat eine Stelle als Krankenpfleger in Wiesbaden. Foto: Thomas Imo 8 Bilder
Der junge Tunesier Mounir Ben Abdallah hat eine Stelle als Krankenpfleger in Wiesbaden. Foto: Thomas Imo

Tunis - Mounir Ben Abdallah hat keinen Traum – er hat einen Plan. Der junge Mann aus Tunis wird Krankenpfleger in Deutschland. Sein ganzes Leben hat er darauf ausgerichtet, arbeitet mit preußischer Hartnäckigkeit und großem Einsatz auf dieses Ziel hin. „Ich bin sicher, dass ich es schaffen werde“, sagt Mounir Ben Abdallah.

Der Schlüssel zum Erfolg ist die Sprache

Schon früh hat er erkannt: Ein Schlüssel zum Erfolg ist die Sprache. Seit fast einem Jahr lernt der 28-Jährige deshalb in einem Intensivkurs Deutsch. Vier Stunden täglich, fünf Tage die Woche und an den Wochenenden paukt er Vokabeln. Es bereitet dem jungen Mann aus Tunis noch etwas Mühe, ein Gespräch in der für ihn schwierigen Sprache zu führen. Bisweilen verheddert er sich in der komplizierten Grammatik oder ringt fast verzweifelt nach dem richtigen Wort. „Ich lerne neben meinem Beruf her“, erklärt Mounir Ben Abdallah fast entschuldigend. Um sieben Uhr abends gehe er zur Arbeit ins Krankenhaus, wo er seit zwei Jahren als Pfleger angestellt ist. Dann folgt eine Zwölf-Stunden-Schicht bis zum nächsten Morgen. Danach sind einige Stunden Schlaf eingeplant, Mittagessen, Deutschkurs und dann wieder zur Arbeit. Für Freizeit bleibt in diesem engen Korsett keine Zeit.

Krankenpfleger sind in Deutschland gesucht

„Ich habe schon lange vor, nach Deutschland zu gehen“, sagt Ben Abdallah. Nach der Schule hat er an der Universität in Tunis drei Jahre Krankenpflege studiert und danach sofort eine Arbeit in einem Hospital bekommen. Auch in Tunesien sind qualifizierte Pfleger gesucht, und der junge Mann hat mit rund 500 Euro für tunesische Verhältnisse einen relativ guten Lohn. Er gehe nicht wegen des Geldes, sagt er, wissend, dass Krankenpfleger in Deutschland nicht sonderlich gut bezahlt werden. „Die medizinischen Standards hier in Tunesien sind nicht hoch genug“, sagt er. „Ich habe einfach keine Möglichkeit, mehr zu lernen und mich fortzubilden. Aber ich weiß, dass in Deutschland das Niveau viel höher ist – und dass dort Pflegepersonal dringend gesucht wird.“

Dieser Erkenntnis folgte der Entschluss, nach Deutschland zu gehen. „Meine Eltern unterstützen mich, obwohl sie natürlich auch traurig sind, wenn ich gehe“, sagt Mounir Ben Abdallah. „Meine Mutter ist selbst Krankenschwester und mein Vater Arzt, sie können also sehr gut einschätzen, weshalb ich gehen will.“

Der junge Mann stieß im Internet auf die Seite des Deutsch-Tunesischen Zentrums für Jobs, Migration und Reintegration. Dort erfuhr er, welche Voraussetzungen er mitbringen muss, um in Deutschland Chancen auf eine Stelle zu haben. Seit einem Jahr kümmert sich das Zentrum um Arbeit suchende Tunesier. Es ist eine Kooperation der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), der Bundesagentur für Arbeit und des Bundesentwicklungsministeriums. Ziel ist nicht nur, Menschen wie Mounir Ben Abdallah nach Deutschland zu vermitteln. Einem großen Teil der Arbeit suchenden Tunesier kann nach kurzer Fortbildung auch eine Stelle im eigenen Land vermittelt werden. Auch für Tunesier, die im Ausland gelebt haben und wieder in ihr Land zurückkehren wollen, gibt es hier eine Anlaufstation. Über 1500 Menschen haben das Zentrum inzwischen kontaktiert.

Deutsche Hilfe auf der Suche nach Arbeit

„In Tunesien ist die Umschulung kein Begriff und hat keine Tradition“, sagt Matthias Giegerich, Landesdirektor der GIZ in Tunesien. So komme etwa jemand, der Psychologie studiert hat, nicht auf die Idee, in anderen Berufsfeldern nach eine Anstellung zu suchen. Im Deutsch-Tunesischen Job-Zentrum würden alle Möglichkeiten ausgelotet. So wurden viele fachfremde Bewerber zu Social-Media-Managern umgeschult, die dann im Internet die sozialen Kanäle eine Firma in Tunesien betreuen.

Kontakte nach Deutschland geknüpft

Ein Berufswechsel kam für Mounir Ben Abdallah allerdings nie infrage, zu klar sind seine Vorstellungen vom eigenen Lebensweg. Er konnte die notwendigen Nachweise für Studien- und Arbeitsabschlüsse vorlegen. Über das Job-Zentrum in Tunis knüpfte er dann die ersten Kontakte zu Krankenhäusern in Deutschland.

Inzwischen hat Mounir Ben Abdallah eine Stelle in einer Klinik in Wiesbaden und ein Visum für ein Jahr. Ob er danach wieder zurückkehren will? „Nein, auf keinen Fall“, sagt er mit großer Überzeugung. Obwohl er Deutschland nur aus dem Fernsehen und dem Internet kennt, glaubt er daran, dass es ihm in der Fremde gefallen wird. „Natürlich werde ich auch meine Familie vermissen“, räumt er ein. Aber im Gespräch mit dem entschlossenen Mann wird schnell deutlich: Für Mounir Ben Abdallah ist Tunesien bereits Vergangenheit. Seine Zukunft liegt in Deutschland.