Migration der Jesiden Die Flucht zu den Glaubensgeschwistern

Reportage: Frank Buchmeier (buc)
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Etwa 13 Millionen Menschen sind vor den Bürgerkriegen im Irak und Syrien geflohen. Im Laufe dieses Jahres werden in Deutschland mehr als 200 000 Asylanträge gestellt. Darunter sind Tausende Jesiden, die vermutlich dorthin wollen, wo bereits Tausende ihrer Glaubensgeschwister leben: nach Pforzheim. „Wir können den Zuzug nicht steuern“, sagt Anita Gondek. „Wenn es so käme, müssten wir erneut versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.“

Es besteht Grund zur Hoffnung, dass die Jesiden von alleine mit mancher Tradition brechen, die nicht in eine freie Gesellschaft passt. Aus Celle und Oldenburg, wo sich bereits während der ersten Einwanderungswelle in den 1960er Jahren große Gemeinschaften bildeten, ist zu hören, dass sich junge Jesidinnen zunehmend nicht mehr von ihren Vätern vorschreiben lassen, wen sie heiraten sollen. „Ich glaube, dass sich die Zuwanderer aus dem Irak auch in Pforzheim mit der Zeit verändern werden“, sagt Anita Gondek.

Im November 2010 wurde die 18-jährige Arzu Ö. im westfälischen Detmold von ihrem Bruder umgebracht, weil sie einen Russlanddeutschen liebte. Ihre Familie gehört zu den Jesiden. Kurz darauf wurde die 13-jährige Souzan B. im niedersächsischen Stolzenau von ihrem Vater erschossen. Auch Ali B. ist Jeside. Seine Tochter tötete er, weil sie ein Leben in Freiheit wollte.

Die älteste Tochter des Pforzheimers Ahmed Kurt ist 14 Jahre alt. Er versichert, dass er keinen Jesiden kenne, der die sogenannten Ehrenmorde nicht verurteile, und dass alle jesidischen Eltern wollten, dass es ihre Kinder einmal besser haben als sie selbst. Im Irak könnten sie dieses Ziel nicht erreichen, sagt Kurt. Jahrhundertelang seien die Jesiden von der muslimischen Mehrheit diskriminiert worden, nun drohe ihnen der Völkermord durch den IS. „Wir wollen nur in Frieden leben.“

Schätzungsweise 80 000 Jesiden haben bereits in Deutschland eine neue Heimat gefunden – die genaue Zahl ist nicht bekannt, weil Zuwanderer nach dem Herkunftsstaat registriert werden, nicht nach der Religion. Es werden stetig mehr. Wenn die Jesiden in Städten wie Pforzheim ihren Frieden finden wollen, werden sie sich verändern müssen: Von einer Gemeinschaft, deren Überlebensstrategie die Abkapslung ist, hin zu einer, die den Spagat zwischen religiösen Traditionen und kultureller Offenheit findet.

Am Freitag ist Ida Ezi, der wichtigste Feiertag der Jesiden, von der Bedeutung vergleichbar mit Weihnachten. Normalerweise wird für dieses Fest zur Sonnenwende und zu Gottes Ehren ein großer Saal gemietet. Eine Volksmusikgruppe spielt, es wird viel gegessen, gesungen und getanzt. In diesem Jahr ist alles anders. Die Gedanken von Ahmed Kurt, Hassan Dnanie, Khairi Blasini, ihren Familien und Freunden sind bei den Glaubensgeschwistern, die in den Flüchtlingslagern frieren oder sich im Sindschar-Gebirge vor den IS-Milizen verstecken. Und sie denken an Fawaz, der mit 21 Jahren erschossen wurde, weil er seine nordirakische Heimat nicht verlassen hatte.

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