Er lehnt an einem Geländer. Der Mann mit Schnurrbart, Krawatte und Hut sieht erschöpft und müde aus. Sein Rücken ist leicht nach vorne gebeugt, der Blick geht nach unten. Im Mundwinkel eine Zigarette, vor ihm steht ein Koffer. Den Kragen seiner Jacke hat er hochgeschlagen, als ob ihm beim Warten ein kalter Wind entgegenbläst. Was geht in ihm vor? Wo kommt er her? Wo will er hin?
Der in Korb lebende Bildhauer Guido Messer hat die Skulptur für den öffentlichen Raum geschaffen. „Der Ausländer“, so der Titel des Messerschen Bronzegusses, hat 2014 auf dem Seeplatz der Weinbaugemeinde Korb im Remstal eine weitere Heimat gefunden. Eine von insgesamt vier Abgüssen der Figur befindet sich auch im Haus der Geschichte in Bonn. Sein Kunstwerk steht sinnbildlich für die Generation der sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter.
Ein Drittel der angeworbenen Fachkräfte waren Frauen
In Messers Objekt und dessen Gesichtsausdruck spiegelt sich auch Trauer und Niedergeschlagenheit wider. Sein „Ausländer“ scheint die soziale Kälte und gesellschaftliche Ablehnung körperlich zu spüren, die ihm als Arbeitsmigrant hierzulande oftmals entgegenschlägt.
Dabei sind die ersten Generationen der Einwanderer in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ja auf ausdrücklichen Wunsch der deutschen Wirtschaft und Politik ins Land gekommen. 30 Prozent aller angeworbenen Arbeitskräfte waren übrigens Frauen, meist arbeiteten sie in „Leichtlohngruppen“, waren also unterbezahlt. Doch Ausbeutung und Diskriminierung erlebten auch ihre männlichen Kollegen aus Italien, Griechenland, der Türkei, Spanien, Portugal und dem damaligen Jugoslawien, dabei wurden alle während der Wirtschaftswunder-Jahre dringend gebraucht.
Doch kaum waren sie da, sollten sie wieder gehen. Als 1982 die Arbeitslosigkeit in Deutschland anstieg, überlegte die damalige CDU-Bundesregierung um Kanzler Helmut Kohl, wie sie rund 50 Prozent der hier lebenden Türkinnen und Türken wieder loswerden könnten. Eine Rückkehrprämie sollte die Heimreise versüßen. Doch viele blieben. Geblieben ist auch die tiefe Sehnsucht der Migranten nach mehr gesellschaftlicher Anerkennung: „Wir riefen Arbeitskräfte, aber es kamen Menschen“, bemerkte der Schweizer Schriftsteller Max Frisch bereits 1961.
Ressentiments spüren auch heutige Einwanderer und die zuletzt vor Krieg, Folter und Tod Geflüchteten. Sie wollen in der Regel hier friedlich leben, arbeiten und sich integrieren, aber auch gleichzeitig in der deutschen „Diaspora“ ein Stück ihrer eigenen Identität und Kultur bewahren. Beides schließt sich nicht aus, denn es kann auch zu kreativen Aktivitäten und einem fruchtbaren Kulturaustausch führen.
Manche treten auf, andere spielen nur zu Hause
Das zeigt sich auch in dem Bestreben, eigene Musik zu machen. Manche spielen ihre Saz, Baglama oder Bouzouki nur im eigenen Wohnzimmer. Andere sind ambitionierter: Sie singen öffentlich auf Plätzen in der Region, machen klassische Musik, treten etwa in griechischen Rembetiko-Ensembles auf, perfektionieren ihren Gesang oder ihr Spiel auf dem Instrument. Wieder andere gründen lokale Kulturvereine, eröffnen Musikschulen oder machen ihr eigenes Ding im Bereich Pop, Rock oder Rap. Oder sie sind der Tradition verpflichtet und pflegen wie die Pontos-Griechen das uralte Brauchtum, bilden Tanzgruppen, spielen traditionelle Instrumente und erinnern bei Trauerveranstaltungen an den Genozid, die Flucht und Vertreibung ihrer Vorfahren.
Unsere Redaktion will in den kommenden Wochen jenem vielfältigen „Soundtrack der Migration“ mehr Gehör verschaffen. Interpreten und Künstler, die eine Zuwanderungsgeschichte haben, sollen zu Wort kommen und vorgestellt werden. Die Musik, die die porträtierten Eingewanderten machen, ist ganz unterschiedlich und steht im Vordergrund. Doch dabei soll und kann es nicht bleiben. Denn spannenden Erzählstoff bieten auch deren Biografien, die Erfahrungen und Lebensgeschichten.
Hinter der Reihe steht die Idee, dass Musik, ganz egal wer sie macht und woher sie kommt, die Menschen näher zueinander bringt. Das kulturelle Leben in der Gesellschaft wird dadurch bunter, offener und reicher. Denn neue Soundtracks bedeuten neue Einflüsse. Und sie können auch neuen Schwung und Abwechslung in das Leben derer bringen, die schon immer an Rems und Murr gelebt haben.