Ruhig, sachlich, von gegenseitigem Verständnis geprägt: Für viele Beobachter überraschend geräuschlos verlief am Dienstagabend das sogenannte Nachbarschaftsgespräch in Plattenhardt. Die Filderstädter Verwaltung informierte die Einwohner über die Details zum geplanten Containerdorf für Geflüchtete im Sport- und Schulgebiet Weilerhau. Das Interesse war groß. Viele der 400 Stühle im Saal waren belegt.
Laute Proteste blieben allerdings aus. Sorgen, etwa im Zusammenhang mit Kindern – in der Nähe sind eine Grundschule und zwei Kitas –, kamen zwar durchaus aufs Tapet, doch meldeten sich auch viele potenzielle Unterstützer aus den Reihen des Kirchengemeinderats oder des Arbeitskreises Asyl sowie der Leiter der örtlichen Schule. „Da sind Konzepte da, die laufen schon. Es gibt Ressourcen“, sagte Letzterer.
Geharnischte Kommentare im Vorfeld
Kommentare bei Facebook hatten eine andere Stimmung erwarten lassen. Dort hatten sich User im Vorfeld mit teils geharnischten Kommentaren beharkt. „Die können sich ihr Nachbarschaftsgespräch in den Allerwertesten schieben“, hieß es dort. „Das letzte Mal waren es ja nur junge Männer, die sich benommen haben wie die Schweine“, war ebenso zum Thema Asyl zu lesen wie: „Dass der Wert der Immobilien dadurch gewaltig sinkt, interessiert eh niemanden.“
Neu sind Asylunterkünfte für die Plattenhardter indes nicht. Bereits 2015 waren vor der Sporthalle 100 Personen in Provisorien untergebracht worden. „Ich hätte nach den anderen Veranstaltungen 2015 und 2016 nicht gedacht, dass wir noch mal in die Situation kommen, eine Unterkunft in der Größe auf den Parkplatz zu setzen“, sagte der Oberbürgermeister Christoph Traub, doch die Kapazitäten sind erschöpft. Die 25 Einrichtungen im Ort sind voll, und hätte die Stadt 2022 nicht ein leer stehendes Hotel in Bonlanden gekauft, hätte sie im Weilerhau schon früher loslegen müssen. „Wir sind jetzt in einer Notlage angekommen“, betonte er. Priorität habe, keine Sporthallen zu belegen.
Fast erfüllte Quote
253 Menschen wird der Landkreis Esslingen der Stadt Filderstadt bis Ende dieses Jahres zugewiesen haben, 2022 waren es schon über 600 gewesen. Mehr als 300 sind in Filderstadt privat untergekommen. „Die Aufnahmequote des Landkreises haben wir fast erfüllt und werden sie bis Ende des Jahres erfüllen“, sagte Christos Slavoudis, der Leiter des Amts für Integration, Migration und Soziales. Weltweite Krisen halten jedoch an. 2024 werde der Kreis den Kommunen 1800 Menschen zuweisen.
Geplant sind in Plattenhardt 80 Container in vier zweistöckigen Reihen. Allein der Bau und Erwerb kosten die Stadt gut vier Millionen Euro. Bis zu 130 Menschen sollen in Ein- bis Zwei-Zimmer-Einheiten mit Küche und Bad leben. Durch den Verzicht auf Gemeinschaftsräume will man Konflikte vermeiden. Vorgesehen sind überdies Räume für städtisches Personal, das täglich vor Ort sein soll, sowie für Ehrenamtliche. Anfangs soll ein Sicherheitsdienst jeden Tag bis tief in die Nacht da sein, später will man nach Absprache mit der Polizei zu Kontrollen durch Streifenwagenbesatzungen übergehen. Zäune und Sicherheitsbeleuchtung soll es ebenso geben. Viele Bürger scheint das überzeugt zu haben, zumal Christoph Traub hervorhob, dass das Ganze nur temporär sei. „Wir planen eine Standzeit von rund zwei Jahren“, danach würden die Menschen umziehen. Alternativen zu finden, werde indes eine Herausforderung sein, denn eine zweite Fläche dieser Größe gebe es in der Stadt nicht.
Offene Fragen
Das heißt jedoch nicht, dass alle Hurra schreien. Filderstadt hat bereits Probleme erlebt. Vor einem Jahr war in einer Unterkunft in Sielmingen ein Gambier von einem Landsmann erstochen worden. Dinge, die die Verwaltungsspitze nicht beschönigen wollte, wenngleich der zuständige Bürgermeister Jens Theobaldt betonte: „Stand heute ist mir kein Fall bekannt, dass es einen Übergriff gab außerhalb einer Einrichtung.“
Im Publikum äußerten Menschen Befürchtungen. „Ich habe als Mutter Sorgen“, sagte eine Frau. Unwohl war manchem im Saal aufgrund der Tatsache, dass unklar ist, wer im Containerdorf leben wird. Nur Männer wie schon 2015 oder auch Familien? Wo und wie werden Kinder beschult? Wie steht es um eine psychologische Betreuung, falls traumatisierte Menschen kommen? Es sind Dinge, von denen sich auch die Verwaltung überraschen lassen muss, wie Christos Slavoudis erklärte. „Wir fahren tatsächlich auf Sicht, weil wir nicht wissen, was auf uns zukommt. Wir haben Konzepte und müssen die immer wieder anpassen.“
Der weitere Zeitplan
Aktuell
Der Parkplatz vor der Weilerhau-Sporthalle in Plattenhardt ist bereits zu zwei Dritteln abgesperrt. Aktuell laufen Tiefbauarbeiten, um etwa die Wasserversorgung herzustellen. Im Anschluss wird eine Trafostation errichtet werden müssen.
Im Winter
Im November und Dezember sollen mithilfe eines Krans die 80 Container aufgestellt werden. In dem Zeitraum will die Verwaltung auch Ersatzparkplätze herstellen. Nachdem die Außenanlagen und der Zaun fertiggestellt wurden, ist der Bezug der Unterkunft für Februar geplant. Zwei Jahre sollen die maximal 130 Menschen dort wohnen.