Migration und Integration Esslinger Expertin fordert einen Mentalitätswechsel

Argyri Paraschaki-Schauer Foto: Roberto Bulgrin

Migration und Integration sind Themen, denen sich jede Gesellschaft stellen muss. Fachleute aus fünf Ländern diskutierten in Esslingen und der Region, wie sich Migranten besser beteiligen lassen. Argyri Paraschaki-Schauer fordert einen Mentalitätswechsel.

Migration und Integration sind Themen, die kein Land und keine Kommune unberührt lassen. Experten sind sich einig: Wenn die Gesellschaft der Zukunft gelingen soll, kann es ein Weiter-so nicht geben. Fachleute aus Italien, Portugal, Ungarn, Kroatien und Deutschland diskutierten in Esslingen und der Region, wie Migranten besser an der Integrationspolitik beteiligt werden können. Als Sprecherin des Esslinger Fachrats für Migration und Integration und als Geschäftsführerin des Landesverbands der kommunalen Migrantenvertretungen ist Argyri Paraschaki-Schauer eine gefragte Expertin, wenn es um die politische Teilhabe von Migranten geht. Im Interview erklärt sie, was getan werden kann und muss.

 

Frau Paraschaki-Schauer, welche Erkenntnisse hat Ihnen diese von der EU geförderte Tagung gebracht?

Das Treffen hat uns gezeigt, dass die Unterschiede ziemlich groß sind, weil auch die jeweiligen Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich sind. Für diese Länder sind wir in Deutschland schon weit vorangekommen. Ungarn hat aufgrund der politischen Verhältnisse eine problematische Sicht auf Migranten. Und auch wenn in Italien viele Migranten ankommen, ist ihr Anteil an der Bevölkerung dort längst nicht so groß wie hier, weil viele der neu Angekommenen rasch in andere Länder weiterverteilt werden. In Deutschland liegt der Anteil der Migranten bei etwa 27 Prozent, in Esslingen bei 43 Prozent, in Stuttgart sind es sogar 45 Prozent. Da stellt sich dieses Thema anders.

Wächst mit dem Migrantenanteil die Notwendigkeit für echte Beteiligung?

Das Thema darf nicht von Prozentzahlen abhängig sein. Aber je mehr Menschen mit Migrationshintergrund hier leben, desto größer ist der Druck, etwas zu tun. In manchen Bereichen liegt der Anteil der unter Zehnjährigen bei 70 Prozent. Die dürfen in wenigen Jahren wählen. Da möchte ich von der Politik wissen, wie sie solche Menschen als Wählerinnen und Wähler, aber auch für eine aktive Teilhabe an unserer Gesellschaft und an politischen Entscheidungsprozessen gewinnen will. Dafür braucht es Dialog, politische Bildung, Sprachkompetenz und mehr Beteiligung. Bislang sind diese Menschen in der Politik auf kommunaler Ebene kaum repräsentiert. Ihr Anteil in den Gemeinderäten liegt unter vier Prozent.

Wo würden Sie ansetzen?

Man darf Migranten nicht nur sich selbst und ihrem Umfeld überlassen. Als meine Eltern hierherkamen, blieben viele Migranten unter sich – schon deshalb, weil sie sich nur in bestimmten Vierteln eine Wohnung leisten konnten. Man hat sich geholfen, auch wegen der Sprachprobleme. Wenn man es versäumt, Menschen für unsere Gesellschaft zu begeistern und an Entscheidungen zu beteiligen, die sie direkt betreffen, kann leicht sozialer Sprengstoff entstehen. Von Vielfalt zu reden ist einfach. Sie zu leben und zu gestalten kann anstrengend sein. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Migranten dürfen sich nicht nur als Bittsteller fühlen. Wir müssen sie dazu befähigen, in diesem System zu leben. Dabei geht es um unsere Zukunft.

Und wie kann das gelingen?

Das beginnt damit, wie diese Leute ihre erste Zeit hier erleben und ob sie sich willkommen fühlen. Es gibt gute Beispiele wie das Stuttgarter Welcome-Center, das Menschen, die hier eine neue Heimat suchen, durch den Behördendschungel lotst, damit ihr neuer Alltag möglichst unkompliziert starten kann. Diese ersten Kontakte sind entscheidend. Wer sich nicht willkommen fühlt, tut sich schwerer mit der Integration – von Teilhabe und Mitwirkung ganz zu schweigen. Willkommenskultur wird konkret in den Ausländerbehörden gelebt. Wenn ich am Esslinger Behördenzentrum vorbeikomme und dort lange Schlagen sehe, kann ich mir gut vorstellen, wie sich Menschen aus dem Ausland fühlen, die hier ihre ersten Schritte tun.

Was macht es mit Menschen, die vor der Ausländerbehörde Schlange stehen und sich nicht ernst genommen fühlen?

Ihr Neubeginn fängt mit hohen Hürden an. Wer sich willkommen fühlt, ist eher bereit, sich zu integrieren. Esslingen hat wie viele andere Städte in seiner Ausländerbehörde Schwierigkeiten. Viel wurde getan, und es zeigen sich erste Verbesserungen. So begrüßen wir die eingeführte offene Sprechstunde, die einen direkten Kontakt zwischen den Menschen und Verwaltungsmitarbeitern ermöglicht. Und der Bürgerservice Einwanderung ist auf einem guten Weg. Es bleibt aber noch viel zu tun, etwa bei der Arbeitsmarktintegration. Wir müssen erkennen, dass wir Menschen, die sich hier integrieren wollen, als Arbeitskräfte brauchen. Viele wollen hier arbeiten, haben vielleicht sogar die nötige Qualifikation, nur der hiesige Abschluss fehlt ihnen. Wir brauchen dringend Arbeitskräfte – nicht nur Fachkräfte. Das Fachliche kann man sich oft auch im Job aneignen. Wer jahrelang von Leistungen gelebt hat, ist viel schwieriger in Arbeit zu integrieren.

Muss Esslingen mehr tun für die Integration und Mitwirkung von Migranten?

Ich wünsche mir einen Mentalitätswechsel. Wir dürfen nicht so tun, als ginge es nur um ein temporäres Problem. Krisen wird es immer geben. Deshalb sind dauerhaft angelegte Angebote und Strukturen nötig. Und wir brauchen viel mehr Angebote zum offenen Dialog. Die Verwaltungsspitze könnte Menschen mit Migrationshintergrund regelmäßig ins Rathaus einladen, um über kommunalpolitische Themen zu informieren. Das wäre ein Zeichen der Wertschätzung. Die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sind für viele Migranten nicht greifbar. Wir brauchen Politiker, die auf diese Menschen zugehen, und wir brauchen eine interkulturelle Öffnung der Verwaltung – nicht nur im sozialen Bereich. Wir müssen viel mehr mit den Menschen reden und nicht nur über sie. Wenn jemand das Gefühl hat, nur abgewimmelt zu werden, wirkt das frustrierend.

Was müssen Migranten beitragen, damit Integration und Beteiligung gelingen?

Integration ist keine Einbahnstraße. Sie kann nur gelingen, wenn beide Seiten alles dafür tun. Manchmal hakt es am gegenseitigen Verständnis. Wer offen ist, wird rasch erkennen, dass wir gar nicht so unterschiedlich sind, sondern oft nur unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten haben. Und es ist ganz wesentlich, so rasch wie möglich Deutsch zu lernen. Ohne eine gemeinsame sprachliche Ebene wird Integration schwierig.

Zur Person

Argyri Paraschaki-Schauer
Die Wirtschaftsfachwirtin wurde 1977 auf Rhodos geboren und lebt in Esslingen. Sie ist Geschäftsführerin des Landesverbands der kommunalen Migrantenvertretungen (LAKA), Mitglied im SWR-Rundfunkrat, Sprecherin des Fachrats Migration und Integration (FMI) in Esslingen, und sie war SPD-Bundestagskandidatin.

FMI
Der Esslinger Fachrat für Migration und Integration engagiert sich für gleiche Chancen aller Einwohnerinnen und Einwohner und gegen Diskriminierung. Neben sachkundigen Mitgliedern gehören ihm Vertreter von Gemeinderat und Verwaltung an.

LAKA
 Der Landesverband kommunaler Migrantenvertretungen ist Ansprechpartner in Fragen von Migration und Integration.

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