Migrationspolitik Abgeschobene Minderjährige: Wenn Effizienz vor Gerechtigkeit geht

Oft werden die Falschen abgeschoben. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Von den Menschen, die 2024 aus Deutschland abgeschoben wurde, war mehr als jeder Zehnte minderjährig. Die Zahl weist auf ein größeres Problem hin, meint Redakteurin Rebekka Wiese.

Berliner Büro: Rebekka Wiese (rew)

Ganz selten landet mal ein Fall in der Zeitung. Wie der von der jesidischen Familie, die im Juli aus dem brandenburgischen Lychen in den Irak abgeschoben wurde. Fünf, zwölf, 15 und 17 Jahre alt waren die betroffenen Kinder. Sie sprachen Deutsch, gingen in die Kita und die Schule, machten erfolgreiche Praktika. Und durften trotzdem nicht bleiben.

 

Über die Familie aus Lychen gab es viele Berichte. Doch oft erfährt man von solchen Fällen gar nicht erst. Dabei sind es viele, wie eine Zahl der Bundesregierung zeigt, über die das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) nun berichtet: Mehr als elf Prozent der mehr als 20 000 Menschen, die 2024 aus Deutschland abgeschoben wurden, waren demnach Kinder und Jugendliche.

Eine offensichtliche Ungerechtigkeit

Es ist eine Zahl, die auf ein größeres Problem hinweist. Zwar gehören Abschiebungen zu einer geordneten Migrationspolitik dazu. Doch oft treffen sie die Falschen – nämlich die, die einen festen Alltag haben und deshalb leicht zu greifen sind. Eine offensichtliche Ungerechtigkeit, für die sich die Bundesregierung derzeit aber nicht interessiert.

Wenn Kinder und Jugendliche abgeschoben werden, haben sie oft den Großteil ihres Lebens in Deutschland verbracht. Sie haben Deutsch gelernt, Freundschaften geschlossen. All das bricht von einem auf den anderen Tag weg. Auch der deutsche Staat verliert, wenn er gerade die abschiebt, die hier aufwachsen und zur Schule gehen. Es spräche vieles dafür, dass Kinder und Jugendliche, die eine gewisse Anzahl von Schuljahren in Deutschland geschafft haben, ein Bleiberecht bekommen.

Zur Wahrheit gehört natürlich: Es ist eine riesige Herausforderung, Abschiebungen effizient und gerecht zu gestalten. Doch während über die Frage der Effizienz viel gesprochen wird, spielt die der Gerechtigkeit in der aktuellen politischen Debatte kaum eine Rolle. Es wäre dringend nötig, dass sich das ändert.

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