Mike Glemser aus Stuttgart Querschnittsgelähmter Eishockey-Profi kämpft sich zurück ins Leben

Mike Glemser bedankt sich in einer Videobotschaft für die große Unterstützung und Anteilnahme. Foto: Youtube/Starbulls Rosenheim

Seit seinem tragischen Unfall vor vier Monaten ist Mike Glemser vom Hals abwärts gelähmt. Sein Zustand hat sich verbessert und ist trotzdem schwer zu ertragen.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Es wird immer das Datum bleiben, an dem sich sein Leben verändert hat. Von einem Moment auf den anderen. Trotzdem ist es für Mike Glemser völlig ohne Bedeutung, dass sein Unfall nun genau vier Monate zurückliegt. Für ihn ist jeder Tag ein neuer Kampf, ein neuer Kraftakt, und wer sich seine Zukunft derart hart erarbeiten muss, darf keine Energie vergeuden. Erst recht nicht für den Blick zurück.

 

Am 3. Februar spielt Mike Glemser (25), Stürmer des Eishockey-Oberligisten Starbulls Rosenheim, mit seinem Team beim SC Riessersee. Er prallt nach einem harmlosen Check mit seinem Kopf rückwärts gegen die Bande, bleibt regungslos liegen und wird in die Klinik nach Murnau transportiert. Nach zehn Tagen im künstlichen Koma und zwei Operationen steht fest: Der Profisportler aus Stuttgart ist vom Hals abwärts querschnittsgelähmt. Anfangs muss er künstlich beatmet werden, kann nur im Bett liegen.

Seither hat sich einiges bewegt. Mike Glemser atmet wieder selbstständig, seine Stimme ist zurück, der Kreislauf so stabil, dass er im E-Rollstuhl sitzen kann, den er mit den Fingern der rechten Hand steuert. Das alles ist keine Selbstverständlichkeit, und trotzdem bleibt das Leben in der Rehabilitation eine schwierige Prüfung. „Er hat große Hoffnung, glaubt fest an weitere Verbesserungen“, sagt Lara Lindmayer, die Freundin von Mike Glemser, „zugleich ist alles echt hart, ein stetiges Auf und Ab. In den letzten Wochen gab es kaum einen Tag ohne Tränen.“

Große Nervenschmerzen

Ein Problem sind vor allem die starken Nervenschmerzen in den Schultern, Oberarmen und Händen. Weil die Ärzte ein neues Schmerzmittel verordnet haben, kamen zuletzt starke Entzugserscheinungen hinzu. „Er war nie sonderlich schmerzempfindlich“, sagt Lara Lindmayer, „doch dieses Brennen muss sich schrecklich anfühlen – trotz stärkster Medikamente. Er ist gerade in einem Tief, es geht ihm oft nicht gut.“ Umso wichtiger ist die Unterstützung. Auch von seiner Eishockey-Familie.

Nach dem Aufstieg in die zweite Liga war das komplette Team der Starbulls Rosenheim in Murnau zu Besuch. Auf dem danach verbreiteten Video sieht man Mike Glemser lächeln, der Erfolg seiner Jungs freut ihn sichtlich. Nicht zu erkennen ist, dass er dabei durchaus gemischte Gefühle hat. Denn in seiner ganzen Karriere hat er selbst nie einen Titel gewonnen, und nun, als seine Mannschaft Meister wurde, lag er bei den entscheidenden Spielen im Krankenhaus.

„Natürlich hat ihn der Besuch gepusht“, sagt Lara Lindmayer, „doch zugleich habe ich gespürt, wie weh es ihm getan hat, dass er bei dem Erfolg nicht dabei sein konnte.“ Ähnlich erging es Mike Glemser zuletzt bei der Eishockey-WM. Obwohl das deutsche Team Topleistungen zeigte, hat er sich nur das Finale gegen Kanada angeschaut: „Es ist sehr schwierig für ihn, Spiele mit der Gewissheit zu verfolgen, dass er nie wieder auf dem Eis stehen wird.“

Das Warten auf neue Verbesserungen

Im Leben von Mike Glemser geht es seit vier Monaten nicht mehr darum, auf Kufen die Kurve zu kratzen und einen Puck ins Tor zu schießen. Sondern um kleine Fortschritte. Um minimale Bewegungen. Um geringfügige Erleichterungen. Darum, niemals die Hoffnung und die Motivation zu verlieren – und auch nicht den Willen, das Schicksal zu ertragen. „Klar gab es zuletzt kleine positive Entwicklungen. Die Funktionen, die da waren, zum Beispiel in den Schultern, sind besser geworden“, sagt Lara Lindmayer, „doch leider kam nichts Neues mehr dazu – auf weitere Funktionen warten wir bisher vergeblich.“ Was viel Kraft kostet. Den Patienten. Aber auch sein Umfeld.

Nach dem Unfall haben Lara Lindmayer und Ken Glemser, der Vater von Mike, ihren Lebensmittelpunkt nach Oberbayern verlegt, um täglich bei ihm sein zu können – neben ihrer Arbeit, die es weiterhin zu erledigen gilt. Das geht an die Substanz. „Nach vier Monaten ist auch bei mir die Energie langsam aufgebraucht“, sagt Lara Lindmayer, „früher habe ich es geschafft, Mike zu trösten, wenn er am Boden war. Nun fällt es mir immer schwerer, nicht mitzuweinen.“ Dabei werden die Aufgaben nicht weniger.

Die Freundin sucht eine Wohnung in der Heimat Stzuttgart

Mit den Ärzten, Therapeuten und Pflegern ist abgesprochen, dass Mike Glemser zumindest bis zum Ende dieses Jahres in der Reha-Abteilung der Unfallklinik Murnau bleiben wird. Und trotzdem stellt sich schon jetzt die Frage: Was passiert danach? Deshalb führt Lara Lindmayer parallel Gespräche mit Architekten und Bauträgern. Eigentlich wollte das Paar zurück in die Heimat. Doch in Stuttgart eine rollstuhlgerechte Wohnung mit genügend Platz für einen Pflegebereich oder gar ein finanzierbares Haus zu finden (egal ob zur Miete oder zum Kauf) ist nahezu unmöglich. Mittlerweile sucht Lara Lindmayer bereits in einem erweiterten Umkreis von 30 bis 40 Kilometern. „Mich beschäftigt dieses Thema sehr“, sagt sie, „ich will ihm ein Zuhause schaffen, wenn er irgendwann aus der Klinik raus kann.“

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. „Ich arbeite täglich in der Reha und gebe nicht auf, für Fortschritte zu kämpfen“, hat Mike Glemser neulich in einer Videobotschaft erklärt und sich für die große Unterstützung und Anteilnahme bedankt: „Ihr gebt mir Kraft!“ Um stark genug für eine Zukunft zu sein, die alles andere als einfach wird.

Unterstützung für Mike Glemser

Spenden
Bei der von den Starbulls Rosenheim initiierten Hilfsaktion kam bisher eine Summe von rund 678 000 Euro zusammen. Unterstützt werden kann Mike Glemser unter www.starbulls.de/bestrong.

Hilfe
Der Eishockeyclub zeigt sich überwältigt von der Spendenbereitschaft: „Jeder Euro, der eingeht, schafft neue Möglichkeiten und nimmt Mike und seiner Familie eine zusätzliche Last von den Schultern.“ 

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Unfall Querschnittsgelähmt Video