Mike Siegel vor dem Plakat seiner 2005 veröffentlichten Peckinpah-Doku. In Japan feierte der Film vor zehn Jahren Premiere. Foto: Stavroula Kontostathi
Als Jugendlicher sieht Mike Siegel Sam Peckinpahs Western „The Wild Bunch“. Dieses Erlebnis prägt ihn fürs Leben. Heute gilt der Magstadter als weltweit geschätzter Experte für den Kultregisseur.
Eddie Langner
25.04.2025 - 12:02 Uhr
Eine Bande von Outlaws gerät beim Überfall auf eine Eisenbahngesellschaft in eine wilde Schießerei mit Kopfgeldjägern. Unschuldige Passanten, Frauen und Kinder sterben im Kugelhagel. Schüsse aus Schrotflinten reißen blutige Löcher in menschliche Körper, ein getroffener Reiter und sein Pferd stürzen in Zeitlupe zu Boden. Zwei Kinder schauen dem Massaker voller Entsetzen zu – und können doch ihre Augen nicht abwenden. Zu stark ist die Faszination dieses in Blei und Blut gemalten Gemäldes aus Tod und Gewalt.
56 Jahre ist es her, seit Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ ins Kino kam, aber bis heute hat der Film mit der hier beschriebenen Eröffnungssequenz nichts von seiner Sogwirkung verloren. Mike Siegel ist elf Jahre alt, als er 1978 zum ersten Mal einen Film des Kultregisseurs sieht. Es ist das Roadmovie „Convoy“, in dem Kris Kristofferson als rebellischer Trucker „Rubber Duck“ als moderner Cowboy der Straße gegen die Willkür der Staatsgewalt kämpft. Siegels Faszination für „Bloody Sam“ wird noch größer, als er mit 14 Jahren „The Wild Bunch“ sieht. Der Spätwestern ist für den Magstadter der beste Film aller Zeiten. „Danach war ich für ein paar Stunden unfähig, irgendetwas zu sagen“, erinnert er sich.
Mike Siegel im Gespräch mit Schauspieler und Oscar-Gewinner Ernest Borgnine (rechts). Foto: privat
14 Filme hat Sam Peckinpah gemacht. Mike Siegel hat sie alle gesehen – und dazu noch Abertausende mehr. Der 57-jährige Regisseur und Filmhistoriker ist buchstäblich im Kino großgeworden. Weil er Halbwaise war und die Mutter tagsüber Geld verdienen musste, wurde das einstige „Neue Central Kino“ auf dem Sindelfinger Marktplatz sein zweites Zuhause und Kinoleiter Klaus Pellkofer zu einer Art Vaterfigur. Heute ist Mike Siegel ein weltweit geachteter Kinoexperte. „Vielleicht bin ich der einzige deutsche Filmhistoriker, der auf vier Kontinenten mit über 20 Labels und Studios zusammengearbeitet hat, darunter Größen wie Criterion, Studiocanal oder Arrow“, erzählt er.
Weltweiter Experte für den „Picasso der Gewalt“
Siegel hat mehr als 100 000 Plakate, Fotos und andere historische Filmdokumente gesammelt, Bücher und Dokumentarfilme veröffentlicht, wird zu Festivals eingeladen und hält Vorträge über die Filmemacher, die das Kino bis heute prägen – allen voran Sam Peckinpah, der mit Filmen wie „The Wild Bunch“, „Getaway“, „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ oder „Wer Gewalt sät“ das moderne Actionkino maßgeblich geprägt hat. Regisseure wie Quentin Tarantino, John Woo oder Martin Scorsese wurden allesamt inspiriert von diesem „Picasso der Gewalt“, wie man den bereits 1984 mit nur 59 Jahren verstorbenen Regisseur respektvoll genannt hat.
Ein Regal vollpackt mit Mike Siegels gesammelten Peckinpah-Projekten. Foto: Langner
Mike Siegel setzt diesem komplizierten, empfindsamen, cholerischen, paranoiden, suchtkranken, vor allem aber genialen Filmemacher mit seiner Arbeit Denkmal, das seines Gleichen sucht. Zu jedem von Peckinpahs 14 Filmen hat der Magstadter umfangreiche Dokumentationen, Artikel und Audiokommentare produziert – teils als eigenständige Projekte, vor allem aber als „Extras“ für Sondereditionen und Blu-Ray-Veröffentlichungen. „Eine ähnlich lange und durchgehende Dokumentation eines Filmschaffenden ist mir persönlich unbekannt“, sagt er.
Begonnen hatte alles mit seinem 2005 veröffentlichten Dokumentarfilmprojekt „Passion & Poetry. The Ballad of Sam Peckinpah“. Ursprünglich hatte Siegel einen Ko-Produzenten und eine Fernsehanstalt als Geldgeber zur Seite. „Als der Sender das Projekt auf unbestimmte Zeit verschob, beschloss ich, es im Alleingang zu verwirklichen“, erzählt er. Drei Jahre lang arbeitete Siegel an der Doku, flog zu Originaldrehorten in Amerika und Mexiko, interviewte zahlreiche Crewmitglieder und Schauspielgrößen aus Peckinpah-Filmen – darunter Ernest Borgnine, Kris Kristofferson, James Coburn, Ali MacGraw, Senta Berger oder Mario Adorf. Zu einigen entwickelten sich dabei enge persönliche Bindungen. Aus 24 Interviews entstehen insgesamt mehr als 40 Stunden Film, aus denen er bis heute unzählige Dokumentationen und Bonusmaterialien produziert hat.
Mike Siegel und Ali MacGraw (die am 1. April 86 Jahre alt wurde) bei einem Treffen in Padua im September 2000. Foto: privat
Zum 100. Geburtstag der Regielegende in diesem Jahr erschien zuletzt die Blu-Ray-Box „Peckinpah’s West“ mit vier Filmen (darunter „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ in drei Fassungen), insgesamt sieben Discs und 25 Stunden Bonusmaterial. Besonders glücklich sei er über die 90-minütige Doku zu „The Wild Bunch“, die als „Extra“ in der 100 Euro teuren Box enthalten ist. „Das ist ein Film, den ich seit 15 Jahren machen wollte“, sagt Mike Siegel und zieht die Box aus einem mit Dutzenden weiteren DVD- und Blu-Ray-Sets vollgestopften und von signierten Filmfotos umrahmten Regal in seinem Wohnzimmer.
Nach „Getaway“ ist das Projekt auserzählt
Genau wie das Regal ist auch Siegels ganze Magstadter Wohnung über und über voll mit Filmplakaten, Fotos und anderen Kinoschätzen. Alle erzählen eine Geschichte – genau wie ihr Besitzer, mit dem man als Kinofan stundenlang zuhören möchte, weil er die unglaublichsten Anekdoten zu allem und jedem aus der Filmbranche kennt.
„Wenn das Regal voll ist, höre ich auf“, sagt Mike Siegel mit einem Lächeln. Im Herbst sollte es so weit sein. Dann erscheint eine neue Sonderedition zum Thrillerklassiker „Getaway“ mit Steve McQueen und Ali MacGraw. Für Mike Siegel schließt sich damit nach 25 Jahren und Tausenden Arbeitsstunden der Kreis. „Dann habe ich alle 14 Filme von ihm abgearbeitet, dann ist das Projekt auserzählt“, erklärt er und in seiner Stimme schwingt eine Mischung aus Stolz und Wehmut mit.
Gelebte Filmleidenschaft
Kinokindheit Mike (Michael) Siegel, geboren am 8. Juli 1967, wächst in Magstadt auf. Von 1979 bis 1986 arbeitet er als Dekorateur und Mitgestalter des Programms „Jugendfilmclub“ im Sindelfinger „Neuen Central Kino“. Nach eigener Schätzung sieht er in seiner Kindheit und Jugend rund 2500 Filme. Als Zehnjähriger startet er seine Tätigkeit als Sammler und Händler von mehr als 100 000 Filmfotos und Filmplakaten. Von 1983 bis 1986 wirkt er als Hilfskraft bei den Dreharbeiten von Roland Emmerichs ersten Science-Fiction-Filmen mit.
Projekte 1997 dreht er seinen ersten Spielfilm „Pendechos!“ (Blu-Ray-Neuveröffentlichung 2016). 2002 beginnt er mit dem Dreh seiner selbst finanzierten Peckinpah-Doku „Passion & Poetry“, 2003 erscheint seine gleichnamige 576-seitige Biografie. Aus 40 Stunden Interviewmaterial und mehr als 8000 Fotos entstehen weitere Dokus und Bonusmaterial zu allen 14 Peckinpah-Filmen. 2010 erscheint die Doku „Opel GT – Driving the Dream“ über Siegels persönliches Traumauto.