Mikrochips Europas Wettlauf um die Chip-Produktion

Die Produktion von Mikrochips ist eine Zukunftsbranche. Die EU will die Herstellung wieder nach Europa holen, doch die Umsetzung läuft holprig. Foto: dpa

Die Herstellung von Halbleitern gilt als Schlüsselindustrie, doch Europa hinkt der Entwicklung hinterher. Die EU-Kommission investiert deswegen Milliarden, aber die Umsetzung des EU-Chip-Act läuft nicht rund, die Kritik daran wird lauter.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)

Ohne Mikrochips geht heute nichts mehr. Tausende von ihnen stecken in den modernen Autos und E-Bikes, auch Waschmaschinen oder Weltraumstationen würde ohne die winzigen Halbleiter nicht funktionieren. Um auch in Zukunft die Versorgung mit den wichtigen Helfern zu sichern, soll in Europa die Entwicklung gefördert und die Produktion deutlich nach oben geschraubt werden. Das zumindest ist der Brüsseler Plan, doch eine erste Zwischenbilanz des Europäischen Rechnungshofes fällt mehr als ernüchternd aus. Die Behörde beurteilt als externer Prüfer der EU die Wirksamkeit ihrer Maßnahmen.

 

Große Erwartungen in den EU-Chip-Act

Im September 2023 hatte die Europäische Kommission den EU-Chip-Act ins Leben gerufen. Die Erwartungen waren überaus hoch. Erklärtes Ziel war es, den europäischen Marktanteil an der Chipproduktion auf der Welt bis zum Jahr 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln. Hochtrabend war von einer „digitalen Dekade“ die Rede. Damit sollten die Versorgungssicherheit, Resilienz und technologische Souveränität der EU im Bereich der Halbleiteranwendungen und damit zusammenhängender Technologien gewährleistet werden.

Doch nun stellen die Prüfer des Europäischen Rechnungshofes in ihrem Bericht lapidar fest: „Die EU wird wohl kaum wie geplant bis 2030 einen Anteil von 20 Prozent am Weltmarkt für Mikrochips erreichen.“ Es seien „akzeptable Fortschritte“ erzielt worden, erklärt die Behörde weiter, doch bestehe „eine Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit“, die überbrückt werden müsse. Offensichtlich wurde die rasante Entwicklung in diesem Zukunftsbereich von den Planern in der EU-Kommission sträflich unterschätzt. Rechnungshof-Mitglied Annemie Turtelboom konstatiert deshalb: „Wir hinken unseren ehrgeizigen Zielen derzeit weit hinterher.“ Um einen Weltmarktanteil von 20 Prozent zu erreichen, müssten die Produktionskapazitäten bis 2030 vervierfacht werden. Ein solches Tempo sei allerdings „momentan in keinem Bereich erkennbar“.

Die EU nimmt viele Milliarden in die Hand

Ein Grund für das Schneckentempo ist die finanzielle Ausstattung des Chips-Acts. Mit 4,5 Milliarden Euro finanziert die EU-Kommission bis 2030 mögliche Projekte. Das hört sich beeindruckend an, erscheint angesichts der Relationen aber eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn den Löwenanteil der in dem Programm vorgesehenen Mittel von rund 86 Milliarden Euro muss nach Angaben des Rechnungshofes von den EU-Staaten und der Industrie bestritten werden. Diese Summe ist allerdings eher dem Wunschdenken der EU-Kommission entsprungen, denn Brüssel hat auf diese Investitionen keinen Einfluss. Das Missverhältnis wird noch deutlicher, wenn zum Vergleich die Investitionen der weltweit führenden Chip-Hersteller herangezogen werden. Die haben nach Angaben der Luxemburger Behörde allein in den Jahren 2020 bis 2023 deutlich über 400 Milliarden Euro investiert, was die finanzielle Schlagkraft des Chip-Gesetzes minimal erscheinen lasse.

Falsche Einschätzungen der EU-Kommission

In den Augen des Rechnungshofes waren die Annahmen der EU-Kommission auch bei der Einschätzung der Entwicklung anderer Schlüsselfaktoren zu optimistisch. So wirkten sich die Abhängigkeit Europas von Rohstoff-Importen, die hohen Energiekosten, Umweltbelange, geopolitische Spannungen und Ausfuhrkontrollen sowie der Fachkräftemangel negativ aus.

Zudem bestehe die Mikrochip-Industrie in der Europäischen Union aus wenigen großen Unternehmen, sodass der Misserfolg einzelner Projekte erhebliche Auswirkungen habe. Nach Verabschiedung des EU-Chip-Acts hatte der taiwanische Auftragsfertiger TSMC, von dem die meisten High-Tech-Chips kommen, den Bau einer zehn Milliarden Euro teuren Fabrik in Dresden begonnen. Intel kündigte ein Werk in Magdeburg an, legte das Projekt aber im September zunächst für voraussichtlich zwei Jahre auf Eis.

Die USA werden zum Unsicherheitsfaktor

Für die Zukunft mancher europäischer Projekte könnte die politische Entwicklung in Washington entscheidend werden. US-Präsident Donald Trump will mit einem reichlich aggressiven Vorgehen nach eigenen Worten erreichen, dass Chips wieder verstärkt in den USA produziert werden. In Magdeburg will die Landesregierung allerdings die Hoffnung nicht aufgeben, dass der US-Konzern Intel seine ursprünglich gemachten Zusagen einhält. Das Unternehmen wollte dort 30 Milliarden Euro investieren, 3000 Arbeitsplätze sollten entstehen. Die Bundesregierung wollte das Projekt mit zehn Milliarden Euro subventionieren. Doch Intel zog wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten die Reißleine.

Auch das Unternehmen TSMC zieht es in die USA. Die Südkoreaner kündigten jüngst weitere Milliardeninvestitionen an. Der Plan ist, neben einem bereits bestehenden Werk im Bundesstaat Arizona mindestens drei neue Fabriken zu errichten. TSMC-Chef C. C. Wei erklärte: „Mit dem Erfolg unserer ersten Arizona-Fabrik, der Unterstützung der Regierung und der Partner werden wir unser amerikanisches Halbleiter-Investment um zusätzliche 100 Milliarden Dollar auf die geplante Gesamtsumme von 165 Milliarden Dollar erweitern.“ Das wäre das bislang größte finanzielle Engagement eines ausländischen Unternehmens in den USA.

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