Stuttgart - Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg befürchten nach dem Abschluss einer Überprüfung eines auf Kunstrasenplätzen eingesetzten Granulats aus Plastik durch die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) einen Tiefschlag für den Breitensport. Die ECHA plant ein Verbot von winzigen Plastikpartikeln von 2022 an, das auch das eingestreute Granulat betreffen könnte. Der Deutsche Olympische Sportbund hat das Thema Anfang Mai mit Vertretern von Sportämtern diskutiert und geht davon aus, „dass es Verbote geben wird“. Bei den Kommunen läuten die Alarmglocken.
Ein Verbot wäre ein Fiasko für Vereine
„Sicher gibt es einen messbaren Abtrag von Gummi und plastikbasiertem Füllmaterial. Zugleich haben die Kommunen ihre Investitionen dafür auf Jahrzehnte getätigt, sie sind auch oft aus den Mitteln der Vereine finanziert“, teilt der baden-württembergische Gemeindetag mit. Insgesamt wäre ein Verbot des Materials durch die EU „zweifellos ein Fiasko für den Sport in der Fläche, denn im Winter kann oft nur auf dem Kunstrasen trainiert werden“.
Der Gemeindetag schließt sich der Forderung seines Spitzenverbandes – dem Städte- und Gemeindebund – an. Dieser fordert eine mehrjährige Fristverlängerung mit dem Ziel, in der Zeit Alternativen fürs Füllmaterial zu finden. Das könnte Quarzsand und Kork sein, wäre aber mit hohen Kosten – die Rede ist von 80 000 Euro pro Platz – verbunden.
Allein in Stuttgart gibt 56 Kunstrasen-Plätze
Sportfunktionäre halten die Alternativen für untauglich, so nehme Kork Feuchtigkeit auf. Der Gemeindetag sagt: „Es muss eine Lösung gefunden werden, die nicht den Breitensport in der Fläche vor die Existenzfrage stellt.“ Man brauche eine „Lösung mit Augenmaß“. Hunderte von Kunstrasenplätzen in Baden-Württemberg wären betroffen. Allein Stuttgart hat 56 Plätze, vier sind noch im Bau. Man suche intern und im Austausch mit anderen Städten eine Lösung, teilte ein Rathaussprecher mit. Umweltschutz und die Interessen der Sportler müssten in einen Einklang gebracht werden.
Heinz Mörbe, Geschäftsführer des württembergischen Landessportbundes, sagt, dass sein Verband ein „Freund des Naturrasens“ sei, der Kunstrasen aber habe zwei Vorteile: ganzjährige Bespielbarkeit und hohe Belastbarkeit. Gerade in Regionen wie dem Schwarzwald gehe es nicht ohne Kunstrasen. Mit Naturrasen benötigten die Vereine viel mehr Fläche – „das ist in Städten fast nicht vorstellbar“.
Mikroplastik könnte in die Nahrung gelangen
Der Freie-Wähler-Politiker Bernd Barutta aus dem Rhein-Neckar-Kreis – im Hauptberuf Angestellter beim DFB – hat im EU-Wahlkampf das Thema publik gemacht. Immer öfter, so Barutta, stellten Kommunen und Landessportbünde die Förderung beim Bau von Kunstrasenplätzen mit der Granulat-Füllung ein, da der Stoff als Mikroplastik gelte, über den Regen in die Abwasser und am Ende über Meerestiere in die Nahrungskette gelange. Barutta rät von Neuinvestitionen in Granulat-Rasenplätzen ab, aber auch er will für bestehende Plätze eine Übergangsphase von mindestens sechs Jahren: „Wenn plötzlich deutschlandweit 5000 Fußballplätze gesperrt würden, hätte das schlimmste Auswirkungen auf den Spielbetrieb. Wo sollen vor allem Kinder dann trainieren und spielen?“ Derzeit, so Barutta, forsche die Industrie an Alternativen fürs Granulat. „Kommt ein Verbot, trifft das die Vereine hart.“
Auch OB Palmer ist gegen Kunstrasen
Der Tübinger OB Boris Palmer hat Kunststoffrasenplätze als „schweren Irrtum“ bezeichnet. „Ich fand es immer seltsam, dass wir Rasen aus Kunststoff verlegen, statt einfach auf Rasen zu spielen.“ Er habe gegen sein „Bauchgefühl“ den Bau vieler Kunstrasenplätze zu verantworten gehabt, aber „die Wahl des Materials war ein Fehler“. Palmer ist gegen eine Übergangsfrist für Plätze: „Wir sollten die Mehrkosten ermitteln und möglichst bald das Granulat aller Plätze austauschen.
Beim Ministerium für Kultus- und Sport in Stuttgart wird die Entwicklung aufmerksam beobachtet. Die Sportministerkonferenz habe das Problem im Blick, heißt es. Das Ministerium fördere Sportplätze, jedoch „nichts Verbotenes“.