Milky Chance in der Porsche-Arena Gestohlene Tänze zwischen heiß und kalt

Von Thomas Morawitzky 

Die Musik von Milky Chance passt gut zum Lebensgefühl der Generation Greta. Am Freitag ist die Band aus Kassel, die derzeit einer der international erfolgreichsten Popexporte aus Deutschland ist, in Stuttgart in der Porsche-Arena aufgetreten.

Clemens Rehbein ist neben Philipp Dausch der musikalische Kopf von Milky Chance. Foto: Lichtgut/Julian Rettig 6 Bilder
Clemens Rehbein ist neben Philipp Dausch der musikalische Kopf von Milky Chance. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Nichts kann mich aufhalten abzustürzen, behauptet Clemens Rehbein dreist in dem Song „Fallen“, mit dem das Konzert beginnt: „Nothing can stop me, stop me from falling!“ Dabei gehören Milky Chance aus Kassel seit nun sieben Jahren zu jenen, die offenbar alles richtig machen in der deutschen oder internationalen Pop-Szene und garantiert nicht absturzgefährdet sind. Am Freitagabend sind sie nach Stuttgart gekommen, und die Porsche-Arena tanzt zu ihrem Mix aus kühlen Beats und warmen Farben.

Freilich: Jedem Song von Milky Chance merkt man den kalkulierten Ohrwurm an; ihr Publikum ist jung, zu einem sehr großen Teil weiblich, trägt T-Shirts, die von Nachhaltigkeit und veganer Lebensweise künden, und springt augenblicklich von allen Sitzen, sobald eine der vielen Hitmelodien in die Stuttgarter Porsche-Arena fließt.

Zuletzt bei „Fridays for Future“ in Stuttgart

Ein Gastspiel in Stuttgart hatten Milky Chance im November 2019 vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof beim Klimastreik „Fridays for Future“ gegeben. Jetzt sind gut 4000 Fans in die Porsche-Arena gekommen. Sie erleben dort zuerst den Auftritt von Mavi Phoenix aus Österreich, 24 Jahre alt, geboren als Marlene Nader, seit 2019 öffentlich eine männliche Identität lebend: ein sehr selbstbewusster junger, energischer Sänger, der sich allerdings auch sehr auf die Wirkung des Autotune-Effekts verlässt, live begleitet von Schlagzeug und Gitarre, von eingespielter Elektronik.

Einer der erfolgreichsten deutschen Popexporte

Mavi Phoenix und Milky Chance haben gemeinsam, dass man ihrer Musik nicht anhört, wo sie entstand. Ihre Songs könnten überall auf der Welt geschrieben, aufgenommen worden sein. Milky Chance werden ihren Fans später von ihren Reisen und von den Menschen erzählen, denen sie unterwegs begegnet sind.

Schlagartig bekannt und schnell zu einem der erfolgreichsten deutschen Pop-Exporte wurden sie 2013. Clemens Rehbein und Philipp Dausch hatten zu jener Zeit eben erst das Abitur in der Tasche. „Stolen Dance“, die Single ihres Debüt-Albums „Sadnecassary“ wurde im Internet zum Millionenseller, holte international Schallplatten in Silber, Gold und Platin ab. Weltweit tourten Milky Chance dann auch, ließen sich für die Produktion ihres zweiten Albums „Blossom“ vier Jahre Zeit. Im November 2019 schließlich erschien ihr dritter Streich: „Mind the Moon“ heißt das Album – ein Grund dafür, dass nun hinter der Bühne der Porsche-Arena manchmal der Mond aufgeht, vor einem in freundlicher Naivität stilisierten Sternenhimmel.

Reggae und Folklore treffen auf elektronische Beats

Das eigentliche Bühnenbild von Milky Chance besteht aus Wänden, über die kühl leuchtende Muster huschen, die die Musiker der Band einmal ganz zu bunten Schatten werden, einmal klar hervortreten lassen. Milky Chance spielen ein clever ausbalanciertes Spiel zwischen Nähe und Distanz, Unnahbarkeit und Offenheit. Analog dazu ihre Instrumentierung: Folktronica nennt sich das Genre. Milky Chance verbinden elektronische Beats und akustische Instrumente, wirbeln Reggae, Folklore, die ganz rustikal geschlagene Gitarre und den kehlig rauen Gesang hinein in die Clubmusik zwischen Techno und Hip-Hop. Ihre Musik fließt fort, gleicht sich stets selbst, während sie zwischen den Stilen und Stimmungen changiert. 2017 schloss sich der Schlagzeuger Sebastian Schmidt der Gruppe an, schon seit 2014 ist Antonio Greger mit dabei, de Gitarre und Mundharmonika spielt. Und so endet ein Konzert, das mit tanzenden Computerklängen im purpurnen Dunkel begann, als rauschhafter Bluesrock, mit harschen Akkorden, mit einem langen Solo der Mundharmonika: die kühle Lässigkeit wird plötzlich wild, der Mond hat sich gewandelt.




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