Milliarden-Abschreibung EnBW-Debakel: Abenteuer mit bösem Ausgang
Das Milliardendebakel der EnBW mit den britischen Windparks war absehbar. Nun darf es nicht ohne Konsequenzen bleiben, meint unser Kommentator.
Das Milliardendebakel der EnBW mit den britischen Windparks war absehbar. Nun darf es nicht ohne Konsequenzen bleiben, meint unser Kommentator.
Unternehmerisches Handeln ist stets mit Risiken verbunden. Wer nichts tut, erlebt keine Fehlschläge – aber auch keine Erfolge. Große Investitionen wollen indes gründlich bedacht sein, auf Grundlage breiter Informationen und unter Abwägung aller Szenarien. Am Ende bleiben sie ein Wagnis, das Mut erfordert, der jedoch nicht in Übermut umschlagen darf. Darauf haben auch die Kontrollgremien zu achten.
Für ein Unternehmen wie die EnBW, das der Daseinsvorsorge dient und letztlich mit öffentlichen Geldern arbeitet, gilt das ganz besonders. Doch beim Milliardendebakel um seine Windkraftprojekte in Großbritannien ist der Energiekonzern den Ansprüchen nicht gerecht geworden. Es ist vermutlich richtig, jetzt die Reißleine zu ziehen und aus den Meereswindparks auszusteigen – nach dem Motto: lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende. Zutreffend ist auch, dass sich mehrere Bedingungen für den wirtschaftlichen Erfolg der Megainvestition zuletzt unerwartet verschlechtert haben. Doch der entscheidende Fehler wurde vor fünf Jahren begangen: Sehenden Auges stürzte sich die EnBW damals in ein Abenteuer, das sich nun bitter rächt.
Selten ist ein Großvorhaben von so breiter Skepsis begleitet worden wie das Engagement in der irischen See. Die Energiebranche staunte über den Rekordbetrag, mit dem sich die EnBW bei der Flächenauktion den Zuschlag sicherte: Wie solle sich dieser je refinanzieren? Britische Medien wunderten sich über die „riesige Wette“, die die Deutschen da eingingen; immerhin profitiere ihr Königshaus von dem Einsatz. Und auch unternehmensintern soll es an warnenden Stimmen nicht gefehlt haben. Doch an den entscheidenden Stellen fanden sie kein Gehör.
Letztlich vertraute man dem damaligen Vorstandschef Frank Mastiaux, der seine Versprechen bis dahin überzeugend eingelöst hatte. Im großen Stil sauberen Strom zu produzieren und mit dem Klimaschutz ordentlich Geld zu verdienen – das schien wohl zu verlockend. Auch der Aufsichtsrat ließ es an der gebotenen Skepsis mangeln. Nun musste der Nachnachfolger Georg Stamatelopoulos den Kurs abrupt korrigieren. Ausbaden müssen es am Ende Großaktionäre, Mitarbeiter und Kunden.
Für das Land und die oberschwäbischen Landkreise ist das doppelt bitter: Sie haben der EnBW gerade erst drei Milliarden Euro zusätzliches Kapital gegeben, von denen nun bereits die erste Milliarde perdu ist. Bei der Freigabe der Mittel dürfte das den Parlamenten kaum bewusst gewesen sein, auch wenn die Risiken im Kleingedruckten vorschriftsgemäß aufgeführt worden waren.
Es geht also um ein Debakel mit Ansage – und das soll ohne nennenswerte Folgen bleiben? Es gebe kein Versagen von Vorstand und Aufsichtsrat und daher keine personellen Konsequenzen, beteuert die EnBW. Man werde sich die Abläufe nochmals genau anschauen und daraus lernen, heißt es von Seiten der Eigner. Auch aus dem Landtag kommen – nebst berechtigten Fragen und angebracht deutlicher Kritik – erstaunlich milde Töne. Mitten im Wahlkampf kann man kein Thema gebrauchen, das Zweifel auch an der Wirtschaftskompetenz der Regierungsparteien weckt. Zu deren Glück ist es für viele Wähler vermutlich zu komplex.
Doch das Versagen ist zu gravierend, als dass man nun zur Tagesordnung übergehen dürfte. Bürger und Steuerzahler haben einen Anspruch darauf, dass die Vorgänge und die Verantwortung dafür gründlich aufgearbeitet werden. Dann muss es Konsequenzen geben, beginnend am besten beim Aufsichtsrat: Land und Landkreise sollten sich dringend fragen, ob das Kontrollgremium – auch an der Spitze – noch richtig besetzt ist.