Milliardenmarkt Glücksspielbranche Jackpot – warum alles reine Glückssache ist

Von Steffen Haubner 

Viele Zocker glauben, dass ein Glücksspielautomat irgendwann „reif für den Jackpot“ sei. Experten sagen, warum dies nur eine Mär ist – ein Blick hinter die Kulissen einer Wachstumsbranche.

Viele Spieler glauben, mit geschickten Aktionen ihre Gewinnchancen erhöhen zu können – doch das ist eine Illusion. Foto: dpa/Rolf
Viele Spieler glauben, mit geschickten Aktionen ihre Gewinnchancen erhöhen zu können – doch das ist eine Illusion. Foto: dpa/Rolf

Bingen am Rhein - Dass er gerade einen „großen Knall“ hinter sich hat, merkt man dem Firmensitz in Bingen am Rhein nicht an. An der weißen Fassade prangt ein riesiger blauer Löwenkopf, in der Fertigungshalle stehen die mannshohen Spielautomaten in Reih und Glied, mit denen das 1949 gegründete Unternehmen sein Geld verdient. Rund 4500 Mitarbeiter beschäftigt die Löwen-Gruppe, an 550 Standorten unterhält sie Spielhallen. Stolz führt Logistikchef Michael Elzer durch sein Reich. Bis zu tausend Geräte werden hier Woche für Woche von 80 Mitarbeitern zusammengesetzt und dann einem vierstündigen Testbetrieb unterzogen. „Wenn dabei alles glatt läuft, passiert auch draußen im Markt nichts mehr.“

Als „Big Bang“ wird intern das Inkrafttreten der neuen technischen Richtlinie für Geldspielgeräte – kurz TR 5.0 – bezeichnet. Branchenweit mussten bis zum 11. November vergangenen Jahres 220 000 Geldspielgeräte ausgetauscht werden. Bei Löwen waren es zeitweilig 2500 Geräte – am Tag. „Eine Herkulesaufgabe, die wir pünktlich zum Stichtag bewältigt haben“, sagt Elzer. Mit den Daddelkisten in der Kneipe, die Ältere noch kennen, haben die hochmodernen „Gaming Terminals“ kaum noch etwas gemeinsam. Die rotierenden Scheiben sind HD-Displays gewichen, alle Abläufe sind computergesteuert.

Spieler können pro Stunde maximal 500 Euro gewinnen

Die Software stellt sicher, dass die Regeln eingehalten werden. Etwa, dass man pro Stunde maximal 60 Euro verzocken und 500 Euro gewinnen kann. Das Spielen an mehreren Automaten ist verboten, ein digitales Identifikationssystem regelt, dass sich Spieler daran halten. Nichts wird dem Zufall überlassen – außer dem Gewinn. „Alles ist immer hundertprozentig vom Zufall abhängig“, sagt Arthur Stelter, Leiter des Löwen-Produktmanagements.

Flipper: Die Silberkugeln kehren zurück

Der Mär vieler Spieler, ein Apparat sei „reif“ für den Jackpot, oder der Illusion, man könne durch virtuoses Bearbeiten der Eingabetasten Gewinne provozieren, erteilt Stelter eine Absage: „Sie haben an jedem Automat zu jeder Zeit die gleichen Gewinnchancen, die sich durch das Spielverhalten weder erhöhen noch vermindern lassen.“ Auch das ist übrigens eine gesetzliche Vorgabe.

Die illegalen Online-Casinos boomen

Abseits vom regulierten Markt stiegen zuletzt die Erträge im nicht regulierten Markt um 83,9 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro an. Illegale Angebote brachten es auf 1,7 Milliarden. Mit den gesetzlichen Auflagen haben sich seriöse Anbieter wie Löwen abgefunden. Dennoch sehen sie sich unfair behandelt: Für Casinos gelten die meisten Verordnungen nicht. Und Online-Casinos sind in Deutschland zwar verboten, dessen ungeachtet sind deren Erträge geradezu explodiert: um 139 Prozent auf 1,76 Milliarden.

Einen „Flickenteppich an Verordnungen, Gesetzen und Zuständigkeiten“ kritisiert auch Gerhard Bühringer von der Technischen Universität Dresden, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema Glücksspiel befasst. „So kommt es zu Ausweichverhalten: Die pathologischen Spieler gehen in Spielbanken, denn da stehen ja die gleichen Automaten. Oder sie beteiligen sich an verbotenen Glücksspielangeboten im Internet, die unkontrolliert ein besonders hohes Risiko darstellen.“ Hochproblematisch seien die Interessenkonflikte bei den Ländern: „Sie sind Betreiber oder Lizenzgeber für Produkte wie Lotto und Spielbanken, andererseits Aufsichtsbehörde für ihre eigenen Angebote und diejenigen der privaten Konkurrenz im Internet und in Spielhallen.“

Forscher: Automaten genauso riskant wie Lottospiele

Dabei seien Regelungen dringend notwendig. Zwar entwickle nur etwa ein Prozent der aktiven Spieler ein krankhaftes Glücksspielverhalten, das entspreche aber einer Absolutzahl von 200 000 Personen. „Die Frage ist, ob den Betroffenen mit der teilweisen Einschränkung des Glücksspielangebots geholfen ist. Ich halte das für sehr zweifelhaft“, so der Wissenschaftler. Die Annahme, dass Automaten besonders suchtgefährdend seien, sei „wissenschaftlich nicht haltbar“. „Die Betroffenen entwickeln ein riskantes Spielverhalten bei den unterschiedlichsten Angeboten, auch bei Lotto.“ Im Verlauf der krankhaften Entwicklung finde oft ein Wechsel auf „schnellere Spielangebote“ wie Spielhallen, Casinos oder das Internet statt. „Ein bestimmtes Glückspiel könne nicht eine Sucht verursachen, da 99 Prozent der Teilnehmer damit umgehen können.“