Wie ist das Fazit der Sitzung?
Müsste der Gemeinderat jetzt über das Konzept – Opern-Interim im Nordbahnhofviertel, Sanierung und Umbauten am Eckensee inklusive neues Kulissengebäude für insgesamt etwa eine Milliarde Euro – abstimmen, würde es nicht reichen. Die Grünen feierten zwar eine „super Lösung“ (Andreas Winter), und die Liberalen waren ziemlich zufrieden, wenn auch „noch nicht ganz“ (Armin Serwani), und die Freien Wähler erkannten bei dem Lösungsvorschlag „Substanz“ (Jürgen Zeeb). Im Gemeinderat wären mit diesen Fraktionen und dem OB aber erst 26 von 61 Stimmen gesichert. Grund: CDU, SPD und das Linksbündnis wollen Alternativlösungen zumindest jetzt noch nicht abhaken. Sie liebäugeln mit einem dauerhaften Neubau oder mit einer Interimsspielstätte, die später als Konzerthaus genutzt werden könnte. Die Option, ein übergroßes Kulissengebäude durch weitere Auslagerungen nach Bad Cannstatt zu vermeiden, fand breiten Zuspruch. Und die Weiterentwicklung des Interimsstandorts Wagenhallen genießt auch bei der CDU Sympathien – falls man einen Interimsstandort bräuchte.
Was hat es mit einem Opernneubau im Rosensteinviertel auf sich?
Vor der Verwaltungsratssitzung hatte die Verwaltung auch diese Variante grob durchgespielt – und verworfen. Peter Holzer vom städtischen Hochbauamt nannte nun Details. So ein Opernbau könnte wegen Stuttgart 21 frühestens 2029 begonnen, etwa 2034 beendet werden. Die Sanierung des Littmann-Baus könnte dann erst 2034 bis 2038 stattfinden. Danach würde nur das Ballett dorthin zurückkehren. Das neue Opernhaus würde bei den vermuteten Baupreisen in der vorgesehenen Bauzeit 642 Millionen Euro kosten, die Sanierung des Littmann-Baus etwa 493 Millionen Euro, weil man bei der Variante auf die Kreuzbühne (20 Millionen) und eine besonders aufwendige Bühnentechnik (10 Millionen) verzichten könnte. Umbauten in Hof 3 am Eckensee (107 Millionen) und ein reduzierter Neubau des Kulissengebäudes (172 statt 260 Millionen) kämen hinzu. Unterm Strich rede man von 1,24 bis 1,4 Milliarden Euro, wobei eine Preissteigerung von drei Prozent pro Jahr eingerechnet wurde. Die Grundstücke im Rosensteinviertel gehören der Stadt. Die Betriebskosten für den Neubau kämen zu denen am Eckensee hinzu.
Was sagt die Verwaltung zur Idee von Hybridbauten, erst Interimsoper und nachher dauerhaft Konzerthaus?
Das Gelände Königstraße 1–3 „ist einfach zu klein“, sagte Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Die Anlieferung von Kulissen mit Sattelschleppern sei kaum vorstellbar. Der Komplex wäre äußerst massiv und unschön. Man müsse mit Kosten von 308 Millionen Euro im Jahr 2025 für den Bau rechnen – ohne Geländekosten von etwa 200 Millionen Euro. Dazu kämen die Aufwendungen für die Sanierung des Littmann-Baus, die Umbauten in Hof 3 und ein externes Kulissengebäude, was zusammen bis zu 530 Millionen Euro ausmachen würde. Das Grundstück der LBBW-Immobiliengesellschaft sei aber nicht verfügbar.
Und was hält sie von einem Interim im Bereich Gebhard-Müller-Platz?
Bei diesen Vorschlägen, die Varianten mit und ohne Abriss des Königin-Katharina-Stifts vorsehen, seien die von Aufbruch Stuttgart angeführten Kosten ebenfalls nicht stimmig, sagte Pätzold. Das Stift stehe für die Verwaltung und die Gemeinderatsmehrheit auch gar nicht zur Disposition. Vor allem aber: „Wir zweifeln grundsätzlich an der Eignung von Hybridbauten.“ Das seien Mehrzweckhallen, die weder den Qualitätsansprüchen an Opernhäuser noch an Konzerthäuser dauerhaft gerecht würden. Deswegen wolle die Verwaltung ein Opern-Interim und „eine Philharmonie ohne Kompromisse“.
Was wollen die Fraktionen, die am vorliegenden Konzept zweifeln?
CDU-Fraktionschef Alexander Kotz sagte, er habe in der Sitzung „kein K-o.-Kriterium für einen Plan B gehört“. Wenn man ein bleibendes Opernhaus im Rosensteinviertel baue und ein Interim vermeide, gebe man zwar bis zu 1,4 Milliarden Euro aus, dafür habe man aber auch ein weiteres dauerhaftes Gebäude und eine neue „Landmark“. Falls Kuhns Konzept weiterverfolgt wird, will die CDU den städtischen Aufwand (ohne die Kosten für eine Interimsspielstätte) auf 300 Millionen Euro zur Zeit der Umsetzung begrenzen, was zusammen mit dem Geld vom Land mindestens 600 Millionen Euro wären; das aber grenze das Bauprogramm ein. Dieser Kostendeckel stieß bei der SPD und SÖS auf Skepsis bis Ablehnung, weil „nicht sachgerecht“ (Rockenbauch). SPD-Chef Martin Körner sagte, das vorliegende Konzept überzeuge nicht, was die notwendige Aufwertung des Gebhard-Müller-Platzes und den Ersatzstandort für die Schulturnhalle, die einem größeren Kulissengebäude weichen müsste, angehe. Kuhn müsse sagen, welche Kultureinrichtung er in der Königstraße wolle. Körners Fazit: „Bei solchen Summen muss über das rein Kulturpolitische hinaus für die gesamte Stadtgesellschaft etwas herauskommen.“ Deborah Köngeter (Puls) sieht sich durch die hohe Summe in einen Erklärungszwang gegenüber einem Teil ihrer Wähler gebracht. Sie brauche keinen neuen Leuchtturm. Der Littmann-Bau sei der Leuchtturm. Wie man abstimmen werde, wisse man noch nicht.
Warum gefällt dem Verein Aufbruch Stuttgart das Ergebnis nicht?
Dass die Grundstücke für ein Interim- und späteres Konzerthausgebäude zu klein seien, sei nur eine vage Behauptung, meinte der Verein nach der Sitzung. Das müsse von unabhängiger Seite profund geprüft werden. Was die Verwaltung so vehement verteidige, bringe dem Kulturquartier und anderen Gruppen als dem Opernpublikum keine Verbesserung.
Wie steht es um die Bürgerbeteiligung?
Zumindest für einen Bürgerentscheid sind die Chancen schlecht. Die Grünen waren schon dagegen. Nun sagte auch Deborah Köngeter von Puls, ein Bürgerentscheid sei „sachlich nicht zu führen“, eine Infoveranstaltung im Opernhaus aber wünschenswert. Die CDU nannte eine Bürgerbefragung „in dem Fall keine gute Antwort“. Hier dürfe sich die Politik nicht wegducken. Der Verein Aufbruch will einem Bürgerentscheid „nicht das Wort reden“. Ein Alleingang der Politik wäre bei den Kosten aber nicht akzeptabel. Der Bund der Steuerzahler im Land sprach sich in einem Fernsehbeitrag am Dienstagabend für einen Bürgerentscheid aus.