Milliardenprojekt in Stuttgart So ist die politische Gefechtslage in Sachen Opernhaus

Ehrwürdig – und betagt: Das Innere des Opernhauses Foto: picture alliance/dpa/Bernd Weissbrod

Den Grünen-Politikern, die im Verwaltungsrat der Stuttgarter Staatstheater den Ton angeben, wird „Bastapolitik“ vorgeworfen. Die Kritik an OB Kuhn und an der Kunstministerin Bauer ist groß. Dafür gibt es einige Gründe.

Stuttgart - Der Aufwand für das Sanieren und Erweitern der Staatsoper wird wohl rund eine Milliarde Euro betragen – diese Hiobsbotschaft aus dem Verwaltungsrat der Staatstheater hat viele Reaktionen ausgelöst. Besonders groß ist der Ärger darüber, dass OB Fritz Kuhn und Kunstministerin Theresia Bauer (beide Grüne) Alternativüberlegungen ausschlossen.

 

Wie gehen die Stadträte damit um?

Im Gemeinderat wuchs am Mittwoch die Skepsis bezüglich des Opernprojekts, obwohl die neue „Grobkostenkalkulation“ allenfalls wegen ihrer Höhe überrascht hat. Fast alle Fraktionen überlegen noch, Alexander Kotz (CDU) denkt aber schon darüber nach, dass die Stadt bei dieser Summe vielleicht den sogenannten Hauptstadtvertrag zwischen Land und Stadt über die paritätische Finanzierung der Staatstheater einmalig aussetzen sollte. Stadt und Land sollten definieren, wie viele Millionen sie in Abwägung mit anderen Aufgaben und Vorhaben für verantwortbar halten. Dann könne man überlegen, welche Planungen möglich wären. Schon in der Verwaltungsratssitzung hatte die CDU neben den Vertretern der SPD und des Linksbündnisses im Rathaus Kritik geübt.

Wozu tendieren andere Ratsfraktionen?

Wie die CDU warten auch die SPD, die FDP und das Linksbündnis auf Aufklärung durch OB Kuhn, wie andere Varianten – etwa ein Operneubau und eine veränderte Sanierung des historischen Max-Littmann-Baus oder ein neues Konzerthaus als Interimsoper – sich realisieren ließen. Klar sei aber auch, so Matthias Oechsner (FDP): „Der Littmann-Bau muss saniert werden.“ Die Arbeitsbedingungen dort seien grauenhaft und abenteuerlich, sagte Rose von Stein (Freie Wähler). Hannes Rockenbauch (SÖS) beklagte „massive Verfahrensfehler“ und eine „Bastapolitik“ ohne ehrliche Prüfung von Alternativen. Nur die Pläne für die Interimsbauten bei den Wagenhallen seien „durchgearbeitet“ und verbessert worden, sagte Rockenbauch wie auch Dejan Perc (SPD). Beide verlangten bessere Pläne und Entscheidungsgrundlagen. Die Grünen dagegen stehen zu dem Plan. Der Littmann-Bau müsse auf jeden Fall saniert werden, sagte Andreas Winter, die Staatstheater sollten als „Drei-Sparten-Haus“ am angestammten Platz weiterbetrieben werden. Ähnlich vertiefte Kostenschätzungen für andere Varianten wären nur mit enormen Aufwand zu ermitteln.

Was sagt man bei den Staatstheatern?

Intendant Marc-Oliver Hendriks findet die Pläne „hervorragend und ausgereift“. Die Sache sei nun „endlich entscheidungsreif“. In einer von ihm einberufenen Versammlung ließen sich am Mittwoch rund 500 Mitarbeiter von Kuhn und Bauer informieren. Deren Signal: Man wolle die angepeilten Pläne mit der Sanierung, dem Neubau des Kulissengebäudes, zusätzlichen Nutzflächen in Bad Cannstatt sowie Bauten für den Interimsbetrieb im inneren Nordbahnhofviertel bei den Wagenhallen durchboxen – auch wenn es politische Widerstände gebe, wie Kuhn einräumte. Der OB ermunterte die Beschäftigten, in der Öffentlichkeit für die Sanierungspläne einzutreten. Vom Gemeinderat will er im Jahr 2020 einen Zielbeschluss haben.

Wie denken die Beschäftigten?

Die Belegschaft, sagte das Personalratsmitglied Andreas Meilhammer unserer Zeitung, fiebere den überfälligen Verbesserungen im Opernhaus entgegen. Das Gros stehe hinter dem jetzt vorliegenden Plan. Man verstehe, dass man über die hohen Kosten jetzt diskutiere, das Personal sei nach 20 Jahren Überlegungen aber schon lang enttäuscht über den Zeitablauf und die Politik. „Man wünscht sich aber auch mehr öffentlichen Diskurs darüber, wie man wohl in 20 oder 50 Jahren Theater spielt und wie sich die Gesellschaft zu alledem stellt.“ Dass Kollegen draußen in der Stadt vorgeworfen werde, sie würden „unser aller Geld verbraten“, sei ein heftiger Vorgang und bedauerlich.

Was tut sich in der Zivilgesellschaft?

Wieland Backes vom Verein Aufbruch Stuttgart forderte eine Bürgerbefragung, denn hier drohe „eine Entscheidung an den Bürgern vorbei“ für eine Lösung mit „unanständig hohen Kosten“. Die neue Kalkulation übertreffe alle Befürchtungen der Initiative, die sich für einen Plan B stark gemacht hatte: maßvolle Sanierung des Littmann-Baus und eine Interimsoper auf dem Gelände des Königin-Katharina-Stifts oder auf dem Areal Königstraße 1-3, wo anschließend ein Konzerthaus betrieben werden soll. Backes hält es für möglich, dass die Pläne von Land und Stadt weder im Landtag noch im Gemeinderat eine Mehrheit erhalten. Zu dem Vorschlag einer Bürgerbefragung sagte OB Kuhn auf Nachfrage unserer Zeitung nichts. Die Freien Wähler haben Bedenken: Die Befragung könne doch die Seite für sich entscheiden, die die meiste Zeit und das meiste Geld in die Kampagne stecke. Grünen-Fraktionschef Winter möchte zwar die Bürger mitnehmen, aber keine Bürgerbefragung. Das sei nicht der Ansatz der Grünen-Fraktion. In der Frage der Opernhaussanierung müsse sich schon der Gemeinderat positionieren.

Wie sind die Signale aus dem Landtag?

Der SPD-Abgeordnete Martin Rivoir redete Klartext und nahm die Hauptakteure bei Land und Stadt aufs Korn, die alle Grünen-Parteibücher haben. Niemand bestreite den Sanierungsbedarf. Doch eine Milliarde Euro sei viel Geld für eine Lösung, die nicht optimal sei – und „ohne dass ernsthaft Alternativen geprüft wurden“. Die Summe sei der Bürgerschaft nur schwer zu vermitteln. Die SPD jedenfalls habe schwere Bauchschmerzen und Bedenken. Mit der vorgeschlagenen Auslagerung von Flächen für den Kulissenbereich gingen Synergien verloren. Man solle lieber das Kulissengebäude so weiterentwickeln, dass am Gebhard-Müller-Platz eine Höhenentwicklung möglich und ein Eingang zur Kulturmeile markiert werde. Nico Weinmann (FDP) sprach von einem Trauerspiel. Die Einbindung der Öffentlichkeit und der Beteiligten sei mangelhaft.

Wie sieht die Kalkulation denn nun genau aus?

Man rechne mit Baukosten am Eckensee von 740 bis 960 Millionen Euro, wenn man absehbare konjunkturelle Preissteigerungen und Kostenrisiken einbeziehe, sagte Finanzstaatssekretärin Gisela Splett (Grüne). Ohne diese Indizierung wären es 550 bis 720 Millionen. Die Interimsoper im Nordbahnhofviertel soll 104 Millionen Euro kosten. Nach der vorgesehenen Wiederverwertung der Baumodule sollen am Ende nur 85,4 Millionen Euro zu Buche schlagen. OB Kuhn will durch die Stadt außerdem zwei Nebengebäude bauen lassen, die 84,1 Millionen Euro kosten und später für andere Zwecke vermarktet werden sollen. Staatssekretärin Petra Olschowski vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst versuchte den SPD-Abgeordneten Rivoir am Mittwoch im Landtag mit einer anderen Rechnung zu beruhigen: Auf den von ihm genannten Betrag von einer Milliarde Euro komme man nur, wenn man die Interimsspielstätte einrechne.

Warum lässt sich OB Kuhn darauf ein?

Das Stadtoberhaupt erklärte auf Nachfrage unserer Zeitung: „Die Pläne sind sorgfältig erarbeitet und belastbar gerechnet. Die Kosten, die jetzt auf dem Tisch liegen, sind hoch, aber es sind ehrliche Zahlen. Jetzt beginnt die Debatte in der Politik und in der Stadtgesellschaft. Für diese Investitionen in den wertvollen kulturellen Schatz unserer Stadt lohnt es sich zu kämpfen.“

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