Milliardenschäden durch Plagiate Produktfälscher profitieren vom verstärkten Online-Handel

Die Stihl-Motorsäge als Fälschung. Das Nachahmerprodukt aus China, das nur im Detail anders aussieht als das Original, wurde mit dem Negativpreis Plagiarius für ein besonders dreistes Plagiat bedacht. Foto: Aktion Plagiarius e. V.

Das Geschäft mit Produktfälschungen floriert, meist sind sie vom Original nicht zu unterscheiden. Warum Produktpiraterie kein Kavaliersdelikt ist, teuer und sogar gefährlich sein kann und der Schmähpreis Plagiarius dreiste Fälschungen an den Pranger stellt.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)

Stuttgart/Elchingen - Egal ob Kosmetika, Schuhe, Bremsbeläge oder FFP2-Masken – es gibt kaum Produkte, die nicht gefälscht werden. Durch den Online-Handel gelangten viele gefälschte Produkte direkt an den Verbraucher, sagt Volker Bartels, Vorsitzender des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM). In dem Bündnis haben sich Unternehmen zusammengetan, um die internationale Fälschermafia zu bekämpfen.

 

Die Fälscher machten sich dabei die Anonymität des Internets zunutze. Bartels sieht auch die Online-Plattformen in der Pflicht. „Dazu gehört eine belastbare Verkäuferverifizierung. Es kann nicht angehen, dass die Verkäufer sich später als Fantasieunternehmen herausstellen“, so Bartels.

Produkte werden nicht nur über Internetseiten und Online-Marktplätze gekauft, sondern auch über neue Vertriebskanäle wie Social Media oder App-Stores. „Insbesondere die Covid-19-Pandemie spielt eine wichtige Rolle in dieser Entwicklung“, sagt Anna-Kristine Wipper, Juristin der Kanzlei für Wirtschaftsrecht KPMG Law. Durch den anhaltenden Lockdown bestellten die Verbraucher immer mehr online. Hinzu, so befürchtet sie, kämen Jobverluste und Lohneinbußen aufgrund der Pandemie, die den Verbraucher günstigere Waren und gegebenenfalls auch bewusst Fälschungen kaufen ließen.

Auch Maschinen und Werkzeuge werden plagiiert

Die deutschen Zollbehörden haben 2019 Waren im Wert von knapp 225 Millionen Euro beschlagnahmt – neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Beliebt bei Fälschern sind vor allem hochpreisige Markenwaren, aber auch Maschinen und Werkzeuge. Laut EU-Kommission haben die europäischen Zollbehörden im selben Jahr an den EU-Außengrenzen mehr als 41 Millionen rechtsverletzende Produkte mit einem Einzelhandelswert von mehr als 760 Millionen Euro beschlagnahmt. Eine Vielzahl der beschlagnahmten Produkte sei auf kleine Paketsendungen zurückzuführen, die auf Online-Bestellungen basierten.

Das Nachsehen haben Kunden und Unternehmen. Bei den Originalherstellern schmälern Produktfälschungen nicht nur Umsatz und Gewinn und kosten möglicherweise sogar Jobs. Auch das Image leidet durch die Plagiate, weil die Kunden oft mit den schlechten Kopien unzufrieden sind, die sie aber für das Original halten.

Schmähpreis stellt Fälscher an Pranger

Das Geschäft mit Plagiaten und Fälschungen sei lukrativ, sagt Christine Lacroix von der Aktion Plagiarius, einer Initiative gegen Ideenklau und für Innovation und fairen Wettbewerb. Der Verein mit Sitz in Elchingen bei Ulm hat in diesem Jahr zum 45. Mal den Schmähpreis Plagiarius für besonders dreiste Plagiate vergeben und stellt so Fälscher an den Pranger. Die Trophäe Plagiarius ist ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase – als Symbol für die Profite, die ideenlose Nachahmer auf Kosten kreativer Designer und innovativer Firmen erwirtschaften.

Das Spektrum der Produktkopierer reicht vom einfallslosen Wettbewerber über skrupellose Händler bis hin zur organisierten Kriminalität. „Darauf wollen wir aufmerksam machen“, sagt Lacroix.

In diesem Jahr ging der erste Preis an das chinesische Unternehmen Hangzhou Guley Garden Machinery, das eine Motorsäge von Stihl plagiiert hat, auf Platz zwei landete erneut eine Firma aus China, die ein elektrisches Bremsenentlüftungsgerät von Manotec Industrielle Automation aus Villingen-Schwenningen gefälscht hat. Insgesamt gab es zehn Negativ-Auszeichnungen. Auch ein Bohrer des Präzisionswerkzeuge-Herstellers Ruko (Holzgerlingen) wurde plagiiert – von Karnasch in Heddesheim. Auch ein Türstopper von Wagner System in Lahr wurde abgekupfert von einem Unternehmen aus Tschechien.

Stihl geht rigoros gegen Plagiate vor

Das chinesische Unternehmen Guley ist einer der Top-Drei-Fälscher von Stihl-Produkten in China mit Abnehmern vor allem in Südostasien, Afrika und Südamerika. Stihl hat bislang acht Gerichtsverfahren gegen Guley gewonnen und insgesamt 170 000 Euro Schadenersatz erhalten.

Solche Erfolge kommen nicht von ungefähr. Das Waiblinger Familienunternehmen geht seit Jahren rigoros gegen die weltweite Fälscherindustrie und deren Abnehmer vor, wie eine Stihl-Sprecherin bestätigt. Online-Angebote hätten in den letzten Jahren stark zugenommen. „Die Coronapandemie hat dabei weltweit eine zusätzliche Schubwirkung ausgelöst“, so die Sprecherin. Dementsprechend habe man verstärkt Gegenmaßnahmen ergriffen, durchforste mithilfe von Dienstleistern das Internet und lasse Fälschungsangebote löschen.

Plagiate können eine Gefahr bedeuten

„Deutschen Unternehmen entsteht durch Fälschungen mehr als 54 Milliarden Euro Schaden im Jahr“, sagt Oliver Koppel vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mit Blick auf eine hauseigene Studie. Allein im Maschinenbau geht es laut aktueller Studie „Produktpiraterie 2020“ um einen jährlichen Schaden von inzwischen 7,6 Milliarden Euro. Ein Umsatz in dieser Höhe würde in der Branche umgerechnet knapp 35 000 Arbeitsplätze bedeuten.

„Erschreckend dabei ist, dass 57 Prozent der Unternehmen von Fälschungen berichten, die eine Gefahr für die Anlage darstellen. Das zeigt, dass es sich bei Plagiaten nicht um Kavaliersdelikte handelt, denn der Betrieb von gefälschten Maschinen oder Anlagen mit gefälschten Komponenten kann eine echte Gefahr für den Bediener bedeuten“, sagt Steffen Zimmermann, Experte für Cybersicherheit beim VDMA.

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