Frankfurt - Rund 18 000 Arbeitsplätze werden gestrichen, ebenso die Dividende für die nächsten zwei Jahre und die Aussicht auf einen Gewinn: Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing mutet mit seinem Umbauprogramm nicht nur der Belegschaft, sondern auch den Aktionären eine Menge zu. Denn die Restrukturierungskosten werden der Bank allein im zweiten Quartal einen Verlust von 2,8 Milliarden Euro nach Steuern bescheren, wie der Aufsichtsrat am Sonntag mitteilte. Das dürfte im zweiten Halbjahr kaum auszugleichen sein – hatten Analysten doch bisher mit einem Gewinn von rund einer Milliarde Euro fürs Gesamtjahr kalkuliert.
Insgesamt rechnet die Bank sogar mit Restrukturierungsausgaben von 7,4 Milliarden Euro bis Ende 2022. Langfristig sollen dadurch aber die Betriebskosten der Bank auf 17 Milliarden Euro jährlich sinken – von 22,8 Milliarden Euro im Jahr 2018. Das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag, das zuletzt über 90 Prozent lag, soll dadurch auf 70 Prozent reduziert werden. Weil die Bank die Umbaukosten ohne Kapitalerhöhung stemmen will, sollen die Aktionäre für 2019 und 2020 keine Dividende erhalten.
Verdi verlangt, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten
Für die Beschäftigten ist es nicht die erste Sparrunde: Seit 2015 ist die Belegschaft bereits von damals 101 000 auf weniger als 92 000 Vollzeitkräfte geschrumpft. Dazu beigetragen hat auch die Schließung von 188 Filialen in Deutschland, die schon unter Sewings Vorgänger John Cryan beschlossen wurde. Ende vergangener Woche wurde außerdem bekannt, dass die Integration der Deutsche-Bank-Tochter Postbank noch rund 2000 Stellen kosten könnte. Diese Zahl dürfte in den am Sonntag bekanntgewordenen Abbauplänen bereits enthalten sein. Denn die Deutsche Bank äußerte sich offiziell nicht dazu, wie viele Arbeitsplätze wegfallen, sondern bestätigte lediglich das Ziel einer Reduzierung auf 74 000 Vollzeitstellen im Jahr 2022.
Verdi-Chef Frank Bsirske erklärte, er habe „die klare Erwartung, dass die Deutsche Bank bei ihrer Neuaufstellung wie bisher auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet und der Personalabbau der Beschäftigten sozialverträglich erfolgt“. Jenseits der Postbank-Integration dürften vor allem bei der hauseigenen Investmentbank massenhaft Arbeitsplätze wegfallen. Denn der Aktienhandel soll eingestellt und der Handel mit Anleihen stark eingedampft werden.
Vorstandschef Sewing meint, es handle sich um die „umfassendste Transformation der Deutschen Bank seit Jahrzehnten“. Dies sei „ein echter Neustart“. Die Bank kehre zu ihren Wurzeln zurück und besinne sich voll auf das Kundengeschäft. Aufsichtsratschef Paul Achleitner erklärte: „Die Deutsche Bank hat in den vergangenen zehn Jahren eine schwierige Zeit durchlaufen.“ Mit der neuen Strategie habe der Aufsichtsrat „allen Grund, zuversichtlich und selbstsicher nach vorne zu blicken“. Achleitner, einst selbst Investmentbanker, soll lange seine schützende Hand über die Sparte gehalten haben.
Die Skandale haben Milliarden gekostet
Spätestens die Hauptversammlung Ende Mai dürfte aber auch dem Aufsichtsratschef klar gemacht haben, dass an einer Verkleinerung des Kapitalmarktgeschäfts kein Weg mehr vorbeiführt. Viele Redner übten dort scharfe Kritik an der einstigen Vorzeigesparte, die in den zurückliegenden zwei Quartalen rote Zahlen schrieb.
Zum Unmut von Investoren und Öffentlichkeit trugen neben den üppigen Bonuszahlungen für die Kapitalmarktexperten auch diverse Skandale vor und während der Finanzkrise bei, die der Deutschen Bank milliardenschwere Bußgelder einbrockten. Allein die Manipulation von Referenzzinsen wie dem Libor durch den einstigen Starbanker Christian Bittar trug der Deutschen Bank Strafen von fast drei Milliarden Euro ein. Die Beilegung eines Rechtsstreits um windige Geschäfte mit US-Immobilienkrediten vor Ausbruch der Finanzkrise kostete das Institut sogar 7,2 Milliarden Dollar (6,4 Milliarden Euro).
Als im Herbst auch noch Ermittlungen gegen Investmentbanking-Chef Garth Ritchie in Zusammenhang mit Cum-Ex-Geschäften von Deutsche-Bank-Kunden bekannt wurden, war die Ablösung des Briten nur noch eine Frage der Zeit. Bankchef Sewing hat die Leitung der Sparte nun zur Chefsache gemacht.
Doch auch die Französin Sylvie Matherat, die im Vorstand mit der Verbesserung der Kontrollen gegen Finanzkriminalität betraut war, war nicht mehr zu halten. Nach einer Razzia der Frankfurter Staatsanwaltschaft, die im Herbst wegen des Vorwurfs der Beihilfe zu Geldwäsche die Zwillingstürme durchsuchte, war auch in dem Geldhaus der Unmut groß. Der auf Fernsehbildschirme weltweit übertragene Polizeieinsatz weckte Zweifel an der Fähigkeit der Französin, die Beziehungen zu den Aufsichtsbehörden zu verbessern. Ihre Aufgaben soll nun Risikovorstand Stuart Lewis übernehmen.
Rückzug aus dem führenden Kapitalmarktgeschäft
Neben Ritchie und Matherat scheidet auch der Chef des Privat- und Firmenkundengeschäfts, Frank Strauß, am 31. Juli aus der Bank aus. Aufsichtsratschef Achleitner erklärte dazu, Strauß wolle den Konzernumbau in der vorgesehenen Form nicht mittragen. Diese Mitteilung deutet darauf hin, dass die Umstrukturierung auch am Privatkundengeschäft nicht spurlos vorbeigehen wird.
Nach allem, was bekannt ist, bedeutet der Umbau vor allem einen endgültigen Abschied von den Ambitionen, im weltweiten Kapitalmarktgeschäft in vorderster Reihe mitzumischen. In den letzten Investmentbanking-Rankings des Datendienstleisters Thomson Reuters steht die Deutsche Bank noch unter den ersten zehn – aber in der unteren Hälfte der Tabelle und damit hinter europäischen Konkurrenten wie Credit Suisse und Barclays.
Dabei mussten auch diese und andere internationale Großbanken wegen diverser Skandale hohe Strafen zahlen. Doch weil die Institute auf ihren jeweiligen Heimatmärkten mehr Geld verdienen, konnten sie die Strafzahlungen besser verkraften als die Deutsche Bank. Gänzlich verabschieden will sich das Institut vom Kapitalmarktgeschäft freilich nicht: Am Geschäft mit Fremdwährungen etwa, einer Paradedisziplin, will sie festhalten. Rückendeckung bekam das Management von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. „Die Deutsche Bank spielt in der ersten Liga und muss jetzt die Weichen dafür stellen, dass das so bleibt“, sagte der CDU-Politiker der „Bild am Sonntag“.