Was bedeutet Luxus für einen Millionär? Eine eigene Yacht, vielleicht ein Helikopter oder ein Privatjet? Wer sich jemanden mit siebenstelligem Vermögen und darüber hinaus vorstellt, hat schnell das Bild vom dekadenten Lebensstil im Kopf. Ralph Suikat ist weit entfernt von diesem Klischee. Zwar hat der 58-Jährige in seinem Leben ein Millionenvermögen angehäuft. Aber als man ihn nach Luxusgütern fragt, antwortet er an einem Tag im August in einem italienischen Restaurant in Ettlingen (Kreis Karlsruhe): „Luxus bedeutet für mich, hier ein weiteres Getränk und einen Nachtisch bestellen zu können, ohne dass ich mir finanzielle Gedanken machen muss.“
Als Jugendlicher hätte er das zweite Glas womöglich auf der Toilette mit Leitungswasser gefüllt, sagt er – weil das Geld knapp war. „Wenn bei uns der Fernseher kaputt ging, dann haben wir nicht gleich einen neuen gekauft, sondern erst einmal gespart“, erzählt Suikat. Er aber wollte mehr finanziellen Spielraum und setzte sich bereits in der 9. Klasse das Ziel, eines Tages 10 000 Mark monatlich zu verdienen. An der Tankstelle und bei einem Putzmittelgroßhandel jobbte er dafür zu Schulzeiten.
Ralph Suikat staunte nicht schlecht beim Blick auf seinen Kontostand
Heute muss er das nicht mehr. Das zurückhaltende Konsumverhalten aber ist geblieben. Gut, einen Whirlpool besitze er, den habe er sich mit seiner Frau während der Corona-Pandemie gegönnt, mit ihr und drei Katzen lebt Suikat in der 40 000-Einwohner-Stadt Ettlingen.
Mit seinem Geld will der zweifache Vater aber vor allem etwas bewegen, die soziale Gerechtigkeit und eine faire Verteilung von Vermögen seien schon lange Themen, die ihm am Herzen liegen. 2016 hat Suikat seine Anteile an einem IT-Unternehmen verkauft – und staunte beim Blick auf seinen neuen Kontostand nicht schlecht. Mehr als genug Geld sei das gewesen, sagt er – ohne den genauen Betrag zu nennen. Es war aber zu viel, um damit nur sich selbst etwas Gutes zu tun. Deshalb habe er sich damals die Frage gestellt: „Wie kann ich damit zu einem gesellschaftlichen Wandel beitragen?“
Eine Frage, der er sich jetzt auch in politischer Funktion widmen will: Der Ettlinger kümmert sich um die Finanzen beim Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) – als Bundesschatzmeister der Partei, die bereits bei den Europawahlen erste Erfolge feierte und nach den nun anstehenden Landtagswahlen im Osten sogar Regierungsverantwortung übernehmen könnte.
Auch aus Unzufriedenheit über die Politik der Ampel-Regierung hat sich Suikat auf die Suche nach einer neuen politischen Kraft gemacht. Die für ihn ungerechte Erbschaftssteuer oder das 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr etwa sind Themen, die ihn als früherer Ampel-Wähler enttäuscht haben. „Ich dachte, mit der sogenannten Fortschrittskoalition kommt frischer Wind rein“, sagt er. Doch Suikat wurde enttäuscht, sozial gerechter gehe es hierzulande auch unter der Ampel-Regierung nicht zu. Und je mehr er sich von dem Drei-Parteien-Bündnis entfernte, desto hellhöriger wurde er mit Blick auf eine mögliche Parteigründung von Sahra Wagenknecht.
Der Kontakt zu der ehemaligen Linken-Politikerin kam schließlich über einen gemeinsamen Bekannten zustande, es folgte ein Treffen mit Wagenknecht und ihrem Mann Oskar Lafontaine. Und offensichtlich passten die Vorstellungen der Drei gut zueinander. „Als Unternehmer mit Sinn für das Gemeinwohl verkörpert Ralph Suikat unseren Politikansatz, wirtschaftliche Vernunft mit sozialer Gerechtigkeit in Einklang zu bringen“, sagt Wagenknecht.
Wagenknecht nennt den Millionär einen „Macher“
Bundesweite Aufmerksamkeit hat der Ettlinger als einer der Gründer der Initiative „Tax me now“ („Besteuert mich jetzt“) erregt, er und andere Millionäre könnten mehr Steuern bezahlen. „Menschen mit breiteren Schultern können mehr zum Gemeinwohl beitragen“, sagte er mal in einem Interview. In seinem Umfeld sei er mit seiner Einstellung keine Ausnahme, sagt Suikat, es gebe viele Unternehmer, die ähnlich denken wie er: „Denen liegt die Infrastruktur, die kaputt gespart wurde, am Herzen“, sagt er. Aber natürlich kenne er auch die „Hardcore-Vermögenden“, wie Suikat sie bezeichnet. Von denen bekomme der 58-Jährige dann zu hören: „Der deutsche Staat soll froh sein, dass ich Arbeitsplätze schaffe, eigentlich sollte ich gar keine Steuern zahlen.“
Mit Suikat aber hat Wagenknecht den passenden Organisator für ihr Projekt gefunden. Sie als das Gesicht der Partei. Er der Mann im Hintergrund, der dafür sorgt, dass „im Maschinenraum der Partei alles reibungslos läuft“, wie es Wagenknecht beschreibt. „Die Bühne“, sagt Suikat, „kann ich auch gerne anderen überlassen.“ Einen „Macher“ nennt Sahra Wagenknecht den Millionär, Suikat habe mit „viel Engagement und großem Organisationsvermögen“ einen großen Anteil am raschen Aufstieg des BSW.
„Keiner von uns möchte nach Russland ziehen, keiner ist ein Putin-Freund“
Doch mit zunehmender Relevanz sind auch mehr Augen auf die Partei gerichtet. Der Vorwurf der Russland-Nähe schwirrt immer wieder um das BSW. Grund ist die Haltung zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine. „Das Thema Frieden spielt eine ganz große Rolle bei unseren Wählerinnen und Wählern“, sagt Suikat: „Viele sind in Sorge, dass immer mehr Geld in Waffen gesteckt wird. Das ist ein Kreislauf, der niemanden hilft und die Welt immer unsicherer macht.“ Der aktuell eingeschlagene Weg der Bundesregierung mit Blick auf den Krieg in der Ukraine könne nicht der einzige sein – und außerdem seien die meisten Kriege durch Verhandlungen beendet worden. „Aber kein Mensch von uns möchte nach Russland ziehen, keiner ist ein Putin-Freund“, verteidigt er sich und seine Parteikollegen.
Und dann ist da auch noch der Populismus-Vorwurf oder die Kritik daran, dass sich die Partei nur auf eine Person konzentriere. „In der Politik wird doch immer mehr zugespitzt – die Grenze zwischen Zuspitzung und Populismus ist fließend“, sagt Suikat. Und Wagenknecht sei nun mal die populärste Person der Partei.