ExklusivMillionenbetrug um Genossenschaft Ministerin holt bei Eventus externe Prüfer

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Ging bei der Prüfung der insolventen Wohnungsgenossenschaft Eventus alles mit rechten Dingen zu? Das will Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut nun genau wissen: Ihr Haus wird ein externes Gutachten dazu in Auftrag geben.

Sie hat die Aufsicht über die Prüfverbände: Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, CDU Foto: factum/Granville
Sie hat die Aufsicht über die Prüfverbände: Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, CDU Foto: factum/Granville

Stuttgart - Nach dem Millionenbetrug um die Stuttgarter Wohnungsgenossenschaft Eventus gerät der zuständige Prüfverband verstärkt unter Druck. Auch nach einer freiwilligen Untersuchung des Verbands baden-württembergischer Wohnungs- und Immobilienunternehmen (VBW) durch den Bundesverband der deutschen Wohnungswirtschaft (GdW) sind aus Sicht des Wirtschaftsministeriums von Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) weiterhin Fragen offen. Die für die Aufsicht über die genossenschaftlichen Prüfverbände zuständige Ressortchefin will daher externen Sachverstand hinzuziehen und eine Wirtschaftsprüfungskanzlei mit einem Gutachten beauftragen. Entsprechende Informationen unserer Zeitung bestätigte eine Sprecherin von Hoffmeister-Kraut.

Das Gutachten solle klären, ob der VBW gegen Pflichten nach dem Genossenschaftsgesetz verstoßen habe. Es gehe besonders darum, ob er die Pflichtprüfungen ordnungsgemäß durchgeführt und die erforderlichen Maßnahmen ergriffen habe. Derzeit laufe das Vergabeverfahren für das Gutachten, Ergebnisse erwarte man bis zum Sommer, sagte die Sprecherin. Der Fall sei „äußerst komplex und vielschichtig“, man betrete „bundesweit Neuland“. Eine vergleichbare Sonderprüfung habe es einer Umfrage zufolge bisher weder beim Bund noch bei anderen Ländern gegeben.

Geschädigte nehmen Aufsicht aufs Korn

Die Eventus-Geschädigten dürften damit wieder Hoffnung schöpfen, sich doch noch an den Prüfverband halten zu können. Mehrere Hundert Anleger sollen durch den mutmaßlichen Betrug etwa zehn Millionen Euro verloren haben. Dieses Geld hatte die 2012 gegründete Genossenschaft gesammelt, um Wohnimmobilien zu kaufen, zu sanieren und damit Handel zu treiben. Im Herbst 2017 meldete Eventus Insolvenz an, der Insolvenzverwalter fand lediglich 7000 Euro Bargeld und drei kleine Wohnungen vor. Zuvor hatte ein Co-Vorstand Unregelmäßigkeiten entdeckt, von einem Anwalt aufarbeiten lassen und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Diese ermittelt seither wegen Untreue und Betrugs, der Vorstandsvorsitzende wurde in U-Haft genommen. Obwohl die Genossenschaft hohe Verluste machte, unter anderem durch hohe Marketingausgaben und Provisionszahlungen, schüttete sie Zinsen aus – aus den Geldern neuer Anleger, also durch ein Schneeballsystem.

Die Interessengemeinschaft der Eventus-Geschädigten erhebt seit Monaten schwere Vorwürfe gegen den Prüfverband VBW; auch die für die Aufsicht zuständige Wirtschaftsministerin nahm sie ins Visier. Man habe sich nicht vorstellen können, im „streng regulierten Genossenschaftswesen“ auf einen Betrüger hereinzufallen, sagen die Opfer. Eventus sei gleichsam unter den Augen der Kontrolleure ausgeplündert worden. Auch die Rolle des Aufsichtsrates wird inzwischen hinterfragt: deren Vorsitzende war die einstige Freundin und spätere Ehefrau des Gründers und Ex-Vorstandschefs.

Keine Strafanzeige wegen Schweigepflicht?

Den VBW-Prüfern war einiges aufgefallen, aber erst relativ spät. Im aktuellsten Prüfbericht für das Jahr 2014, der erst im August 2016 vorlag, monierten sie eine Reihe von „Mängeln bzw. Unplausibilitäten“. Angesichts hoher Ausgaben und eines Fehlbetrags von mehr als einer Million Euro müsse Eventus dringend erfolgreicher wirtschaften, mahnten sie. „Wir haben ordnungsgemäß und nach den gesetzlichen Regeln geprüft“, sagte die Verbandsgeschäftsführerin Sigrid Feßler 2017 unserer Zeitung. Für Konsequenzen habe es aber keine Handhabe gegeben. So könne man bei der Prüfung nicht „als Staatsanwalt auftreten“ und wegen der strengen Schweigepflicht nicht einmal Strafanzeige erstatten. Erst neuerdings gebe es durch eine Gesetzesnovelle etwas mehr Spielraum.

Geschädigte Anleger erwägen nun, den Verband in Anspruch zu nehmen; dieser sieht dafür keinerlei Grundlage. Umgekehrt ging der VBW wiederholt rechtlich gegen die Geschädigten-Initiative vor und forderte von ihr, bestimmte Äußerungen auf ihrer Homepage zu unterlassen. So wurde etwa eine Bildmontage moniert, die die Verbandsmanagerin Feßler hinter Gittern zeigte.