Der Angeklagte am vierten und letzten Prozesstag in Stuttgart Foto: dpa / IMAGO/Arnulf Hettrich
Der Dritte im Bunde wird aufgrund des Diebstahls aus einer Werttransportfirma in Stuttgart verurteilt. Bei der Urteilsverkündung findet die Richterin deutliche Worte.
„In diesem Verfahren ist sehr viel gelogen worden. Gut, dass es hier keine Balken gibt – sie wären mittlerweile so weit gebogen, dass sie auf den Boden reichen würden.“ Das sind klare Worte der Vorsitzenden Richterin bei der Urteilsverkündung.
Wieder und wieder waren der 18. Großen Strafkammer neue Versionen der Geschichte aufgetischt worden – aber eine Frage blieb bis zum Ende offen: Wo sind die 1,25 Millionen Euro hin, die das Trio im Herbst 2022 aus den Räumen einer Werttransportfirma in Stuttgart gestohlen hatte?
Das Geld lag dort zum Zählen. Die heute 45 Jahre alte Frau nutzte damals eine Pause der Kolleginnen und Kollegen, schnappte sich große Scheine, warf diese in einen Karton mit Archivmaterial und packte auf dem Weg zum Archiv um – um schließlich mit einer millionenschweren Sporttasche das Haus zu verlassen.
Nun ist ein 32-Jähriger in dem Fall wegen schweren Diebstahls verurteilt worden. Die Kammer sah es als erwiesen an, dass er nicht nur ein gutmütiger Helfer war, sondern den Plan gemeinsam mit der Frau ausbaldowert hatte. „Sie haben mehrfach darüber gesprochen, sind zu der Firma gefahren und haben die Örtlichkeit erkundigt.“ Er sei also klar Mittäter gewesen. Für drei Jahre und 9 Monate muss er in Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte auf vier Jahre und drei Monate plädiert. Der Verteidiger hatte eine Bewährungsstrafe zwischen einem und zwei Jahren für angemessen gehalten.
Der Fall hat was von Vorabendkrimi, ist aber auch ein bisschen Rosamunde-Pilcher mit Balkan-Charme und Rosenkrieg – und am Ende für das Gericht eine klare Sache, trotz der zahlreichen Märchenstunden im Laufe der Vernehmungen.
Eine Frau trägt in einer Tasche mehr als eine Million aus der Firma, dann fährt sie mit einem flüchtigen Bekannten, von dem sie sich damals offenbar die große Liebe erhofft, erst nach Wien. Sie lässt sich von Schleusern nach Serbien bringen, das organisierte der Dritte im Bunde. Dort kommt das Trio nochmal zusammen – und es verliert sich die Spur des Geldes.
Neue Enthüllungen im Prozess um den Millionencoup in Stuttgart
In fast jeder Sitzung dieses Prozesses kamen neue Versionen des Geschehenen auf den Tisch. Angeklagt war der nun verurteilte Mann als Hauptdrahtzieher des Millionencoups. Als solchen hatte ihn die Frau benannt. Sie hatte sich wenige Wochen nach der Tat gestellt und nicht nur ein Geständnis abgelegt. Sie verriet den Ermittelnden auch, wer neben ihr an der Tat beteiligt war. Denn nur auf sie war man bis dahin gekommen: Die Überwachungskameras in der Firma in Stuttgart-Wangen hatten natürlich gefilmt, wie sie das Geld einpackte.
Der 32-Jährige stellte sich hingegen eher als gutmütigen Helfer dar, der lediglich als Fahrer für den Weg nach Österreich fungiert hatte – mit dem Auto seines Vaters. Eine gewisse Tragik lag auch in seiner Biografie: In Serbien war er Profi-Handballer. In Deutschland hatte er versucht, ebenfalls in der Sportart Fuß zu fassen. Aber es gelang ihm nicht in dem Ausmaß, um davon leben zu können.
Deswegen jobbte er in einer Bar – wo er die spätere Komplizin M. traf. Eine Liebesgeschichte, wie sie es darstellte, sei es nicht gewesen. Die Frau hatte alle glauben machen wollen, sie habe lediglich aus Liebe zu dem 13 Jahre jüngeren Mann gehandelt, der auch als „der schöne Robert“ in den Schlagzeilen stand. Sitzengelassen und mittellos, so stellte sie sich dar, als sie reuig nach Deutschland zurückkam.
Über den Verbleib des Gelds wurden auch mehrere Geschichten präsentiert: Laut der Frau hatten die beiden Komplizen sie abgezockt. Ein Interview mit einem serbischen Online-Sender ließ diese Version aber wackeln: Gut gelaunt am Strand im Leopardenmuster- Oberteil und mit Sonnenbrille erzählte sie in eine Smartphone-Kamera, dass es ihr gut gehe und sie über den Verbleib des Geldes nichts sagen könne. Das weckte die Spekulation, sie habe es beiseite geschafft.
Als Zeugin behauptete sie, das sei als dramatisches Element mit dem Interviewenden abgesprochen worden. Blöd nur: Der Online-Reporter bestätigte das nicht, als sich der Verteidiger des nun Angeklagten via Dolmetscherin an ihn wandte. Es habe keinerlei Absprachen gegeben, M. habe das so erzählt. Durch ihren Anruf im Auftrag des Anwalts wurde die Dolmetscherin zur Zeugin: Am letzten Verhandlungstag sagte sie aus, dem aus Serbien stammenden Angeklagten wurde eine neue Übersetzerin an die Seite gestellt.
Ex-Handballprofi erzählt von nächtlichem Überfall in Serbien
Ganz anders wieder die Version des Ex-Handballprofis: Man habe sich im Haus eines Freundes in Serbien getroffen, dort ein Grillfest gefeiert. Mitten in der Nacht sei eine Bande hereingekommen, habe ihn aus dem Schlaf gerissen, verdroschen und mit dem Tode bedroht. Da habe er von einem Bekannten die Tasche mit dem Geld bringen lassen und es den Räubern ausgehändigt. Das glaubte man ihm nicht. Zwei Zeugen, die eigentlich in der Nacht dabei gewesen sein sollen, konnten diese Geschichte nicht bestätigen, als sie befragt wurden.
Für das Urteil sei der Verbleib des Gelds letztlich unerheblich, so die Vorsitzende Richterin. Der Diebstahl sie ja begangen gewesen, noch bevor das Trio Serbien erreichte. Dass der Mann der Hauptdrahtzieher gewesen sei, wie es die Frau behauptete, als sie sich von ihm zurückgewiesen fühlte, das sah das Gericht nicht. Aber eine Beteiligung, die keine kleine Gefälligkeit bei der Flucht war, die sah die Kammer als gegeben an.
Der Fall wurde als besonders schwerer Diebstahl eingeschätzt, aufgrund der Höhe der entwendeten Summe. Der Mann, der keine Vorstrafen hat, kann gegen das Urteil binnen einer Woche das Rechtsmittel der Revision beantragen.