Seit 2019 hat der größte Stadtbezirk von Stuttgart keine eigene Rettungswache mehr. Damals musste das Deutsche Rote Kreuz (DRK) seine Räume am Bellingweg in Bad Cannstatt verlassen. Eigentlich war ein weitgehend nahtloser Übergang geplant. Bereits zuvor hätte Baubeginn für das Nachfolger-Gebäude sein sollen.
Doch das vorgesehene Gelände an der Martha-Schmidtmann-Straße dient nach wie vor als Parkplatz des Krankenhauses des städtischen Klinikums. Und so sind auch vier Jahre nach der Schließung der alten Wache noch immer keine Rettungswagen für die Versorgung der Bevölkerung vor Ort stationiert. Die Retter rücken im Normalfall in der Innenstadt von der Neckarstraße aus an.
Das hat Folgen. In den vergangenen Jahren zeigt sich entlang des Neckars, von Bad Cannstatt bis Wangen und Hedelfingen, ein besonderes Phänomen: Immer häufiger ist die Werkambulanz des Autobauers Mercedes außerhalb des Firmengeländes unterwegs, um Löcher zu stopfen. 1212 Einsätze stehen für das vergangene Jahr in der Statistik – Tendenz auch in diesem Jahr weiter steigend. Einen direkten Zusammenhang mit der fehlenden Wache in Bad Cannstatt will zwar niemand offiziell bestätigen, er liegt aber auf der Hand.
Gescheitert ist der geplante Neubau bisher am Geld. Ursprünglich hätte er 2,1 Millionen Euro kosten sollen. Das DRK hatte beim Land eine Fördersumme in Höhe von 1,89 Millionen Euro beantragt – gemäß den gültigen Richtlinien, die eine Beteiligung von 90 Prozent vorsehen. Doch die Meinungen darüber, was gefördert wird, in welcher Größe und für welchen Zweck, gingen weit auseinander. Das Land bewilligte schließlich nur 470 000 Euro – für das DRK entschieden zu wenig. Dort wollte man nicht große Teile der Rettungsinfrastruktur aus Spendenmitteln finanzieren müssen. Weil es denselben Streit auch bei anderen Rettungswachen in Baden-Württemberg gab, zog das DRK vor Gericht und verklagte das Land Baden-Württemberg – bis man sich einigen konnte.
Das allerdings bedeutet, dass sich nach jahrelanger Verzögerung die Kosten erheblich erhöht haben. Eine geänderte Planung und ein neuer Förderantrag waren nötig. Der ist jetzt vom Stuttgarter Regierungspräsidium (RP) bewilligt worden. 2,22 Millionen Euro schießt das Land zu. Das sind rund zwei Drittel der 3,3 Millionen Euro, die im Regierungsbezirk Stuttgart jetzt an Förderungen für den Rettungsdienst ausgeschüttet werden. Bedacht werden unter anderen auch die Bergwacht und der DLRG-Landesverband, etwa für die Beschaffung von Rettungsmitteln. „Die Rettungsdienstförderung ist ein bedeutender Baustein zur Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung bei medizinischen Notfällen“, sagt die Regierungspräsidentin Susanne Bay.
Baustart innerhalb der nächsten zwölf Monate
Beim DRK atmet man auf. Die jahrelange Hängepartie hat ein Ende. Die Gesamtkosten für die neue Cannstatter Wache veranschlagt man jetzt auf knapp 2,5 Millionen Euro. Die Pläne für das Gebäude wurden leicht angepasst. So soll der Funktionsbau mit einer Nutzfläche von rund 500 Quadratmetern und Platz für die Rettungsfahrzeuge, eine Werkstatt, eine Waschanlage und die Ausbildungsräume nur noch drei statt vier Stellplätze umfassen. Einer davon wird nun gleichzeitig als Wasch- und Desinfektionsplatz ausgeführt.
„Wir freuen uns natürlich sehr, dass unser Antrag wie eingereicht genehmigt wurde und dass wir jetzt endlich mit der Umsetzung und dem Bau starten können“, sagt die DRK-Sprecherin Mira Hawlik. Der nächste Schritt sei jetzt die Planung der Umsetzung mit dem Architekturbüro. Rasend schnell dürfte es allerdings nicht losgehen: „Wir sollten innerhalb von zwölf Monaten mit den Baumaßnahmen beginnen können“, hofft die Sprecherin. Angesichts der Situation mit hohen Baupreisen, wiederholten Materialengpässen und der weltweiten Lage derzeit lassen sich solche Prognosen ohnehin nur sehr unsicher stellen.
Bad Cannstatt dürfte also auch noch auf absehbare Zeit von außerhalb mit Rettungswagen versorgt werden müssen. Aber immerhin: Das Licht am Ende des Tunnels ist schon zu sehen. Und vielleicht bekommt dann ja auch künftig die Mercedes-Werkambulanz außerhalb des Firmengeländes weniger zu tun.