Wer in den vergangenen Wochen durchs Zentrum Tel Avivs spazierte, hätte leicht vergessen können, dass Weihnachten nahte. Auf dem Rabinplatz im Herzen der Stadt hatte das Rathaus einen haushohen Chanukkiah-Leuchter aufstellen lassen; das achttägige jüdische Chanukkah-Fest fiel dieses Jahr auf die Zeit um Heiligabend. Von Christbäumen und Weihnachtsmännern, wie man ihnen zu dieser Jahreszeit in vielen europäischen Innenstädten begegnet, war keine Spur. Nur ein paar Kilometer weiter aber bot sich ein anderes Bild: In Jaffa, dem arabisch geprägten Süden der Stadt, überragte ein üppig geschmückter Tannenbaum die nahe stehenden Palmen, und einen kurzen Fußweg entfernt lockte ein Weihnachtsmarkt mit dem Geruch süßer Backwaren.
Die Menschen, die hier hölzerne Kreuze, Weihnachtsmützen, Spielzeug oder heiße Schokolade verkauften, zählen zu einer doppelten Minderheit: Sie sind arabische Bürger Israels, und sie sind Christen. Es ist eine Identität, die schwierige Fragen mit sich bringt, zweifelhafte Zuschreibungen und Diskriminierung. Und als wäre all das nicht kompliziert genug, verlaufen einige der tiefsten ideologischen Gräben, die dieses Land kennt, mitten durch die christlich-arabische Gemeinde selbst.
Nur zwei Prozent der Bevölkerung
Ein Fünftel der rund 9,5 Millionen israelischen Staatsbürger zählt zur arabischen Minderheit. Die große Mehrheit von ihnen ist muslimischen Glaubens; weniger als zehn Prozent von ihnen sind Christen, knapp zwei Prozent der israelischen Gesamtbevölkerung, die sich wiederum aufspalten auf eine ganze Reihe unterschiedlicher Kirchen, überwiegend katholische und orthodoxe. Generell gelten arabische Christen in Israel als besser in die jüdische Mehrheitsgesellschaft integriert als Muslime, und tatsächlich bekleiden auffallend viele von ihnen hohe Positionen in Wirtschaft und Wissenschaft; einer von ihnen, Salim Joubran arbeitet derzeit als Richter am Obersten Gericht. Auf der Liste der besten Schulen Israels stehen viele christliche Schulen weit oben.
Zugleich haben arabische Christen als Minderheit innerhalb der Minderheit eine schwierige Position inne. Viele von ihnen klagen darüber, in der jüdischen Mehrheitsgesellschaft Benachteiligung zu erfahren, schlicht, weil sie Araber sind. Zugleich gibt es Christen, die sich über Diskriminierung vonseiten arabischer Muslime beschweren. Und eine kleine Gruppe von Christen versucht gar, sich aus der Kategorie „Araber“ gänzlich zu lösen. Ihr Anführer heißt Shadi Khalloul, er lebt in Jish, einem Dorf im Norden Israels, und ist Gründer der Israel Christian Aramaic Association, einer Nichtregierungsorganisation. Khalloul, der der maronitisch-katholischen Kirche angehört, wirbt für eine stärkere Integration in die jüdische Mehrheitsgesellschaft, ermutigt junge Christen, sich freiwillig für den Dienst in Israels Armee zu melden, und versucht, die aramäische Identität seiner Glaubensgeschwister zu stärken – auf Kosten der arabischen. 2014 überzeugte er sogar die damalige Regierung, aramäische Christen als eigene Volksgruppe anzuerkennen. Bis dahin wurden arabischsprachige Christen im israelischen Innenministerium generell als Araber geführt, nun können sie die Eintragung als Aramäer beantragen. Der Schritt stieß unter Israels arabischen Bürgern auf Widerstand: 19 arabische Nichtregierungsorganisationen veröffentlichen eine Protestnote, in der es hieß, die Regelung sei „ein gefährlicher Versuch des Staates, die arabische Identität der Palästinenser in Israel zu verzerren“.
„Ich bin Palästinenserin!“
Denn genauso sehen sich viele der Christen: als Palästinenser mit israelischem Pass, familiär und emotional verbunden mit den Menschen im Westjordanland und dem Gazastreifen, deren Kampf um einen eigenen Staat sie leidenschaftlich unterstützen. „Wenn mich früher jemand fragte, ob ich Muslimin oder Christin sei, bin ich sehr wütend geworden“, sagt etwa Vivian Rabia, eine Aktivistin aus einer christlich-arabischen Familie, die in der Stadt Ramle jüdisch-arabische Dialogprojekte leitet. „Ich bin Palästinenserin!“
Bürgerkriegsartige Szenen
Wie schwierig die Lage der christlichen Minderheit sein kann, zeigte sich im Mai 2021, als es infolge gewaltsamer Konflikte in Jerusalem zu Ausschreitungen zwischen jüdischen und arabischen Bürgern kam. In Ramle traute sich Vivian Rabia aus Furcht vor gewalttätigen jüdischen Israelis kaum aus dem Haus; Unbekannte schlugen die Scheiben ihres Autos ein. In Jish wiederum, berichtet Shadi Khalloul, warfen muslimische Randalierer Steine auf das Auto seines Bruders, nachdem sie ein Kreuz in dessen Windschutzscheibe entdeckt hatten. Die bürgerkriegsartigen Szenen aus jener Zeit haben viele Israelis schockiert, Juden, Christen, Muslime.
Viele Experten glauben, dass sie zum Aufstieg des rechtsradikalen Politikers Itamar Ben-Gvir beitrugen: Dessen Versprechen vor der israelischen Parlamentswahl Anfang November lautete, zu zeigen, wer „Herr im Haus“ ist. Nun soll er Minister für nationale Sicherheit werden. Möglich, dass diese Entwicklung Israels Muslime und Christen näher zusammenrücken lässt. Schließlich unterscheiden auch Ben-Gvirs radikale Fans nicht zwischen beiden Gruppen. Stattdessen rufen sie auf vielen Veranstaltungen einfach: „Tod den Arabern!“