Mindest-OP-Zahlen bei Brust- und Lungenkrebs 30 Kliniken in Baden-Württemberg verlieren die OPs

Früherkennung von Brustkrebs ist auf dem Land ein Problem. Trifft das nun auch für Operationen zu? Foto: pa/obs/Kooperationsgemeinschaft/viviane wild

Die im Dezember beschlossene Mindest-OP-Zahl bei Brust- und Lungenkrebs hat drastische Folgen. Patientinnen und Patienten müssen ab 2025 weitere Wege fahren.

Stuttgart - Bis die neue Regelung in Kraft tritt, ist noch etwas Zeit, aber die Weichen für das Schicksal bestimmter Krankenhäuser – meist sind es die kleineren auf dem Land – sind schon gestellt. Und viele sehen sich damit auf einem absteigenden Ast – im eigenen Sinne, aber auch für die regionale Versorgung ihrer Patienten und Patientinnen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) – ein Organ der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen mit Vertretern von Krankenkassen, Krankenhäusern und Kassenärzten – hat im Dezember Mindestmengen bei drei Operationsarten beschlossen. So sollen vom Jahr 2025 an nur noch Brustkrebsoperationen vergütet werden, wenn davon 100 im Jahr durchgeführt werden, bei Lungenkrebs-Operationen liegt die Mindestzahl bei 75. Bei den schon bestehenden Mindestmengen für die laut BGA „komplexen Operationen“ an der Bauchspeicheldrüse ist die Mindest-OP-Zahl von zehn auf 20 heraufgesetzt worden.

 

Qualität der Eingriffe soll besser werden

Mit der Maßnahme soll die Qualität der Eingriffe erhöht werden. „Mindestmengen haben eine klare Aufgabe: Sie sollen sicherstellen, dass ein Krankenhaus aufwendige und technisch anspruchsvolle und komplikationsträchtige Operationen nicht nur gelegentlich durchführt“, sagt Karin Maag, Ex-CDU-Politikerin aus Stuttgart und jetzt Vorsitzende des Unterausschusses Qualitätssicherung beim GBA.

Es gebe bei den genannten Krebsoperationen einen wissenschaftlich belegten Zusammenhang zwischen Routine und Behandlungsergebnis. Spätestens von 2025 an müssten die Krankenhäuser die Mindestmengen erreichen, um die Eingriffe mit gesetzlichen Krankenkassen abrechnen zu können. „Alle Krankenhäuser – auch in Baden-Württemberg – müssen sich nicht nur coronabedingt vielen Herausforderungen stellen“, sagte Maag unserer Zeitung. Dazu gehöre die Finanzierung, die Patientensicherheit und „eine flächendeckend hochwertige Versorgung“, für die es Instrumente wie die Mindestmengen gebe.

Im Südwesten nur noch neun Lungenkrebs-Kliniken

Der GBA räumt ein, dass die Neuregelung zu Konzentrationen führen wird: An 732 Krankenhäusern bundesweit seien (Stand 2019) chirurgische Behandlungen wegen Brustkrebs vorgenommen worden, bei Anwendung der 100-OP-Regel werde sich das Angebot voraussichtlich auf 355 Standorte reduzieren.

Bei Lungenkrebs werde sich die Zahl der Standorte, wo OPs möglich sind, von 328 auf 90 vermindern. Die Fahrzeiten für Patienten würden sich nur im Minutenbereich verlängern: Für Brustkrebspatientinnen von im Durchschnitt 15 auf 18 Minuten, bei Lungenkrebs von 20 auf 31 Minuten. Die Daten fußen auf Modellrechnungen des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen. In Baden-Württemberg könnte die Zahl der Kliniken, die Brustkrebs operieren, von 80 auf 50 sinken, bei Lungenkrebs von 34 auf neun.

Landbewohner fallen durchs Raster

Bei den betroffenen Kliniken herrscht Unverständnis über die Neuregelung. Man führe mit Belegärzten gemeinsam 30 bis 50 Brustkrebsoperationen durch und liege damit deutlich unter der Mindestmenge, sagt beispielsweise Chefärztin Eleonore Gisy vom Klinikum Hochrhein in Waldshut: „Unsere Patientinnen sind meist über 75, sie wünschen wegen ihres Alters und Vorerkrankungen meist keine komplexe onkologische Systemtherapie oder eine aufwendige plastische Rekonstruktion.“ Die nächstgelegenen Brustzentren lägen 55 bis 120 Kilometer entfernt, da es sich oft um hochbetagte Patientinnen handele, mehrheitlich nicht mobil, wäre dies eine erhebliche zusätzliche Belastung für die Frauen. Denn es müssten auch Vor- und Nachsorgetermine eingehalten werden. „Das Angebot einer operativen, heimatnahen Versorgung dient den Patientinnen“, sagt Gisy. Sie fielen jetzt schon bei der Vorsorge durchs Raster, da es an Fachärzten in der Region mangele und „sie meist deutlich verspätet die Diagnose und die Behandlung bekommen“.

In Uni-Kliniken „darf jeder mal ran“

Auch Landessozialminister Manfred Lucha (Grüne) sieht die Regelung des GBA kritisch. Sein Pressesprecher sagte, es mangele an der wissenschaftlichen Evidenz, dass Mindestmengen die Behandlungsqualität tatsächlich erhöhen. „Bei kleinen Fallzahlen ist möglicherweise nur ein Operateur tätig, während zum Beispiel in Unikliniken jeder mal übernehmen darf.“ Auch sollten laut Bundessozialgericht Mindestmengen auf Ausnahmelagen beschränkt bleiben, so das Ministerium: „Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass die flächendeckende Versorgung nicht gesichert ist. Für Baden-Württemberg liegen keine gesicherten Daten zu Brustkrebsoperationen vor, allerdings geben Daten aus der externen Qualitätssicherung Hinweise, dass hier jedes zweite Haus betroffen wäre.“ Besser wäre es, vorsichtig bei 50 bis 60 Operationen als Mindestmenge zu beginnen und später die Lage zu bewerten.

Vorwurf der Strukturbereinigung „durch die kalte Küche“

Ähnlich sieht es Alexis von Komorowski vom Landkreistag, der viele Kreiskrankenhäuser vertritt: Mindestmengen seien der Qualität der Behandlung sicher zuträglich. „Die ab 2025 gültige Mindestmenge bei Brustkrebs von 100 je Standort erscheint aber als tendenziell zu hoch.“ Mindestmengen dürften nicht als Strukturbereinigung „durch die kalte Küche“ benutzt werden.

Stimmen von betroffenen Kliniken: Es drohen längere Wege

Mosbach
 Die Neckar-Odenwald-Klinik führt 25 Brustkrebs-OPs im Jahr durch. Mit der neuen Mindestregel wäre die Leistungserbringung allein nicht mehr möglich, so Klinikchef Frank Hehn. „Die nächsten Kliniken liegen 50 bis 60 Kilometer entfernt.“ Es zeige sich erneut die Zentralisierung von Leistungen bei Kliniken.

Balingen
 Die Zollernalb-Klinik operiert Brust- und Lungenkrebs – unter den neuen Mindestmengen. Mit „geeigneten Maßnahmen“ wolle man die Richtwerte erreichen, so Klinikchef Gerhard Hinger. Gelinge das nicht, müssten Bürger von Balingen 35 bis 40 Minuten nach Tübingen fahren, von Albstadt gar 20 Minuten länger.

Schwetzingen
 Die GRN-Klinik Schwetzingen ist mit ihrer Schwesterklinik im 37 Kilometer entfernten Sinsheim im Verbund als Brustzentrum zertifiziert und übersteigt so die Mindest-OP-Zahl von 100. Die Klinik Schwetzingen für sich allein sei nah dran, die Mindestzahl zu erreichen, sagt Klinikchefin Katharina Elbs.

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