Mineralbrunnen im Südwesten Mineralwasser, ein Milliardenmarkt

Plastikflaschen dominieren auch beim Mineralwasser den Markt – aus Glas besteht nur noch ein Viertel der Flaschen. Foto: dpa

Lesenswert aus dem StZ-Plus-Archiv: Nach dem Aus von Aqua-Römer in Göppingen-Jebenhausen in diesem Jahr: Wie geht es insgesamt der Branche in Baden-Württemberg?

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - In den vergangenen Jahren haben in Baden-Württemberg gleich vier Mineralbrunnen für immer ausgesprudelt: 2014 schloss der Freyersbacher Mineralbrunnen in Bad Peterstal, 2017 machte der Coca-Cola-Konzern den Förderstandort in Urbach (Rems-Murr-Kreis) dicht, zu Jahresbeginn erwischte es den Biberacher Brunnen bei Heilbronn, und nun beendet Aqua-Römer die Produktion in Göppingen-Jebenhausen. Geht es also der Branche in Baden-Württemberg schlecht?

 

Diese Frage lässt sich nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten. Auf der einen Seite ist der bundesweite Umsatz in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen, von drei Milliarden Euro im Jahr 2009 auf 3,56 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Die Wasser-Branche profitiert dabei vom Trend zu gesundheitlichen, qualitätsvollen und regionalen Produkten – und zuletzt vom heißen Sommer 2018.

2018 ging das Leergut aus

Laut Hakan Ulucay von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten in Stuttgart hätten die Firmen 2018 noch viel mehr verkaufen können, wenn ihnen das Leergut und die Transportkapazitäten nicht ausgegangen wären. Er glaubt, dass es der Branche im Südwesten insgesamt gut geht – die ordentlichen Tarifabschlüsse zeigten dies. In Baden-Württemberg gibt es ungefähr 30 Betriebe, die 130 Mineralwasser-Marken anbieten. Ihr Vorteil sei, so Ulucay, dass die meisten ihren Markt auch nur im Südwesten haben: „Es gibt deshalb keine Kannibalisierung.“

Auf der anderen Seite gibt es viele bedrohliche Entwicklungen für die Branche. So stagniert die abgefüllte Menge an Mineralwasser nach jahrzehntelangem Aufwärtstrend seit einiger Zeit bei bundesweit rund 15 Milliarden Litern im Jahr – die Menge, die ein Mensch täglich trinken kann, ist eben doch begrenzt. Und die Zahl der Firmen sank, wenn auch moderat, von 232 im Jahr 2002 auf derzeit 192.

Bleibt der Konzentrationsprozess gering?

Die Hans-Böckler-Stiftung kam 2017 deshalb in einer Branchenanalyse zu dem Schluss, dass der Konzentrationsprozess gering sei und bleibe. Gerhard Kaufmann sieht das ganz anders. Er ist der geschäftsführende Gesellschafter der Winkels Holding in Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg), zu der die Marken Alwa, Rietenauer, Fontanis und Griesbacher gehören. Winkels ist damit die größte Brunnengruppe in Baden-Württemberg. Kaufmann ist vielmehr der Ansicht, dass die Branche tatsächlich vor einem Konsolidierungsprozess steht: „Gesunde Unternehmen können gestärkt aus der Situation hervorgehen, aber es gibt auch eine Reihe von Betrieben in einer schwierigen Lage.“

Tatsächlich ist der Wasser-Markt alles andere als einfach. Erstens ist die Konkurrenz riesig – rund 500 deutsche Mineralwasser-Marken tummeln sich auf dem Markt, von Volvic und Co. ganz abgesehen. Zweitens üben Einzelhandel und vor allem die Discounter einen gnadenlosen Preisdruck aus. Kleinere Firmen könnten da die notwendigen Investitionen in neue Technik und Leergutgebinde nicht stemmen, sagt etwa Kaufmann. Während man bei Aldi den Liter Wasser schon für 13 Cent erwerben kann, kostet er bei einem durchschnittlichen Markenprodukt leicht das Vier- bis Sechsfache. Im Schnitt lag der Preis für einen Liter Mineralwasser im vergangenen Jahr bei 24 Cent.

Immer mehr Menschen trinken Leitungswasser

Drittens kaufen sich immer mehr Menschen Geräte, um das eigene Leitungswasser aufzusprudeln. Der Verband Deutscher Mineralbrunnen (VDM) sieht es mit Sorge, dass selbst Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) dazu aufrief, mehr Leitungswasser zu trinken. In einer Resolution betonte der VDM: Mineralwasser stamme im Gegensatz zu Leitungswasser aus großen Tiefen und sei entsprechend rein; zudem werde es nicht über große Entfernungen in Rohren transportiert. Wer bei dieser Marktlage nicht auf dem neuesten Stand der Technik bleibt und wer keine gute Geschäftsstrategie besitzt, kann also durchaus in Schieflage geraten. Im Bericht der Böckler-Stiftung schreiben die Autoren Stefan Stracke und Birte Homann: „Insgesamt ist in einem weitestgehend gesättigten Getränkemarkt Wachstum nur durch Konsumverschiebungen möglich. Die Folge ist ein zunehmender Verdrängungswettbewerb.“ Also doch Kannibalisierung? Die drei größten in der Branche setzen in diesem Wettbewerb klar auf den Preis – sie verkaufen ihr Wasser günstig, aber in riesigen Mengen. Die meisten Wasserkonsumenten dürften diese Riesen übrigens gar nicht kennen: Sie heißen Mitteldeutsche Erfrischungsgetränke (570 Millionen Euro Umsatz), Hansa-Heemann und Schäff-Gruppe. Auch Coca-Cola, Nestlé und Danone mischen beim Mineralwasser kräftig vorne mit. Der größte baden-württembergische Einzel-Mineralbrunnen ist Überkingen-Teinach mit 94 Millionen Euro Umsatz.

In Baden-Württemberg steht die Branche nicht schlecht da

Eine gute Marketingstrategie ist Gold wert

Andere Unternehmen setzen bei ihrer Marketingstrategie auf edle Gourmet-Flaschen wie Teinacher, auf flotte Namen wie Black Forest von den Peterstaler Mineralquellen, auf Heimatgefühl wie bei Silberbrunnen, wo das Wasser noch Sprudel heißen darf, oder auf neue Produkte, wie Mineralwasser mit Limette- oder Rhabarber-Mirabelle-Geschmack. Marketing ist fast alles beim Mineralwasser, weil zumindest der Durchschnittsbürger keine großen Unterschiede schmeckt. Er kauft aus dem Bauch heraus – oder nach dem Preis.

Insgesamt spielt Baden-Württemberg im Konzert der Großen keine Rolle. Überkingen-Teinach liegt bundesweit, was den Umsatz betrifft, nur auf Platz 17, Alwa auf Platz 18. Zu den baden-württembergischen Firmen unter den Top 40 gehören zudem Ensinger, Aqua Römer, Romina, Peterstaler und Bad Dürrheimer.

Größere Veränderungen des Marktes erwarten die Analysten des Statistikportals Statista für die kommenden Jahre nicht. Der Absatz in der Mineralwasser-Branche bleibe stabil, der Umsatz werde nach wie vor leicht steigen, heißt es. Mal sehen, ob die Analysten recht haben – oder doch die Praktiker wie Gerhard Kaufmann.

Betriebe
In Deutschland gibt es 192 Unternehmen, die Mineralwasser fördern. Das Wasser wird unter 500 Marken vertrieben, in Baden-Württemberg von Adelindis-Quelle aus Bad Buchau bis Wüteria Schlossbrunnen aus Gemmingen. Beim Heilwasser gibt es 35 Marken. In Baden-Württemberg sind rund 30 Betriebe ansässig.

Große Vielfalt an Mineralwässern in Deutschland

Absatz

Im Schnitt trinkt jeder Bürger jährlich 150 Liter Mineralwasser – das entspricht 0,4 Liter pro Tag. Im Gegensatz dazu verbraucht jeder 127 Liter Trinkwasser pro Tag; allerdings werden davon laut Wasserwirtschaft nur fünf Liter tatsächlich zum Trinken und Kochen genutzt.

Produkte

Der Trend geht zu Mineralwasser mit wenig Kohlensäure: Dieses macht 44 Prozent aus. Stilles Wasser liegt bei 17 Prozent, Heilwasser bei 0,7 Prozent. Auch die neuen Mineralwässer mit Aroma spielen mit 1,6 Prozent nur eine geringe Rolle.

Stiftungen Warentest

Stiftung Warentest hat im Juni in manchen untersuchten Wässern Keime und Spuren aus der Landwirtschaft entdeckt; 13 der 32 geprüften stillen Mineralwässer enthielten weniger Mineralstoffe als ebenfalls analysiertes Leitungswasser. Die Branche warf Stiftung Warentest unfaire Messmethoden und falsche Einschätzungen vor.

Vergleich

Auf der Website www.mineralienrechner.de der Firma Gerolsteiner kann man den Mineraliengehalt von mehr als 1000 Mineralwässern vergleichen.

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