Mini-Abgeordnete in Stuttgart Süßigkeitentag und Schulhof-Zäune – Wenn das Kinderparlament mitbestimmt

Die kleinen Abgeordneten haben viele Ideen – bei den Sitzungen des Parlaments bringen sie sie ein. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Im Kinderparlament an der Grundschule Ostheim in Stuttgart-Ost entscheiden die Schüler mit. Sogar an OB Nopper haben sie schon geschrieben. Ein Besuch im Parlament.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Julika Wolf (jwo)

Ein paar Kinder zappeln auf den Stühlen, einige heben die Hand. „Hat jemand Themen?“, hat die zehnjährige Anna gerade gefragt. Sie sitzt in einem Klassenzimmer zwanzig Kindern gegenüber und leitet mit ihrem Nebensitzer Leo die Sitzung. Einem Kind ist aufgefallen, dass beim Kicken auf dem Schulhof immer wieder Bälle hinter dem Zaun landen. „Was wäre denn eine Idee für eine Lösung?“, fragt Anna. Vielleicht wäre ein höherer Zaun denkbar, antwortet das Kind. Kurz denkt Anna nach. „Du hast Recht“, sagt sie dann. Und fügt hinzu: „Das sieht dann aber aus wie ein Gefängnis.“ Kurz überlegen sie weiter, dann stimmen die Kinder ab. Die Idee wird verworfen. Einstimmig.

 

Anna, Leo und die anderen Kinder sind Abgeordnete im Kinderparlament an der Grund- und Werkrealschule Ostheim im Stuttgarter Osten. Das Parlament ist Teil der Nachmittagsbetreuung, die vom Träger St. Josef an der Grundschule angeboten wird. Aus jeder der elf Betreuungsgruppen sitzen zwei Kinder im Parlament. Dort diskutieren sie alle zwei Wochen über Dinge, die ihnen und ihren Mitschülern aufgefallen sind. Dass Spielgeräte kaputt sind, zum Beispiel.

Kinderparlament kämpft gegen Mobbing und Rassismus

In dieser Sitzung ist ein Thema, dass die Schüler von der Werkrealschule die Jüngeren auf dem gemeinsamen Schulhof oft ärgern. Sie nehmen ihnen den Ball weg, erzählen ein paar Jungs, und auch Anna bestätigt die Probleme. „Die haben einen Wortschatz, der gefällt mir gar nicht“, sagt die Zehnjährige. „Aber gegen Achtklässler können wir nichts tun!“ Ein Junge erzählt, dass er schon mal rassistisch beleidigt worden sei. Anna wiederholt es, damit alle es hören. „Es war...“, sie zögert, dann sagt sie: „Das N-Wort“. Und fügt entschlossen hinzu: „Ich werde das nicht aussprechen!“

Anna (10) und Leo (8) sind die Vorsitzenden des Kinderparlaments. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Die Kinder nennen weitere Beispiele. Sie kommen zu dem Schluss, dass Leute meistens dann andere beleidigen, wenn sie selbst sich nicht gut fühlen. „Jeder kennt das, dass er sich im Spiegel sieht und denkt: Ich bin richtig hässlich“, sagt Anna. Dabei sei jeder gut so, wie er ist. „Jeder kann etwas, und keiner kann alles.“ Am Ende beschließt das Parlament: Die Erzieher sollen garantieren, dass immer ein Erwachsener Hofdienst hat.

Alexander Werner nimmt das auf. Er ist Erzieher in einer Gruppe der Nachmittagsbetreuung und für das Kinderparlament zuständig. Er liest noch einmal vor, was er aufgeschrieben hat. „Habe ich das richtig notiert?“, fragt er dann. Die Kinder nicken.

Werner ist wichtig, dass sie Hoheit über das Parlament haben. Wenn zu Beginn einer Sitzung alle da sind, sagt er: „Ihr könnt jetzt anfangen, wenn ihr möchtet“. Will er etwas sagen, meldet er sich. Zum Beispiel, um in der Diskussion über rassistische Beleidigungen zu erklären, warum das ein Problem ist. Und wenn auf den Stühlen jemand herumhampelt oder dazwischen plappert, ermahnt nicht er die Kinder, sondern die Vorsitzenden Anna und Leo.

Dass sie so viel mitbestimmen dürfen, finden die Kinder richtig toll. Zum Beispiel hat das Parlament einen Filmtag eingeführt und stimmt darüber ab, welche Filme dort gezeigt werden. Und auch der Süßigkeitentag, an dem die Kids ausnahmsweise Süßes in die Betreuung mitbringen dürfen, geht auf die Kappe der Abgeordneten.

Die Schüler schreiben an den Oberbürgermeister

Sogar in die Erwachsenen-Politik haben die Kids schon hineingewirkt: Weil ein Spielgerät auf dem Schulhof kaputt war, schrieben die Abgeordneten an Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU). Etwa ein Jahr lang passierte nichts. Dann kam die Antwort – inzwischen ist das Gerät ist repariert.

Nicht immer klappt das so gut. Manche Ideen werden von den Erwachsenen gestoppt. Eigentlich wollten die Kinder zum Beispiel einen Tag für elektrische Spielgeräte einführen. Nachdem es dadurch Probleme zwischen den Kindern gab, wurde der Tag wieder einkassiert. Andere der Ideen bleiben ewig in der Luft hängen, weil etwa die Finanzierung erst geklärt werden muss.

Trotzdem bekommen die Kinder durch diese Form der Partizipation ein Gespür für demokratische Prozesse, sagt Alexander Werner. „Die Kinder haben automatisch ein gutes Gefühl, wer als Repräsentant gut passt“, das ist seine Erfahrung bei der Wahl der Mini-Abgeordneten. Wie sozial die Kinder sich in dieser Sitzung verhalten haben, wie sie Themen durchdachten und abwägten, das sei ziemlich repräsentativ. Auch als Betreuer ist er sichtlich beeindruckt von seinen Schützlingen – und ein bisschen stolz.

Kinder zeigen Verständnis für politische Prozesse

Auch Jana Mayer ging es so, als sie die Kinder kennengelernt hat. Sie hat im vergangenen Jahr für ihr Studium mit den Kindern zusammengearbeitet, ist mit ihnen durch den Stuttgarter Osten spaziert und hat sie gefragt, was sie dort mögen und was nicht. Für politische Prozesse hätten die Kinder auch da Verständnis gezeigt. Etwa, wenn es darum geht, verschiedene Meinungen über Projekte im Stadtteil zu berücksichtigen oder Gelder zu organisieren. Das Projekt zeigt: Demokratie kann kinderleicht sein.

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