Architektur in Rottweil Tiny House als Design-Turm

Der Wohnturm DQTower mit kompakten Dimensionen von 39 Quadratmetern – und sehr kleiner Grundfläche. Foto: DQTower/Sichert

Tiny Houses sind beliebt. Der Rottweiler Unternehmer Toby Sichert hat die minimalistische Wohnform auf drei Stockwerke gehoben. Zu Besuch im DQTower – einem edlen Wohnturm für designaffine Individualisten.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Der moderne Mensch neigt gemeinhin zur Expansion, zur Ausweitung seiner Privatzone und zur Anhäufung oft unwichtiger Dinge des Alltags. Leider bleibt dieses Wachstum nicht ohne gesamtgesellschaftliche Folgekosten. Denn die Wohnfläche pro Kopf nahm in Deutschland zwischen 1991 und 2021 von 34,9 auf 47,7 Quadratmeter zu. Ein weiterer Grund neben der Sehnsucht nach mehr Privatraum: Es gibt immer mehr Alleinlebende. Nach einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IDW) lebte im vergangenen Jahr in knapp 41 Prozent der Haushalte nur ein Mensch. 1950 lag der Anteil nur bei knapp 19 Prozent.

 

Das Problem: In Deutschland herrscht ein immenser Mangel an Wohnraum, vor allem in den Ballungsräumen. Die Durchschnittsmieten steigen in den Metropolen, und nicht nur dort. Auch deswegen fragte das Zukunftsinstitut in Frankfurt mal auf seiner Website nicht ohne Ironie, ob denn das in den Medien viel zitierte „Micro Living“ oder auch „Micro Housing“ nun ein Trend oder doch nur eine gewachsene Notwendigkeit sei.

Bei Toby Sichert war es anfangs letzteres, gepaart mit ein wenig Verzweiflung. Nun steht er im Obergeschoss seines mehr als acht Meter hohen Tiny-House-Turms am Neckarufer und deutet auf den E-Mail-Posteingang seines Mobiltelefons. „Täglich sind das rund zwanzig Anfragen, und das geht jetzt schon seit Wochen so“, sagt der 49-Jährige.

Der gebürtige Rottweiler ist weder ein minimalistischer Architekt noch ein von der Konsumgesellschaft genervter Aussteiger. Nein, Sichert scheint bloß ein Kaufmann mit einem guten Gespür für die Sehnsüchte der Menschen zu sein, die auf dem hiesigen Immobilienmarkt nicht mehr glücklich werden. Und genau diese Menschen wollen jetzt so einen DQTower – ein hoch aufragendes Tiny House mit lediglich 39 Quadratmetern Wohnfläche.

Kreativschub in der Corona-Krise

Dabei erging es Sichert anfänglich nicht anders als seinen Kunden. Während der Corona-Pandemie kaufte er ein schmales Grundstück mit einer 400 Jahre alten, recht idyllisch am Seitenarm des Neckars gelegene Mühle in Zimmern ob Rottweil. Sichert wollte neuen Wohnraum schaffen, den unter Denkmalschutz stehenden Altbau sanieren. Doch mit der Corona-Krise kam der große Mangel: gute Handwerker waren plötzlich rar, die Kosten fürs Baumaterial explodierten. Also plante Sichert um und wollte alternativ ein Tiny House auf dem restlichen Grundstückszipfel stellen, aus der Not gewissermaßen eine trendige Tugend machen.

Tiny Houses made in Croatia

Doch die vorhandenen Tiny-House-Anbieter weltweit hatten kein einziges Modell im Programm, das sich auf einer dermaßen kleinen Restfläche samt Abstandsvorschriften zum Bestandsgebäude mit dem Segen des Baurechtsamtes errichten ließe. „Untätig bleiben ist nicht so mein Ding“, erzählt Toby Sichert. „Und eine Idee hatte ich auch. Dann, im Urlaub, auf der Fahrt an die Adria, habe ich diese Baufirma an der Autobahn in Krapina entdeckt, die unter anderem Tiny Houses ausgestellt hatte.“ Krapina ist eine nordkroatische Stadt, keine Stunde Fahrt von der Hauptstadt Zagreb entfernt.

Toby Sichert ließ der Gedanke nicht los, er kürzte seinen Adria-Aufenthalt ab und besuchte auf der Rückfahrt spontan den Geschäftsführer der Baufirma, die Erfahrungen in der Fertigung von Containern und Wohnmodulen für Campingplätze, Baustellen oder auch Katastrophengebiete hat. Der ungewöhnliche Wunsch des Adria-Urlaubers, der auch schon eine Skizze mit nach Krapina gebracht hatte: ein qualitativ hochwertiges Tiny House, nur nicht als flacher Riegel gedacht, sondern als Turm konzipiert, mit einer wertigen Ausstattung.

Das Versprechen: Aufbau in einem Tag

Der Chef der Baufirma fand die Idee erst einmal ziemlich schräg, doch abgeneigt war er nicht, im Gegenteil. Und tatsächlich: Nach einigem Hin- und Her und einer Anpassung des kroatischen Gegenentwurfs durch einen deutschen Architekten wurde im vergangenen Jahr der erste DQTower in Krapina hergestellt, nach Rottweil transportiert und mit Hilfe eines Krans an einem einzigen Arbeitstag samt Abnahme aufgestellt.

Die Innovation ist die mit knapp 17 Quadratmeter äußerst geringe Grundfläche und damit auch minimale Bodenversiegelung. „Nun hatte ich ein Tiny House“, erinnert sich Toby Sichert, „doch was danach kam, damit habe ich nicht im Traum gerechnet. Wahnsinn.“

Seit der Turm steht, kann sich Sichert vor Anfragen kaum retten. Da gibt es zum Beispiel dieses junge Paar, das ein Grundstück gekauft hat, das dem Bauzwang unterliegt. Den Bau eines konventionelles Hauses können die jungen Leute infolge der Inflation und der gestiegenen Materialkosten allerdings nicht mehr seriös finanzieren. Also haben sie sich für das Tiny House aus Rottweil made in Croatia entschieden. Den Turm gibt es für rund 180 000 Euro, inklusive Transport, Fundament und 80-Tonnenkran.

Oder die bekannte Firma ZF in Friedrichshafen. Der Autozulieferer hat wie so viele das Problem, freie Stellen besetzt zu bekommen, die Personalabteilung sucht händeringend nach guten Azubis. Doch die müssen alle irgendwo wohnen, und wer keine bezahlbare Wohnung findet, der kann auch keine Ausbildung beginnen.

Deshalb hat man sich kürzlich an Toby Sichert gewandt: Wie wäre es mit einer kleinen, aber feinen Turmsiedlung auf einem Firmengelände? Zwei Azubis pro DQTower, je ein Zimmer und ein Gemeinschaftsraum mit Kitchenette. Kurze Wege zum Betrieb, cooles Ambiente und eine kleine Terrasse für ein Feierabendbier. Das alte Konzept der Firmenwohnung wiederaufgelegt mit dem Tiny House. Könnte klappen.

Ein Haus, wenn’s schwierig wird im Leben

Toby Sichert und seine Partner in Kroatien können bauen und liefern, demnächst wird in Krapina die neue Produktionshalle eingeweiht, dann können größere Aufträge pünktlich abgewickelt werden, versichert Toby Sichert. Realisiert wurde schon eine zweistellige Zahl diese Tiny Houses, im August kommt ein weiteres in nahe gelegenen Sulz am Neckar hinzu.

Der Kaufmann atmet tief durch, hält kurz inne, und sagt: „Für mich ist der Begriff Tiny House ideologisch überfrachtet. Im Grunde ist es ja ein richtiges Fertighaus, wenn auch ein kleines. Das Leben ist unvorhersehbar. Ob Jobwechsel, Scheidung oder einfach nur die Sehnsucht nach ein wenig Abstand und Ruhe in den eigenen vier Wänden, so ein perfekt ausgestatteter Wohnturm kann eine Antwort auf die Frage sein, wie es in kritischen Situationen weitergeht.“

Dann schließt er das geöffnete Fenster im Obergeschoss und plötzlich ist es ganz ruhig. Das Rauschen des Neckars ist nicht mehr zu hören. Die Zellulose-Dämmung in den Wänden wie auch die dreifachverglasten Fenster vermitteln einem das Gefühl von solider Festigkeit. Seinen DQTower hat Toby Sichert letztlich nie bezogen, er verwendet ihn als begehbaren Showroom, als Prototyp.

Um den Vertrieb zu organisieren, hat er mittlerweile ein Start-up gegründet, mit einem Stamm von fünf freien Mitarbeitern. Die Spezialisten kümmern seit dem letzten Herbst sich bei einer konkreten Anfrage um die Formalitäten, auch um die Bauvoranfrage oder vermitteln Kontakte zu regionalen Firmen, die etwa das Betonfundament gießen. Wer ein Restgrundstück samt Wasser- und Stromanschluss besitzt, kann sich unverbindlich ein Angebot schicken lassen, Sichert kommt persönlich vorbei und berät.

Zeitgemäßes Interiordesign

Der Turm ist möglicherweise nichts für Sozialromantiker in Latzhosen, dazu sieht er einfach zu stylish aus. Hellbraun und Schwarz dominieren, die anthrazitfarbenen Bodenfliesen in der Größe 60 mal 30 Zentimeter. Hier kann man getrost seinen teuren taillierten Anzug aufhängen oder ein Büro für den Kundempfang einrichten. Die Innenwände sind mit Holz verkleidet, die Räume mit eigens geschreinerten Einbaumöbeln eingerichtet. Die Sanitäranlagen stammen von deutschen Markenherstellern.

Zwei Schlafräume, eine Wärmepumpe

Ein Treppenhaus verbindet die drei Stockwerke, mit zweieinhalb Metern Raumhöhe fühlt man sich nirgendwo eingeengt. Im Erdgeschoss befindet sich der Wohn- und Essbereich mit Küchenzeile und separatem Bad. Auf den anderen Etagen kommt ein zweites Bad und zwei Schlafzimmer unter, an den Türen sind jeweils Ganzkörperspiegel angebracht. Geheizt wird über eine Fußbodenheizung im Erdgeschoss und über Klimaanlagen, die mit Wärmepumpen betrieben werden.

Toby Sichert befeuert mit seinem Wohnturmkonzept auf kleinstmöglicher Grundfläche den eher selten in die Realität umgesetzten Tiny-House-Trend in diesem Land. Potenzielle Minimalisten scheitern ganz oft an den Baurechtsämtern und der Tatsache, dass geeignete Grundstücke kaum zu haben sind – und falls doch, sind sie für viele zu teuer. Trotzdem drängen immer mehr spezialisierte Anbieter auf den Markt.

Der Bundesverband Mikrohaus zählt europaweit über 270 Hersteller. Ende Juni findet in Karlsruhe ein Tiny House Festival statt, das erste seiner Art, bei dem rund 30 Minihäuser besichtigt werden können. Darunter Modulhäuser, die sich je nach Bedarf vergrößern oder verkleinern lassen. Auch Toby Sichert wird in Karlsruhe sein Projekt vorstellen und dafür werben, auch wenn er eigentlich ein volles Auftragsbuch hat.

Info

Messe
Das „New Housing – Tiny House Festival“ ist die erste Tiny-House-Messe in Deutschland. Vom 28. Juni bis zum 30. Juni präsentieren sich auf der Messe Karlsruhe in Rheinstetten 70 Anbieter von Mini- und Modulhäusern und zeigen, was inzwischen möglich ist. Wer sich vorab informieren möchte – eine Auswahl verschiedener Anbieter listet das Infoportal tiny-houses.de auf. Ansonsten alles zur Messe unter https://www.new-housing.de/de/

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