Minister Lucha zu Kinderverschickung „Es ist bedauerlich, dass der Verein sich auflöst“

Das Lächeln in die Kamera trügt. Viele als Kind in Kurheime Verschickte haben dort seelische und körperliche Gewalt erlitten. Foto: StZN/privat

Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) sieht bei der Aufklärung der Missstände in der Kinderverschickung keine Defizite und weist den Vorwurf, schleppender Aufarbeitung zurück. Er setzt weiter auf die Zusammenarbeit mit den Betroffenen.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Das Land Baden-Württemberg ist ambitioniert gestartet, als die Geschehnisse in den Kinderkurheimen der Nachkriegszeit und das Thema Kinderverschickung Ende 2019 öffentlich diskutiert wurde. Die Betroffenen forderten Aufarbeitung. Ein Gespräch darüber, wo das Land aus Sicht des zuständigen Gesundheitsministers Ministers Manne Lucha (Grüne) heute steht, wie es weitergeht und ob es eine Ende der Forschung gibt.

 

Herr Lucha, Sie haben die Messlatte für die Aufarbeitung in Sachen Kinderverschickung sehr hochgelegt, als Sie von einer Fürsorgeindustrie sprachen. Sie sitzen mit deren Nachfolgeorganisationen seit fast vier Jahren in einer Arbeitsgruppe zusammen. Wie verantwortlich fühlen sich diese Institutionen inzwischen für das, was geschehen ist?

Die Institutionen fühlen sich sehr verantwortlich. Der Runde Tisch Baden-Württemberg unter dem Vorsitz des Sozialministeriums hat bewirkt, dass beteiligte ehemalige Träger innerhalb ihrer Strukturen eine landes- und bundesweite Forschung begonnen haben. Das Diakonische Werk Württemberg hat eine Studie über die Geschehnisse in den Heimen der Diakonie veröffentlicht. Darüber hinaus hat sie eine zweite Studie in Auftrag gegeben. Die Landesvertretung Baden-Württemberg die DAK hat dieses Thema der Kinderverschickung in ihre Bundesstrukturen gespiegelt. So konnte die DAK Professor Hans-Peter Schmuhl beauftragen, eine bundesweite Studie zur Kinderverschickung in den Heimen der DAK zu veröffentlichen. Auch unterstützen die am Runden Tisch beteiligten Akteure der baden-württembergischen Landesvertretungen der Deutschen Rentenversicherung, des Caritasverbands, des Deutschen Roten Kreuzes sowie des Diakonischen Werks ihre Bundesverbände bei dem großen, deutschlandweiten Forschungsprojekt zur „Geschichte der Kinderkuren und Kindererholungsmaßnahmen in der Bundesrepublik zwischen 1945 und 1989“, das von eben diesen Bundesverbänden in Auftrag gegeben wurden.

Ist damit alles erforscht?

Am Runden Tisch werden wir darüber beraten, wie mögliche weitere Studien in Baden-Württemberg in Auftrag gegeben werden können.

Gibt es denn noch Defizite?

Defizite gibt es keine. Der Runde Tisch hat seine Ziele gemeinsam formuliert. Es gilt nun, diese sukzessive abzuarbeiten.

Wie erleben Sie die Betroffenen und deren Vertreter?

Ich finde es bewundernswert, mit welchem Engagement – trotz eigener Betroffenheit und Traumatisierung – Betroffene die Kraft haben, die Aufklärung so schnell wie möglich vorantreiben zu wollen.

Welchen Part spielt für Sie der Verein Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg bei der Aufarbeitung?

Der Verein leistet einen zentralen Beitrag zur Aufarbeitung, in dem er unter anderem ein Zeitzeugenarchiv aufbaut und weitere Betroffene bei deren individueller Geschichte beispielsweise in Selbsthilfegruppen begleitet. Das ist bundesweit beispiellos. Ich bin über diese Errungenschaften sehr glücklich, da diese mit Unterstützung meines Hauses und der Landesförderung erst möglich gemacht werden konnten. Zudem bin ich davon überzeugt, dass die Geschehnisse der Kinderverschickung nur gemeinsam mit ehemaligen Betroffenen aufgearbeitet werden kann.

Das Jahr 2024 scheint mit der im Raum stehenden Auflösung des Vereins und dem Auslaufen des vom Land gefördertem Projektes Kinderverschickung des Landesarchivs ein Jahr des Umbruchs zu sein. Ist jetzt genug geforscht?

Der Verein hat sich – aus mir unerklärlichen Gründen – selber dazu entschieden sich aufzulösen, obwohl das Land den Verein seit 2021 fördert. Außerdem haben wir für den Doppelhaushalt 2025/2026 weitere Mittel angemeldet. Aus meiner Sicht kann die Auflösung nicht an zu knappen Mitteln gelegen haben, sondern dürfte vielmehr auf verbandsinterne Entwicklungen zurückzuführen sein. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es nicht sinnvoll, eine finale Aussage zum Forschungsende zu treffen. Das muss die Wissenschaft tun. Als Landesregierung haben wir jedenfalls nachhaltige Strukturen geschaffen (Landesarchiv, Zeitzeugenarchiv, AKVBW), die weitere Forschung gewährleisten sollen – auch nach Beendigung einer staatlichen Förderung.

Wie soll oder kann es aus Ihrer Sicht weitergehen?

Es ist natürlich bedauerlich, dass der Verein sich auflöst. Es ist allerdings nicht von elementarer Bedeutung, in welcher Rechtsform sich die Betroffenen organisieren. Das Land wird sich weiterhin für eine lückenlose Aufarbeitung der Kinderverschickung einsetzen – wie bisher konstruktiv und fokussiert. Es ist im Interesse aller bisher beteiligten Akteure, dass der Runde Tisch bestehen bleibt. Die Impulse setzt der Runde Tisch – unter Beteiligung aller und auf Augenhöhe.

Verstehen Sie die von Betroffenen geäußerte Ungeduld mit Blick auf die Aufklärung? Sind und wenn ja, warum sind die Prozesse innerhalb der Politik mitunter zu langsam oder zu wenig transparent?

Ich kann ihre Ungeduld verstehen, wenn es mal nicht so schnell geht, wie sie es sich wünschen. Das ist aber der Sache geschuldet. Für eine umfangreiche Aufklärung braucht man einen langen Atem. Wir befinden uns in einem Marathon und nicht in einem 100 Meter-Sprint. Die letzte Frage beinhaltet eine Behauptung, die schlicht nicht zutreffend ist. Das federführende Referat meines Hauses leistet starke Arbeit über das eigentliche Arbeitspensum hinaus. Besonders von den Selbsthilfegruppen und von Betroffenen kommt immer wieder die Rückmeldung, wie wichtig die Begleitung ist. Diese Begleitung ist so nur möglich, weil mein Haus sehr schnell bereit war, unkompliziert zu unterstützen und dies auch weiterhin tun wird.

Wie lange kann die Politik solche Aufarbeitungsprozesse generell begleiten? Gibt es ein natürliches Ende?

Der Runde Tisch hat sich selbst zum Ziel gesetzt, bis circa 2026/2027 eine Art Abschlussbericht zu veröffentlicht. Dieses Datum ist aber nicht in Stein gemeißelt. Die Begleitung der Politik wird so lange möglich sein, bis sie nicht mehr nötig ist.

Wenn es dieses Ende gibt, ist das dann eine Frage der Finanzen?

Nein.

Oder eine Frage des Herangehens, wie Sie als Ministerium solche Prozesse gestalten wollen?

Wir sind so lange wie möglich und so lange wie nötig an der Sache dran.

Info

Land
Das Land Baden-Württemberg hat den Verein Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg seit 2020 mit jährlich 30 000 Euro unterstützt. Im Landesarchiv läuft noch bis Oktober ein über die Baden-Württemberg-Stiftung finanziertes Forschungsobjekt.

Verein
Mit diesem Geld hat der Verein Selbsthilfe, eine Geschäftsstelle, auf eigenen Initiative und in ehrenamtlicher Arbeit ein audiovisuelles Zeitzeugenarchiv aufgebaut. Momentan befindet sich der Verein nach dem Rücktritt des Vorstands in Liquidation. Sollten sich in dieser Zeit kein neuer Vorstand finden, löst er sich zum 31. März 2025 endgültig auf.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Interview