Ministerpräsident Kretschmann über Architektur Fotovoltaik auf allen Dächern

Von Ulla Hanselmann 

Bezahlbarer Wohnraum und emissionsfreies Bauen: Für die Architektenschaft hat Winfried Kretschmann eine klare Agenda, wie er beim „Sommerlichen Talk“ der Architektenkammer Baden-Württemberg in Stuttgart deutlich macht.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann macht sich stark für die Architektur im Land. Foto: dpa/Christoph Schmidt
Ministerpräsident Winfried Kretschmann macht sich stark für die Architektur im Land. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Stuttgart - „Sie sind einfach wichtig!“ Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagt diesen Satz im Garten des Hauses der Architekten in Stuttgart mit einem solchen Nachdruck, dass man ihn nicht einmal für einen Augenblick für eine bloße Bauchpinselei der Adressaten halten könnte. Die beim „Sommerlichen Talk“ anwesenden Architektinnen und Architekten dürften es mit Genugtuung hören. Eine überschaubare, handverlesene Schar – aufgrund der Corona-Beschränkungen hat die Architektenkammer Baden-Württemberg (AKBW) den jährlichen Sommer-Empfang als abgespecktes Format abgehalten, das live im Internet übertragen wurde.

Wichtig sind sie also, die Architekten, aber warum? Sie seien das „Nadelöhr“, um bei den beiden großen Aufgaben voranzukommen, die der Gastredner dem Bauwesen – „Stabilitätsanker für die ganze Konjunktur“ – zuweist: erstens bei der „Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum für durchschnittliche wie auch unterdurchschnittliche Einkommen“, und zweitens beim „emissionsfreien Bauen“. „Wenn Sie da nicht mitziehen, dauert es ewig und drei Tage, bis sich Innovationen durchsetzen, so der Ministerpräsident. „Bleiben Sie also an diesen Themen dran!“, fordert er die Planer auf und wirbt insbesondere für den ökologischen Baustoff Holz, „da ist noch viel Luft nach oben“.

Bauen ist ein „Akt der Beheimatung“

Mit Vehemenz und klaren Worten absolviert Winfried Kretschmann den einstündigen Talk mit dem Kammerpräsidenten Markus Müller rund um die Themen „Wohnen, Bauen, Leben“ und lässt durchblicken, warum er sie für bedeutsam hält. Bauen sei eben nicht nur ein „Akt der Behausung, sondern auch ein Akt der Beheimatung“; die Frage, wie Städte, Schulen und Wohnhäuser aussehen müssten, um diese Beheimatung zu leisten, müsse viel mehr als bisher im Vordergrund stehen.

Viel Anlass zur Gegenrede bietet der MP dem Gastgeber nicht. Kammerpräsident Müller und auch die Moderatorin, die AKBW-Pressesprecherin Gabriele Renz, nutzen dennoch die Gelegenheit, um sich von der Landesregierung deutlich mehr Experimentiermut und Lenkungswirkung zu wünschen. Müllers Hinweis, dass in der Wohnraum-Frage viele Kommunen überfordert seien, wenn es darum ginge, nachbarschaftliche, dichte und zukunftstaugliche Quartiere zu schaffen und von der Landesregierung mehr Unterstützung benötigten, lässt Kretschmann nicht gelten: „Wohnbau ist im Kern eine kommunale Aufgabe, Ihre Sparringspartner sind Oberbürgermeister und Bürgermeister.“

Fotovoltaik für „alle Dächer“

Bei der Fotovoltaik-Pflicht, die laut Koalitionseinigung nur für Gewerbeimmobilien kommen soll, macht Müller aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, reiche dies bei weitem nicht aus, hierfür seien in Baden-Württemberg etwa 130 Millionen Quadratmeter Fotovoltaik-Fläche nötig. Ministerpräsident Kretschmann verspricht: „Ich werde keinen Koalitionsvertrag mehr unterschreiben, in dem keine Fotovoltaik-Pflicht steht, und zwar für alle Dächer, mit Ausnahmen, das heißt auch für Bestandsgebäude“, zudem plädiert er dafür, hier wie auch in anderen Bereichen der „dramatischen“ Überregulierung zu Leibe zu rücken.

Bei Lippenbekenntnissen aber soll es nicht bleiben, es scheint ihm tatsächlich um konkreten Fortschritt zu gehen: „Herr Müller, Termin nach der Sommerpause!“, bietet er dem Gastgeber an, um dessen dringlichsten Anliegen zu besprechen. Keine Frage: Das Angebot wird freudig angenommen.

Der „Sommerliche Talk“ der AKBW mit Winfried Kretschmann ist abrufbar unter https://21zone.eu/page/akbw.




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