Mirko Weber bei „StZ im Gespräch“ Rätseln über das unberechenbare Bayern

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In der Reihe „StZ im Gespräch“ beschreibt der Münchner Korrespondent Mirko Weber das Erfolgsgeheimnis von Horst Seehofer, die Abgestandenheit des Mia-San-Mia-Gefühls und die fehlende Zukunftsfähigkeit der CSU.

Der  Münchner Korrespondent Mirko Weber (links) im  Gespräch mit Dieter Fuchs, dem Ressortleiter der Seite Drei der Stuttgarter Zeitung. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 15 Bilder
Der Münchner Korrespondent Mirko Weber (links) im Gespräch mit Dieter Fuchs, dem Ressortleiter der Seite Drei der Stuttgarter Zeitung. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Um das Lob vorwegzunehmen und am Ende anzufangen: Mehrere der 200 Leserinnen und Leser , die am Dienstagabend das Studio S im Pressehaus Stuttgart auf den letzten Platz füllten, sprachen dem Bayern- und Österreich-Korrespondenten Mirko Weber (52) ihr ausdrückliches Kompliment aus: für seine ironisch und süffisant geschriebenen Texte, die sich vom „trockenen Ton“ anderer Berichte abheben würden – dafür gab es Applaus. Der Rheinländer Weber, der seit 15 Jahren aus München berichtet, entgegnete, er wolle seriös berichten, aber auch unterhalten und da tue ein „schräger Blick“ auf die Dinge manchmal ganz gut.

Anderseits sind selbst die politischen Angelegenheiten in Bayern manchmal schräg und rätselhaft. Der Moderator des Abends, Dieter Fuchs (47), Ressortleiter der Seite Drei und aus Regensburg stammend, stieg gleich mit einer Frage nach dem „Egoismus“ ein, den die bayerische Landesregierung bei der Führung von Stromtrassen – nicht durch Bayern! – als auch bei der Ablehnung von Atommüll an den Tag lege. Weber erklärte die Blockadehaltung allein mit der Person Horst Seehofers. Er, der instinktgetriebene Machtpolitiker, der das Ohr stets am Volke habe, der im Parlament jede Minute absitze, um ja alles mitzukriegen, der sei nach wenigen Protestversammlungen gegen die Trassen umgekippt. „Seehofer unternimmt nichts, was gegen die Bevölkerung zu machen ist.“ Die einzige Ausnahme könnte die Pkw-Maut sein, bei der es auch kritische Stimmen in der CSU gegeben habe.

Ansonsten schaffe es der Ministerpräsident mit der Maxime, „sein Land oben zu halten“, zu glänzen. Dazu komme der wirtschaftliche Erfolg des Landes und ein guter Beamtenapparat im Staatsministerium, der Bayern vielleicht „auch unter einer anderen Regierung gut laufen lassen würde“. Aber nach einem Machtwechsel sieht es derzeit nicht aus. Die CSU ist wieder fest im Sattel, hat ihr Tief unter Günther Beckstein – den Weber als aufrichtigen, zuhörenden Protestanten und „meinen Lieblingsministerpräsidenten“ schilderte – längst überwunden. Es dominieren die Machtmenschen, etwa Markus Söder, ein Nachfolgekandidat Seehofers. Dass die männerdominierte CSU eine Frau an die Spitze hebe, das könne er sich nicht vorstellen, zumal Ilse Aigner „das Selbstdarstellerische fehle“. Trotz der Wahlerfolge zieht Weber die Zukunftsfähigkeit der Christsozialen in Zweifel. „Es müsste hinter der reinen Machtpolitik doch Ideen für die Zukunft geben. Aber da sehe ich nicht viel.“

Österreich als zweite Liebe

Auf die Frage, was sich in Bayern in 15 Jahren verändert habe, schilderte Weber Nuancen in den alten Konstanten. Das Land versuche mit der Moderne Schritt zu halten, gleichzeitig mit „besonderem Gewese“ aber die Tradition hochzuhalten und das abgenutzte „Mir-San-Mir-Gefühl“ zu pflegen. Dies helfe im Austausch mit anderen aber nicht weiter. Eine gewisse Selbstbeweihräucherung attestierte Weber auch München, die museale Stadt, die sich im Spiegel anschaue und frage: „Bin ich schön? Ja, ich bin sehr schön!“ Das reiche auf Dauer nicht, und da tue ein Zuzug etwa des Dramaturgen Matthias Lilienthal aus Berlin der Stadt gut. Der stelle Buden und Zelte auf die Maximilianstraße um gegen die horrenden Mieten zu protestieren.

Mirko Weber hat nicht nur Bayern für sich und seine vierköpfige Familie entdeckt, seine zweite Liebe gilt dem Berichtsgebiet Österreich, das ihn noch eine Spur fassungsloser macht als Bayern. Etwa eine Szene aus dem Kärntner Wahlkampf, als nach Jörg Haiders Tod seine Gefolgsleute von der FPÖ an potenzielle Wähler Euro-Scheine verteilten. „Das war offene Korruption.“ Das Erstarken der FPÖ, die „subkutan“ gegen Ausländer hetze, sieht der Korrespondent mit Sorge. Für ihn die faszinierendste Reportage sei auf einer dreitägigen Reise im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet gewesen. Man brauche Zeit, „hinter etwas zu kommen“. Es sei „toll“, dass ihm die Zeitung das ermögliche.

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