Miroslav Nemec in Fellbach Dem Sog der Erzählung kann sich keiner entziehen

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Ein großartiger Miroslav Nemec, bekannt aus dem „Tatort“, bringt dem Publikum mit „Alexis Sorbas“ die Leichtigkeit des Daseins nahe – und erntet dafür tosenden Applaus.

Faszinierender Vorleser: Miroslav Nemec begeistert in Fellbach. Foto: Brigitte Hess
Faszinierender Vorleser: Miroslav Nemec begeistert in Fellbach. Foto: Brigitte Hess

Fellbach - Menschen wie ich sollten tausend Jahre leben“, schreibt Alexis Sorbas vom Totenbett aus in seinem letzten Brief an den Freund in Griechenland. „Ein lebendiges Herz, eine unverbrauchte Seele, die sich ... noch nicht von ihrer Mutter, der Erde, getrennt hatte.“ So schildert der Schriftsteller Nikos Kazantzakis in seinem weltberühmten Roman „Alexis Sorbas“ seine Titelfigur. In der Ich-Form und auf autobiografischen Erlebnissen beruhend, beschreibt er die Begegnung eines intellektuellen Zögerers mit einem vor Lebensfreude schier platzenden Freigeist.

Das Bühnenbild ist sehr schön komponiert, im Hintergrund sitzen die Musiker des Orchístra Laskarina

Den gleichnamigen Film mit dem Sirtaki tanzenden Anthony Quinn vor Augen, sieht man in der Veranstaltung des Fellbacher Kulturamts Miroslav Nemec an einem schlichten Tischchen sitzen und kann sich nicht so recht vorstellen, wie der mit den Jahren ein wenig statisch gewordene „Tatort“-Kommissar als Lesender diese saft- und kraftstrotzende Geschichte herüberbringen will.

Dass es gelingt, weiß man nach wenigen Sätzen, denn der Schaupieler Nemec liest nicht. Es ist nachgerade ein Kammerspiel erster Klasse, das er den Zuschauern im an beiden Abenden vollen Haus bietet. Das Bühnenbild ist sehr schön komponiert, im Hintergrund sitzen die Musiker des Orchístra Laskarina. Sie begleiten die Lesung einfühlsam, unaufdringlich ertönen in der Weltmusik immer mal die typischen griechische Klänge von Bouzouki und Santouri. Rauchschwaden ziehen durch die Lichtkegel, die die fünf Musiker erfassen. Die bekannte Lichtdesignerin Birte Horst war hier am Werk. Der in jedem Satz, in jeder Geste überaus präsente Miroslav Nemec bleibt nicht statisch am Platz, mal wechselt er zu einem Stehpult, er zieht sein Jackett aus, krempelt die Ärmel hoch, setzt sich auf ein rotes Sofa am anderen Bühnenende. Seine Stimme moduliert vom tiefen Bass, mit dem er den Sorbas als echten Naturburschen zeichnet, und hebt sie bis zum variierenden Säuseln, das die Frauen der Handlung zum Leben erweckt.

Das Publikum jubelt, pfeift und klatscht – und hat einen wunderbaren Abend erlebt

Man kann sich dem Sog der Erzählung nicht entziehen, man sieht das Meer, die Boote, den blauen Himmel und die Sonne über dem Mittelmeeridyll auf der Insel Kreta, duckt sich fast, als die Seilbahn zusammenbricht. Am Wirtshaustisch die beiden so verschiedenen Männer, Sorbas der Laute, Lebensgierige, der sich unbekümmert nur an der Menschlichkeit und seinen eigenen Gesetzen orientiert, und der von Zweifeln und den Fragen des Lebens gequälte, eher der Askese verschriebene Ich-Erzähler. Der Regisseur Martin Mühleis hat auf der Grundlage des Romans ein Melodram geschaffen, das der Grimme-Preisträger Miroslav Nemec mit Herzblut in Szene setzt. Und ja, den Sirtaki tanzt er auch, leise angedeutet, in wenigen Schritten nur. Aber der Rhythmus, die sich über die Erdenschwere erhebende Leichtigkeit – man hätte es nicht besser inszenieren können.

Das Publikum jubelt, pfeift und klatscht – und hat einen wunderbaren Abend erlebt.